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Mit Schmieren allein ist es nicht immer getan: Die systemischen Auswirkungen mancher Dermatosen sind auch zu berücksichtigen.
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Doz. Dr. Robert Müllegger Leiter der Abteilung für Dermatologie und Venerologie, Landesklinikum Wiener Neustadt

 
Dermatologie 23. November 2010

Immer mehr Kinder haben Pilzinfektionen

Die Ansteckung erfolgt über den Kontakt. Daher reicht es nicht, nur den kleinen Patienten zu therapieren: Die Umgebung muss quasi mitbehandelt werden.

In den letzten Jahren lässt sich sowohl in Europa als auch in den USA eine sprunghafte Zunahme an Pilzinfektionen bei Kindern verzeichnen. Nicht immer werden sie gleich erkannt: Manche Hautsymptome sehen fälschlicherweise unverdächtig aus und andere wiederum können beispielsweise mit Bakterieninfektionen verwechselt werden. Eine gründliche Abklärung, etwa durch das Anlegen einer Pilzkultur im Labor, ist daher äußerst wichtig.

 

Bei Kindern sind zwei unterschiedliche große Gruppen an Pilzinfektionen zu unterscheiden: Die Tinea- sowie die Hefepilzinfektionen (Candida-Spezies).

Tinea capitis

Unter dem Begriff Tinea sind Fadenpilzinfektionen zu verstehen. Am häufigsten ist bei Kindern die Tinea capitis anzutreffen. Diese Erkrankung ist eine durch Dermatophyten hervorgerufene ansteckende Pilzinfektion der behaarten Kopfhaut.

Eine Pilzinfektion kann unterschiedliche klinische Symptome erzeugen. Es können sich auf dem Kopf kreisrunde oder ovale, schar begrenzte, haarlose Stellen bilden, die einzeln oder auch mehrfach vorkommen können. In dieser Zone brechen die Haare kurz über der Kopfhaut ab, es entsteht ein „haarloser Bezirk“, bei welchem aber keine Entzündungszeichen zu erkennen sind. Die mit kurzen Stoppeln bedeckten Stellen können mit weiß-gräulichen mehlstaubartigen Schuppen bedeckt sein. Da die Symptome diese Pilzes nicht sehr eindrucksvoll sind, bleiben sie oft lange unentdeckt. Im schlimmsten Fall kommt es zur Zerstörung der Haarwurzel, sodass an dieser Stelle kein Haar mehr nachwächst. Es existieren auch stärker entzündliche Pilzinfektionen, bei denen Eiterpusteln entstehen, sodass es bei der Untersuchung den Anschein hat, dass eine Bakterieninfektion vorliegt. Durch einen solchen Vorfall ist es möglich, dass falsche Medikamente verschrieben werden und sich die Pilzinfektion weiter ausbreitet. Eine frühzeitige Erkennung durch das Anlegen einer Pilzkultur im Labor und eine effiziente Behandlung einer Pilzinfektion sind demnach von großer Bedeutung.

Kopfpilz aus dem Autositz

Die Ansteckung erfolgt in der Regel über den Kontakt mit einem Haustier. Häufigste Infektionsquelle sind Katzen und Meerschweinchen, aber auch kontaminierte Gegenstände wie Plüschtiere oder Autositze. Tiere können die Erreger in ihrem Fell tragen, obwohl kein sichtbarer Befall vorhanden ist. In jedem Fall sollten Tiere, deren Fell kreisrunde Flecken aufweist oder mit Schuppen bedeckt ist, nicht angefasst werden.

Neben der Kopfpilzinfektion existieren noch zwei weitere häufige Pilzerkrankungen, nämlich die Tinea corporis sowie die Tinea manuum der Hände bzw. Füße.

Um eine weitere Ansteckung von anderen Kindern mit dem Kopfpilz zu vermeiden, sollten Kinder von Beginn der Therapie für mindestens zwei Wochen vom Kindergarten bzw. vom Unterricht freigehalten werden. Die Dauer der Freistellung hängt vom Verlauf der Krankheit ab.

Nicht frühzeitig absetzen

Rein äußerliche Therapien sind bei Tinea-capitis-Infektion meist wirkungslos. Es ist eine zusätzliche innerliche medikamentöse Therapie anzudenken. Dafür stehen die Medikamente Terabinafin, Fluconazol, Itraconazol sowie Ketokonazol zur Verfügung. Eine Pilzinfektion ist am besten von zwei Seiten in Kombination – innerlich und äußerlich – effektiv zu behandeln: Die innerliche Behandlung erfolgt durch orale Medikation, die äußere mit Cremes und Shampoos. Die Einnahmedauer der Medikamente beträgt je nach Schweregrad der Erkrankung mindestens vier Wochen. Entscheidend ist der mikrobiologische Befund aus dem Labor. Solange dieser positiv ist, darf mit der Therapie nicht aufgehört und das Medikament nicht abgesetzt werden. Wichtig ist, die Patienten daran zu erinnern, hier nicht eigenmächtig zu handeln und das Medikament nicht frühzeitig abzusetzen.

Kooperation mit dem Tierarzt

Wird ein Pilzbefall in der Schule oder im Kindergarten bekannt, sollte präventiv das Haustier auf Verdacht einer Infektion vom Tierarzt untersucht werden. Bei der Untersuchung des Haustieres ist darauf zu achten, dass der Tierarzt entsprechend geschult ist.

Hygiene ist wichtig

Wichtig ist es auch als präventive Maßnahme das Austauschen von Kämmen, Handtüchern, Kappen und Mützen in der Familie bzw. auch in der Schule und im Kindergarten. Ist die Infektion bereits eingetreten, ist auf eine disziplinierte Hygiene zuachten.

Da die Pilze auch Gegenstände besiedeln können, müssen diese desinfiziert, ansonsten entsorgt werden. Bei Gegenständen aus Hartplastik wie Bürsten und Kämmen ist es möglich, diese auszukochen. Metallische Gegenstände sind durch eine Lösung oder chemische Reinigung pilzfrei zu machen. Zudem empfiehlt es sich, Stoffe der Gewebe – Handtücher und dergleichen – zur Kochwäsche zu geben. Stoffe und Gewebe müssen bei mindestens 60 Grad Celsius gewaschen werden, um eine weitere bzw. eine neuerliche Infektion zu vermeiden.

Nagelpilz immer häufiger

Pilze neigen dazu, Haut und Hautanhangsgebilde – nämlich Haare und Nägel – zu besiedeln. Auch Nagelpilzinfektion sind seit wenigen Jahren bei Kindern im Vormarsch – früher waren diese eher für Erwachsene typisch. Vor allem Fußnägel, aber auch Fingernägel können angegriffen werden. Für Nagelinfektionen existieren mehrere Gründe: Tragen von engem Schuhwerk, Durchblutungsstörungen oder Zuckerkrankheit. Dies sind Faktoren, die bei Kindern um ein Vielfaches seltener als bei Erwachsenen vorkommen oder bei diesen gar fehlen. Tritt eine Erkrankung auf, ist neben der medikamentösen Therapie auch eine disziplinierte Hygiene wichtig. Auch Socken und Schuhe müssen desinfiziert werden.

Hefepilzinfektionen

Die zweite große Gruppe von Pilzinfektionen sind Hefepilzinfektionen. Davon sind häufig der Windelbereich von Säuglingen (Windelsoor) oder die Schleimhäute von Kindern (z. B. Mundsoor) betroffen. Eine Hefepilzinfektion verursacht im Windelbereich Rötungen, die eine gewisse Randbetonung zeigen. Unter anderem zeigen sich in diesem Fall sogar oft Eiterpusteln als ein Symptom dafür. Eine Hefepilzinfektion kann sich auch an den Mundwinkeln manifestieren, was Ähnlichkeit zu Mangelernährung haben kann, aber auch zu Ekzemen. Eine Abklärung ist deswegen besonders wichtig, um eine weitere Ansteckung zu vermeiden. Die Ansteckung erfolgt, wie auch bei Tinea capitis, über Kontakt, daher ist ein rechtzeitiges Erkennen der Erkrankung von hoher Bedeutung für eine rasche Bekämpfung. Beide Arten von Pilzinfektionen können vom Kind auf Erwachsene übertragen werden, wirken sich jedoch beim Erwachsenen weniger gravierend aus.

Windelsoor verhindern

Einer Infektion im Windelbereich kann vorgebeugt werden, indem das Kind nur mit reinem Wasser gewaschen wird, Windeln häufig gewechselt werden, eine feuchtigkeitsspendende (nicht fettende) Pflegecreme verwendet wird und der Windelbereich möglichst trocken gehalten wird. Eine Hefepilzinfektion ist bei gesunden Kindern mit einer rein äußerlichen Therapie zu beseitigen.

In den ersten sechs Monaten besonders oft

Mundsoor ist eine Infektion der Mundschleimhaut, die durch Hefepilze verursacht wird. Weiße Beläge auf der Mundschleimhaut kennzeichnen die Erkrankung. Besonders häufig erkranken Babys bis zum sechsten Lebensmonat. Später tritt Mundsoor meist nur dann auf, wenn das Kind in seiner natürlichen Abwehr geschwächt ist oder beispielsweise über einen längeren Zeitraum Antibiotika eingenommen hat.

Die Pilzinfektion kann auch die Haut und die Schleimhäute anderer Körperstellen, beispielsweise der Speiseröhre, des Magen-Darmtrakts oder des Genitalbereichs, befallen.

So rasch wie möglich behandeln

Bei Säuglingen tritt der Mundsoor oft zusammen mit einer Pilzinfektion im Windelbereich auf, dem sogenannten Windelsoor. Die Haut im Windelbereich ist besonders empfindlich, vor allem, wenn der Säugling selten gewickelt wird oder wenn er unter Durchfall leidet. In der Regel besteht aber kein Grund zur Sorge. Soor sollte aber so schnell wie möglich behandelt werden, da entzündete Stellen im Mund dem Baby die Lust am Saugen nehmen. Mundsoor wird lokal durch Auftragen von antimykotischen Substanzen behandelt. Meist dauert die Behandlung des harmlosen Mundsoors nur ein paar Tage.

Unter Umständen steckt sich das Neugeborene schon bei der Geburt durch die Scheide seiner Mutter an, weitere Ursachen können nicht sorgfältig sterilisierte Gegenstände (z.B. Flaschensauger), infizierte Brustwarzen, eine vorausgegangene längere Antibiotika-Therapie oder eine Abwehrschwäche sein.

Anzeichen für Mundsoor können weißlich-graue Beläge auf der Mundschleimhaut und ein brennendes Gefühl im Mund oder im Rachen sein. Auch Trinkschwäche kann ein Anzeichen dafür sein.

Von Univ. Doz. Dr. Robert Müllegger, Ärzte Woche 47 /2010

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