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Prof. Dr. Klaus Wolff Emeritierter Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Wien „Wir können uns im internationalen Vergleich durchaus behaupten, wir sind gut!“
 
Dermatologie 13. Februar 2009

Quo vadis, Dermatologie?

Die Wissenschaft ändert sich rasant und damit auch die Praxis.

Zum Ende des Jahres fand an den drei Universitätshautkliniken in Wien, Innsbruck und Graz ein Führungswechsel statt. Bringt dieser Generationswechsel auch einen Paradigmenwechsel mit sich? Wir sprachen mit dem emeritierten Vorstand der Hautklinik in Wien, Prof. Dr. Klaus Wolff.

 

Es ist international anerkannt, dass Sie eine Schule der österreichischen Dermatologie aufgebaut haben. Viele Ihrer Schüler waren oder sind an führenden Positionen im In- und Ausland tätig, man sprach sogar von einem „Wolff-Rudel“. Kann diese Schule fortgesetzt werden?

Wolff: Ich bin davon überzeugt, dass diese Schule weiter fortgeführt wird, sowohl in Österreich als auch im Ausland wie etwa in Erlangen, München, Kiel, Münster oder in den USA und in Australien, wo Dermatologen arbeiten, die von uns ausgebildet wurden und nach wie vor den wissenschaftlichen Austausch mit uns pflegen. Allerdings muss man auch erkennen, dass nicht nur ein Generationswechsel stattfindet. Die Welt der Wissenschaft ändert sich rasant und damit auch die Dermatologie.

 

Welchen Stellenwert hat die österreichische Dermatologie international?

Wolff: Wir können uns im internationalen Vergleich durchaus behaupten, wir sind gut! Dazu nur einige Beispiele, die zeigen, wie universell die Dermatologie heute ist: Die grundlegenden Forschungen beschränken sich nicht nur auf Hautkrankheiten, Wundheilung oder Alterung der Haut, sondern sie bringen neue Erkenntnisse, sei es für die Behandlung von Krebs, Entzündungsprozessen, Gewebezüchtungen, die für die Gesamtmedizin von Bedeutung sind. So wurde an der Wiener Klinik im Rahmen von Forschungen über Vaskulitis ein Peptid entdeckt, das auch für die Behandlung von Herzinfarkt, septischem Schock, Entzündungen und damit in der Intensivmedizin eine Rolle spielt. Bei der Erforschung des HPV und der Entwicklung eines Impfstoffes gegen Gebärmutterhalskrebs haben ebenfalls die Dermatologen mitgewirkt. Im Zuge der Behandlung der Psoriasis mit Biologicals ergeben sich auch neue Heilungschancen für rheumatoide Erkrankungen. Unsere Schwerpunkte verlagern sich auf neue Gebiete, das Erkennen von Funktionen, Immunologie, Stammzellen, Genmanipulation. Eine biomedizinische Revolution hat begonnen, und die Zukunft ist vielversprechend.

 

Spiegeln sich die Erfolge der klinischen Forschung auch in den Praxen der niedergelassenen Dermatologen wider?

Wolff: Da sind wir mit einigen ernsten Aspekten konfrontiert. Die Therapie vieler Hautkrankheiten ist durch neue Medikamente einfacher geworden. Das hat die Begehrlichkeit anderer Fächer geweckt. Auch Allgemeinmediziner werden künftig mit Biologicals Psoriasis, entzündliche oder atopische Hautkrankheiten behandeln können. Herpes simplex, Herpes zoster, bakterielle und Pilzinfektionen werden auch ohne genaue Diagnose in die Ordinationen des Allgemeinmediziners abwandern. Dieser Entwicklung kann nur durch Kompetenz entgegengetreten werden, die eine enge Verbindung zwischen Klinik und niedergelassenen Ärzten voraussetzt.

 

Sind auch die Kliniken vom Übergreifen anderer Fächer betroffen?

Wolff: Durchaus. Autoimmunkrankheiten werden zunehmend von Internisten beansprucht. Das hat in den USA bereits dazu geführt, dass nur noch der chronisch diskoide Lupus erythematosus bei den Dermatologen verbleibt. Hat es aber einen Sinn, eine Dermatomyositis seitens des Dermatologen zu diagnotizieren, jedoch die Behandlung einem anderen Fach zu überlassen? Wir müssen dem Standpunkt entgegentreten, dass nur die Haut dem Dermatologen gehört, die systemischen Implikationen aber nicht!

 

Diagnose und Therapie des Melanoms sind Schwerpunkte der Wiener Klinik. Kann es als Anerkennung gewertet werden, dass der Melanom-Weltkongress 2009 in Wien abgehalten wird?

Wolff: Wir haben in der Diagnose und Therapie große Erfolge zu verzeichnen. Die Entwicklung einer wirksamen Tumor-Vakzine ist zwar noch nicht gelungen, wird aber intensiv betrieben. Doch auch in dieses Gebiet wollen Onkologen und Chirurgen vordringen. In den USA ist dem Dermatologen nurmehr die Diagnose von Primärtumoren überlassen. Dank unserer Initiative ist das in Österreich anders: Screening, Diagnose, Chirurgie, Therapie, Chemo- und Biochemotherapie werden vom Dermatologen oder in dermatologischen Zentren durchgeführt. Damit haben wir beste Bedingungen für die Entwicklung neuer, fortschrittlicher Therapien.

 

Wie beurteilen Sie den Trend zur sogenannten Lifestyle-Dermatologie?

Wolff: Dem zunehmenden Schönheitsbedürfnis der Menschen muss Rechnung getragen werden, aber es darf nicht dazu führen, dass mehr Geld für die Behandlung von Haarausfall als für die Tuberkulose ausgegeben wird oder mehr Botox gespritzt als Akne behandelt wird. Die Entwicklung ist allerdings erklärbar: Peeling, Fillers oder Botox sind schnell erlernbar und werden auch in Kosmetiksalons und Wellness-Einrichtungen angeboten. Dieser Trend ist höchst bedenklich, denn nur der Dermatologe hat dafür das entsprechende Wissen und die Erfahrung. Ich sehe noch eine weitere Gefahr für unser Fach: Mit der Fokussierung auf Lifestyle wird dem Dermatologen wieder das Image des Doktors zugeschrieben, der nur für die Haut zuständig ist, wenig über die Pathophysiologie weiß und Salben verschreibt. Umso mehr müssen wir wissenschaftliche und klinische Kompetenz beweisen, indem wir gegenüber anderen Fächern, in der Öffentlichkeit und in der Gesundheitspolitik unsere Professionalität zeigen und so unseren festen Platz in der Gesamtmedizin einnehmen. |

 

Das Gespräch führte Dr. Gerta Niebauer.

Prof. Dr. Klaus Wolff
Emeritierter Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie und Venerologie, Wien: „Wir können uns im internationalen Vergleich durchaus behaupten, wir sind gut!“

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