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Prof. Dr. Werner Aberer Vorstand der Universitätsklinik für Dermatologie an der MedUni Graz

 
Dermatologie 10. November 2010

„Betroffene wurden im Regen stehen gelassen“

Die EADV-Kampagne „healthy skin @ work“ soll Berufsdermatosen verhindern

2010 startete die EADV (European Academy of Dermatology and Venerology) die Kampagne „healthy skin @ work“. Damit reagiert sie auf ein massives Problem: Dermatosen stehen in der europäischen Rangliste der arbeitsbedingten Gesundheitsprobleme an zweiter Stelle. In der Gruppe der 15- bis 25-Jährigen machen Dermatosen 90 Prozent aus. Viele Arbeitnehmer könnten ihre Gesundheit und ihren Arbeitsplatz länger erhalten, wenn die Prävention, Aufklärung und Behandlung frühzeitig sichergestellt wären.

Derzeit ist Prof. Dr. Werner Aberer mit seiner Abteilung der einzige Ansprechpartner der Kampagne in Österreich. Das Netzwerk soll, auch innerhalb Österreichs, weiter ausgebaut werden. Im Gespräch mit hautnah erklärt er, warum die Berufsdermatologie besser etabliert werden muss.

 

Welche Maßnahmen wurden im Zuge der Kampagne heuer umgesetzt?

 

WERNER ABERER: Die Situation bezüglich Berufsdermatologie und insbesondere Maßnahmen für einen sicheren Arbeitsplatz, eine zielführende Beratung, wenn Probleme passiert sind und dann eventuell Umschulungs- und Rehabilitationsmaßnahmen erforderlich werden, sind von Land zu Land völlig unterschiedlich. Deswegen muss auch die Kampagne in den einzelnen Ländern unterschiedlich auf- und durchgezogen werden.

Auf europäischer Ebene gibt es derzeit Bestrebungen, durch die Zusammenarbeit von Fachexperten, den Behörden, aber auch Arbeitnehmervertretern und sogar den Arbeitgebern sowie unter Einbindung der Politik das Thema Berufsdermatosen zu einem Schwerpunktthema zu machen: Die häufigste Berufsdermatose, das Handekzem, wurde bisher weitgehend als Problem ignoriert, Betroffene insuffizient diagnostiziert und behandelt und letztlich im Regen stehen gelassen.

Im Vordergrund dieser Aktivität stehen bisher Maßnahmen in den Medien sowie im Internet: Aktivitätswochen in Deutschland und anderen Ländern haben große Aufmerksamkeit erregt.

In Österreich wurden Gespräche mit den Behörden (AUVA, Arbeitsinspektorat im Sozialministerium, den Fachexperten) geführt, um entsprechende Initiativen zu starten.

 

Welche weiteren Schritte sind geplant?

 

WA: Der Schwerpunkt Berufsdermatologie muss in Aus- und Fortbildung gestärkt werden, die dermatologischen Abteilungen brauchen Experten, die Betroffenen Anlaufstationen. Ob dies über das ganze Land verteilt sinnvoll ist oder einige wenige Zentren zielführender wären, wird zu diskutieren sein. Also muss der erste Schritt sein, Ansprechpersonen zu definieren.

Die Betreuung von Betroffenen ist oft nicht ideal; die AUVA ist großzügig etwa mit Umschulungen und Erholungsmaßnahmen. Beides ist bei Berufsdermatosen hilfreich, sollte aber nicht erste Priorität, sondern letzter Ausweg sein. Die nächsten Schritte sind somit klar: Gespräche mit allen Betroffenen.

Ein sehr erfolgreiches Beispiel ist die Zementindustrie. Sie hat in den letzten Jahren mehrere Kampagnen für die Sicherheit am Bau gestartet (Schutzhandschuhe, Schutzschuhe, Schutzbrille), die zu einer deutlichen Reduktion von Unfällen und damit verbundenen Verletzungen sowie natürlich auch Arbeitsausfällen geführt haben (www.hautschutz-info.at).

 

Woran hapert es zur Zeit noch?

 

WA: Es hapert bei uns so wie in vielen anderen Ländern an mehrerem: Das Problembewusstsein der Betroffenen in den entsprechenden Risikoberufen ist nicht da: Solange man keine Probleme hat, werden keine Präventionsmaßnahmen akzeptiert. Gefährdet sind aber viele: In Berufen, die als Nassberufe einzustufen sind – und das zieht sich vom Friseurgewerbe bis zu den Gesundheitsberufen (Handschuhtragen) – sind Handekzeme, mit oder auch ohne Sensibilisierungen häufig. Wenn diese Ekzeme chronifizieren, ist ein Verbleib im Beruf häufig nicht möglich – in Österreich wird derzeit zu wenig vorgebeugt im Sinne von Information, nicht im Sinne von Verboten.

Information, wie man einerseits die Arbeitsplätze durch technische und organisatorische Maßnahmen sicherer machen könnte, damit der einzelne Arbeitnehmer potenziell gefährlichen Substanzen besser gegenüber treten und mit diesen hantieren kann. Derzeit konzentriert sich die Diskussion oft auf die drei Punkte Hautschutz, Hautreinigung und Hautpflege: Die sind zwar alle wichtig, aber nur ein Teil eines möglichen Konzeptes.

 

Was können niedergelassene Dermatologen tun, um die Situation zu verbessern?

 

WA: Die niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen stellen oft die erste Ansprechstation dar. Der Verdacht auf berufsbedingte Erkrankung muss gemeldet werden, damit der einzelne Betroffene in den Genuss einer Beratung und einer entsprechenden Abklärung kommt.

Daneben müssen natürlich die Ekzeme korrekt behandelt werden. Eine Zusammenarbeit mit den Spezialisten ist absolut wünschenswert.

Wie bereits gesagt, wäre es wünschenswert, dass Referenzzentren gegründet werden, die niedergelassenen Kollegen dann als Ansprechstation und Multiplikator dienen können.

 

Das Gespräch führte Mag. Patricia Herzberger

Mag. Patricia Herzberger, hautnah 4/2010

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