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Dermatologie 4. März 2009

Interview – Aus für Prednisolon?

Neue Option revolutioniert Behandlung von Problemhämangiomen.

Hämangiome sind keine seltenen Störungen: Die Häufigkeit im Kindesalter wird mit zirka drei Prozent angegeben. Bei Frühgeborenen gehen die Schätzungen bis zu zehn Prozent. Eine neuartige Behandlung mit einer bereits in der Kardiologie bewährten Substanz lässt die Hautveränderungen bereits binnen weniger Tage deutlich verblassen.

 

Prof. Dr. Hansjörg Cremer war bis 1996 Leiter der städtischen Kinderklinik Heilbronn und leitet derzeit das Netzwerk interdisziplinäre pädiatrische Dermatologie e.V. (NipD, www.hautnet.de), Heilbronn. Er befasst sich seit vielen Jahren intensiv mit Fragen der Klassifizierung und der Behandlung kindlicher Hämangiome. Im Interview erklärt er den zukünftigen Stellenwert von Propranolol in der Hämangiom-Behandlung: „Alle Publikationen der letzten Jahre über Hämangiome müssen als veraltet betrachtet werden.“

 

Wie beurteilen Sie die Ergebnisse der Propranolol-Behandlung?

CREMER: Die Zufallsbeobachtung der Arbeitsgruppe aus Bordeaux stellt für mich eine Sensation dar und bedeutet aus meiner Sicht den größten Fortschritt in der Hämangiombehandlung in den letzten 30 Jahren.

Eigentlich müssten alle Publikationen der letzten Jahre über Hämangiome als veraltet betrachtet werden. Dies gilt auch für die erst im letzten Jahr neu erstellte Leitlinie zur Hämangiomtherapie, an deren Abfassung ich beteiligt war.

Seit langem ist bekannt, dass Frühgeborene zirka dreimal häufiger Hämangiome haben als Reifgeborene. Warum ist das so?

CREMER: Eine plausible Erklärung gab es bisher nicht. Fast alle Mütter mit vorzeitigem Wehenbeginn erhalten Wehenhemmer. Der Wirkstoff ist Fenoterol, ein Beta-2-Sympathomimetikum, und hat unter anderem einen gefäßerweiternden Effekt. Vielleicht ist also dieser Wehenhemmer ursächlich mit verantwortlich für die Entstehung der Hämangiome.

 

Propranolol ist für eine Behandlung von Hämangiomen bisher nicht zugelassen. Wurden bisher Nebenwirkungen beobachtet?

CREMER: Alle Fälle sprachen auf die Behandlung an. Beeindruckend war, dass eine Besserung bereits nach einigen Tagen eintrat. Bisher traten in keinem Fall unerwünschte Nebenwirkungen auf. Der Beta-2-Blocker Propranolol ist in der Kinder-Kardiologie seit langem bekannt. Nach Aussage prominenter Kinderkardiologen wie zum Beispiel Prof. Ulmer aus Heidelberg oder Prof. Hofbeck aus Tübingen ist bei der empfohlenen Dosierung von 2 mg/kg, verteilt auf drei Dosen – am ersten Tag Beginn mit 1mg/kg –, nicht mit unerwünschten Nebenwirkungen zu rechnen.

Da es sich um eine systemische Therapie handelt, stellt sich in erster Linie die Frage der Verträglichkeit. Eine gewisse Skepsis ist dabei durchaus gerechtfertigt, mussten wir doch inzwischen erkennen, dass das zeitweilig bei bestimmten Problemhämangiomen verwendete Interferon-alpha-2a wegen der hohen Rate an bleibenden Nebenwirkungen nicht mehr indiziert ist.

 

Wirken auch andere Betablocker?

CREMER: Da die verschiedenen Betablocker ein recht unterschiedliches Wirkungsspektrum aufweisen, empfiehlt es sich – laut Expertenmeinung –, sich zunächst streng auf die Anwendung von Propranolol zu beschränken, da hierüber die mit Abstand meisten kinderkardiologischen Erfahrungen vorliegen.

Welche Hämangiome sollten einer Behandlung mit Propranolol zugeführt werden?

CREMER: Im Prinzip alle Hämangiome, welche bisher mit Prednisolon – unter Umständen in Kombination mit Laser – behandelt werden mussten (Kasten). Prinzipiell würde ich eine systemische Behandlung dann ablehnen, wenn sich der gleiche Erfolg mit einer gut verträglichen Lokalbehandlung erzielen lässt. Ich empfehle Propranolol zur Erstbehandlung derjenigen Fälle, welche bisher eine Prednisolonbehandlung oder eine Lasertherapie unter Narkose bedurft hätten.

 

Wie lange ist die Therapiedauer?

CREMER: Die Behandlungsdauer beträgt – je nach klinischem Erfolg – vier bis sechs Monate.

 

Wann sollte mit einer Behandlung begonnen werden?

CREMER: Wie bei der Kryotherapie gilt: so früh als möglich. Hämangiome im Gesichtsbereich sind eigentlich ein „Notfall“ und sollten innerhalb von drei Tagen behandelt werden. Aber selbst bei verspätetem Therapiebeginn sind offensichtlich noch erstaunliche Verbesserungen zu erzielen.

 

Wie sehen Sie die Zukunft der Hämangiombehandlung?

CREMER: Propranolol wird Prednisolon bei der Behandlung von Problemhämangiomen völlig ersetzen, nicht jedoch eine Laserbehandlung Aber künftig wird sich die Indikation für eine Laserbehandlung dahingehend ändern, dass verbleibende Restbefunde nach primärer Ausreizung der Propranololbehandlung zusätzlich gelasert werden.

 

Das Gespräch führte Dr. Karin Reischl.

Kasten:
Empfehlenswerte Einsatzgebiete für Propranolol
  • Alle segmentalen Hämangiome im Gesichtsbereich
  • Flächige Hämangiome im Bereich der Ohrmuschel
  • Ausgedehnte segmentale Hämangiome im Stamm-/Extremitätenbereich
  • Lokalisierte und nicht determinierte Hämangiome im Augen-, Nasen-, Ohren- und Lippenbereich und lokalisierte Hämangiome im Anal- oder Genitalbereich, welche nicht durch Kryotherapie erfasst werden können
  • Tiefliegende Hämangiome im Augenbereich mit drohenden Verdrängungen
  • Ausgedehnte lokalisierte Hämangiomatosen und versuchsweise auch generalisierte Hämangiomatosen

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