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Wenn alle schauen Eine chronische Erkrankung wie die Schuppenflechte führt, vor allem in schweren Fällen, oft zum sozialen Rückzug. Die erfahrene Ablehnung fördert Depressionen und Selbstmordgedanken.
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Mag. Dr. Eva Lehner-Baumgartner Klinische Psychologin, Gesundheitspsychologin und Verhaltenstherapeutin, Dermatopsychologische Ambulanz am Wiener AKH

 
Dermatologie 23. März 2011

Wechselspiel zwischen Körper und Seele

Eine chronische Hauterkrankung wie Psoriasis kann einen großen Einfluss auf die Psyche der Betroffenen haben.

Patienten mit schwerer Psoriasis profitieren von einer regelmäßigen psychologischen Betreuung, denn einerseits ist die Auseinandersetzung mit einer chronischen Erkrankung per se psychisch belastend und andererseits ist bekannt, dass psychosoziale Stressoren nicht nur bei der Erstmanifestation der Erkrankung eine entscheidende Rolle spielen, sondern auch im Verlauf der Erkrankung einen wesentlichen Faktor darstellen.

 

Eine chronische Hauterkrankung wie Psoriasis kann einen großen Einfluss auf die Psyche der Betroffenen haben. Es kann zu Einschränkungen im Verhalten bei persönlichen und sozialen Aktivitäten kommen, die die Akzeptanz und den Umgang mit der Erkrankung betreffen. Auch die Selbstversorgung ist bei Psoriasis-Patienten durch die Krankheit beeinträchtigt, beispielsweise die Haushaltsführung, die Körperpflege, die Wahl der Kleidung sowie die Beweglichkeit und Geschicklichkeit im täglichen Leben.

In weiterer Folge können daraus massive Einschränkungen im Sozialleben resultieren. Es kommt vor, dass die Betroffenen keine Beziehungen mehr eingehen, sich weitgehend aus dem Sozialleben zurückziehen und schließlich völlig vereinsamen.

Weiters können das Berufsleben sowie in Folge die wirtschaftliche Autonomie beeinträchtigt werden. Es wundert daher wenig, dass Personen mit Psoriasis häufiger als Patienten mit anderen schweren Hauterkrankungen klinisch fassbare Merkmale einer Depression aufweisen. Aufgrund der depressiven, gedrückten Stimmung und den häufig erfahrenen Zurückweisungen durch andere entsteht eine erhöhte Angst vor Kontakten. Dies verstärkt die ohnehin vorhandene soziale Rückzugstendenz, die bis hin zu suizidalen Ideen ausufern kann. Nicht selten entstehen aufgrund der psychosozialen Stressoren ungünstige Coping-Stile, z. B. vermehrter Alkoholkonsum oder Nikotinabhängigkeit.

Eingeschränkte Lebensqualität

In einer umfangreichen Befragung von 3.753 Patienten mit Psoriasis zeigte sich, dass 45 Prozent der Befragten die Erkrankung als „problematisch“ empfinden, und sich 25 Prozent psychisch „stark“ belastet fühlen.1 Eine andere repräsentative Umfrage aus dem Jahr 20072 mit 1.511 Psoriasis-Patienten in Deutschland zeigte, dass ca. 35 Prozent eine starke Minderung ihrer Lebensqualität wahrnehmen. Noch massiver ist die Beeinträchtigung bei Patienten mit Psoriasis-Arthritis – hier gaben nahezu 60 Prozent psychische Probleme an.

Psoriatiker leiden besonders unter sichtbaren Hautveränderungen, Juckreiz, Müdigkeit, Stigmatisierungserleben, Gefühlen von Hilflosigkeit, Mut- und Hoffnungslosigkeit. Weiters sind die Betroffenen bei Alltagsaktivitäten beeinträchtigt, beim Sport, beim Friseurbesuch, im Schwimmbad, im Sexualleben usw.

Auswirkungen und Alter

Derselbe Schweregrad der Erkrankung hat in Abhängigkeit vom Alter völlig unterschiedliche Auswirkungen auf das psychische Befinden. So leiden die 15- bis 34-Jährigen besonders unter dem negativen Einfluss auf psychosoziale Bereiche und haben Probleme bei der Berufswahl, bei der Arbeitsplatzsuche, am Arbeitsplatz selbst, mit Freizeitaktivitäten, in der Sexualität – und bis zu zehn Prozent der Betroffenen haben sogar Suizidgedanken.

Insbesondere leiden junge Erwachsene unter dem negativen Einfluss der Erkrankung auf ihr psychisches Befinden. 81 Prozent der Patienten leiden unter einem vermehrten Schamgefühl, 75 Prozent empfinden sich als unattraktiv und 54 Prozent haben rezidivierende Depressionen.3

Makellose Haut ist in der heutigen Gesellschaft ein Zeichen für Gesundheit, Schönheit und Fitness. Hautkrankheiten können sich daher besonders negativ auf die Psyche auswirken, insbesondere bei jungen Erwachsenen. Rund zwei Drittel der Betroffenen empfinden sich als unattraktiv, in der Folge kommt es zu intrapsychischen (Abwertung der Selbstwahrnehmung, negatives Selbstbild) und interpersonellen Problemen (Instabilität persönlicher Beziehungen, sozialer Rückzug).

Mit Psoriasis leben lernen

Für nahezu alle Patienten gilt, dass das Erlernen einer Entspannungsmethode und adäquater Umgang mit Stressfaktoren wesentliche Inhalte einer psychologisch-psychotherapeutischen Behandlung darstellen. Darüber hinaus sollen die Betroffenen die Psoriasis akzeptieren und dadurch mit der Erkrankung leben lernen. Letztendlich muss sich eine Empfehlung für eine psychologische und/oder psychotherapeutische Behandlung immer am individuell Betroffenen orientieren.

Je nach Schwere der psychischen Symptomatik ist ein Stufenplan sinnvoll:

  1. Psychoedukation
  2. Entspannungstherapie: progressive Muskelentspannung, autogenes Training, konzentrative Bewegungstherapie
  3. Verbesserung der Compliance, z. B. Verhaltenstherapie
  4. Stärkung der Krankheitsbewältigung und Verbesserung der Alltagsbewältigung: Verhaltenstherapie, Hypnose, personenzentrierte, psychodynamische und systemische Therapien, aber auch Gruppentherapien
  5. Bei klinisch manifesten Depressionen oder Angststörungen empfiehlt sich eine Kombination von Psychotherapie und psychopharmakologischer Therapie.

Studien belegen einen längerfristigen Erfolg von psychosozialen Maßnahmen.

An der psychodermatologischen Ambulanz der Wiener Universitätsklinik für Dermatologie ist die Bereitschaft der Dermatologen sehr hoch, mit Psychologen bzw. Psychotherapeuten zusammenzuarbeiten. An diese Ambulanz weisen auch niedergelassene Dermatologen zu. Warum die psychosozialen Aspekte der Psoriasis noch immer zu wenig Berücksichtigung in der Behandlung finden, liegt vermutlich am kaum vorhandenen Angebot für psychologisch-psychotherapeutische Behandlungen.

Psychosoziale Aspekte werden unterschätzt

Es gibt zu wenig von den Krankenkassen finanzierte psychotherapeutische Behandlungen und die Kosten für klinisch-psychologische Behandlungen werden gar nicht von den Krankenkassen übernommen. Die ohnehin mit der Psoriasis-Behandlung verbundenen Mehrkosten erlauben es vielen Patienten nicht, noch einen weiteren finanziellen Aufwand auf sich zu nehmen.

Andererseits lehnt ein Teil der Patienten von sich aus eine ergänzende psychologische oder psychotherapeutische Behandlung ab – in diesem Zusammenhang sprechen wir von einer „doppelten Stigmatisierung“ –, teils aufgrund der Erkrankung, teils durch die Komborbidität mit einer psychischen Erkrankung.

Patienten mit schwerer Psoriasis wird empfohlen, regelmäßige psychologische Betreuung in Anspruch zu nehmen, denn einerseits ist die Auseinandersetzung mit einer chronischen Erkrankung per se psychisch belastend und andererseits ist bekannt, dass psychosoziale Stressoren nicht nur bei der Erstmanifestation der Erkrankung eine entscheidende Rolle spielen, sondern auch im Verlauf der Erkrankung einen wesentlichen Faktor darstellen.

 

1 Schmid-Ott et al., 2005 – EUROPSO Psoriasis Patient Survey - Deutschland

2 Augustin et al. J Dtsch Dermatol Ges 2007; 6(8): 640–45

3 Krueger et al., 2001, Archieves of Dermatology, 137:280-284

Von Mag. Dr. Eva Lehner-Baumgartner, Ärzte Woche 12 /2011

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