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Abb. 1: Bullöse Dermatitis artefacta, Selbstverletzung mit Zigaretten bei einem 33-jährigen Patienten mit paranoider Schizophrenie
 
Dermatologie 7. Februar 2011

Artificial Wounds

Artifizielle Wunden und Wundbeurteilung

Seit dem 19. Jahrhundert wurden unterschiedliche klinische und ätiologische Varianten artifizieller Wunden diskutiert. Artefakte werden mechanisch, thermisch oder chemisch hervorgerufen, wobei unterschiedliche Motive und Persönlichkeitsstörungen zugrunde liegen.

Zum Erkrankungsspektrum zählen die Akne excoriée, das artifizielle Extremitätenödem, die Cheilitis crustosa factitia, der Dermatozoenwahn, die Dermatitis artefacta, die dermatologische Pathomimikrie, das Gardner-Diamond-Syndrom, das Lesch-Nyhan-Syndrom, das Münchhausen-Syndrom, die artifizielle Paronychie, das Pseudo-Lesch-Nyhan-Syndrom, die „Liebesbisse“ am Unterarm, das sklerosierende Lipogranulom, die Trichotillomanie und Varianten der Prurigo nodularis.

Die Therapie der Artefakte wird neben einer okklusiven Lokalbehandlung nach einer sehr vorsichtigen Exploration mit gesprächstherapeutischen, fallweise auch mit psychopharmakagestützten, Therapiekonzepten durchgeführt. Der Ratschlag an den Patienten, den behandelnden Arzt auch schon bei kleinsten Hautveränderungen aufzusuchen, kann neben den genannten Therapiemethoden ebenso wie das bewusste „Nichtnachfragen“, wie einzelne Hautläsionen zustande gekommen sind, den Heilungserfolg günstig beeinflussen.

In den letzten Jahrzehnten wurden zunehmend pathologische Selbstverletzungen publiziert, die somatische Symptome psychiatrischer Erkrankungen darstellen. Weiters wurden artifizielle Hautveränderungen nach zerebralen Insulten und im Rahmen von schweren psychiatrischen Erkrankungen, wie bei paranoider Schizophrenie (Abb. 1), publiziert. Je nach Lokalisation des Insultes können die Artefakte im korresponierenden Dermatom des Infarktareales auftreten.

Systematische Wundbeschreibung

Um die chronischen Wunden kriteriengerecht beschreiben zu können, wurde das NÜRBURG-System1 entwickelt. Es ist einfach anzuwenden und kann auch bei regelmäßigen Kontrollen praktisch verwendet werden. Es handelt sich um ein zeitsparendes Verfahren, welches sich bei knapper werdenden Ressourcen bewährt. Eine chronische Wunde wird dabei nach den folgenden Kriterien beurteilt (Tabelle).

Verwendung des NÜRBURG-Systems:

  • Nekrose (N), übelriechend (ÜR), Beläge (B), Umgebungsrötung (UR), Granulation (G).
  • Jedes der Kriterien wird mit „0“, „+“ , „++“ oder „+++“ klassifiziert. „0 UR“ bedeutet z. B. keine Umgebungsrötung „+++ UR“ sehr starke Rötung. Auch im Hinblick auf die Beläge können diese Kriterien angewandt werden: „0 B“ bedeutet „keine Beläge“, „+ B“ bedeutet „Beläge unter 50 % der Wundfläche“, „++“ „über 50 % der Wundfläche“ und „+++“ „gesamte Wundfläche mit Belägen“. Wenn Nekrose und übler Geruch nicht mehr bestehen, kann mit den Kriterien B (Beläge) UR (Umgebungsrötung) und G (Granulation) das Auslangen gefunden werden.

Der Originalartikel ist nachzulesen in: WMW-Skriptum 4/2010
© Springer-Verlag, Wien

1 Wundheilungsambulanz, Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten, KH Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel, Wien

Beurteilung von chronischen Wunden anhand des NÜRBURG-Systems
KriteriumAusdehnungKurven-kürzelBeurteilung
Nekrose 0 %
< 50 %
50 %
100 %
0
+
++
+++
Angabe der betroffenen Wundgrundfläche in %
Übel riechend Kein übler Geruch
Geringgradig übler Geruch
Mäßggradig übler Geruch
Stark übler Geruch
0
+
++
+++
Intensität des üblen Geruches
Beläge 0 %
< 50 %
> 50 %
100 %
0
+
++
+++
Angabe der betroffenen Wundgrundfläche in %
Umgebungs-rötung Keine Umgebungs-rötung
Geringgradige Umgebungs-rötung
Mäßggradige Umgebungs-rötung
Starke Umgebungs-rötung
0
+
++
+++
Intensität der Rötung im Bereich der Wundumgebung
Granulation 0 %
< 50 %
> 50 %
100 %
0
+
++
+++
Angabe der betroffenen Wundgrundfläche in %
Quelle: Breier F, Walland T, Zikeli M (2008) Wundheilungsambulanz – eine Perspektive? Wundmanagement und Pflegedokumentationen. In: Kozon V, Fortner N (eds). ÖGVP Verlag, Wien, pp 15-20

Friedrich Breier1, Robert Feldmann und Andreas Steiner, hautnah 1/2011

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