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Dermatologie 10. November 2010

In Schweden schlug die EADV Wellen

Rückblick auf den 19. Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology

Unter dem Motto „Making Waves in Dermatology“ fand im Oktober 2010 der 19. Kongress der European Academy of Dermatology and Venereology (EADV) in Schweden statt. Knapp 8.000 Fachleute aus aller Welt lockte die Veranstaltung nach Göteborg.

Der Kongress drehte sich dieses Jahr unter anderem um neue Diagnostika bei Hautkrebs und Entwicklungen in der dermatologischen Chirugie. Im Fokus standen ebenso die Bedeutung einer frühen HIV-Diagnose, neue Therapiemöglichkeiten bei entzündlichen, immunvermittelten Hauterkrankungen wie die aktuelle Situation in der Dermatoskopie und ästhetischen Dermatologie.

Hautkrebsinzidenz steigt an

Die Zahl der Hautkrebsneuerkankungen steigt weltweit an: Insbesondere die Zahl der Melanome, aber auch die Häufigkeit von Plattenepithelkarzinomen nimmt zu. Diese Hauttumoren sind bei Patienten mit Herz-, Lungen- oder Nierentransplantation von großer Bedeutung. Ihr Risiko, an einem solchen Krebs zu erkranken, kann um das 100-fache erhöht sein. Der Forschungsschwerpunkt liegt in der verbesserten Diagnostik mittels neuer bildgebender Verfahren und optimierten Therapiemöglichkeiten. Laut aktuellen Studienergebnissen erweist sich die Photodynamische Therapie als eine vielversprechende Alternative, insbesondere bei organtransplantierten Patienten. Wichtig ist, dass die Patienten primär von Dermatologen untersucht werden. Dies erspart Kosten und ermöglicht eine schnellere und bessere Diagnostik.

Botulinumtoxin

Seit seiner Zulassung hat die kosmetische Anwendung von Botulinumtoxin-A (BoNT-A) kontinuierlich zugenommen. Mittlerweile ist sie das am häufigsten verwendete kosmetische Verfahren weltweit. In Europa hat sich die Zahl der BoNT-A-Behandlungen in den letzten vier Jahren verdreifacht. Mehr als 80 Prozent aller Patienten sind mit der Behandlung zufrieden. Für ein optimales Behandlungsergebniss sind eine korrekte Rekonstitution und geeignete Injektionstechnik wesentlich.

Neben der geläufigen Anwendung zur Glättung der Glabellafalten wird BoNT-A zunehmend auch bei horizontalen Stirnfurchen, periorbitalen Falten (Krähenfüße) und am unteren Augenlid verwendet. Weiters wird es bei Falten seitlich des Nasenrückens (bunny lines), feinen Falten rund um den Mund, Grübchen am Kinn und Falten am Hals (Platysmabänder) angewendet. Ziel der Forschung ist die Perfektionierung der Techniken und die Ausweitung der Anwendungsbereiche auf andere Indikationen sowie die kombinierte BoNT-A-Behandlung mit Fillern und anderen kosmetischen Verfahren, um noch bessere Ergebnisse zu erhalten.

Stammzellforschung

Die aufregenden Entwicklungen in der Stammzellforschung können große Auswirkungen auf das Verständnis und die Therapie zahlreicher dermatologischer Erkrankungen haben, einschließlich Wundheilung, Krebs, Zell- und Gentherapie. Die derzeit angewendeten Verfahren der allogenen Transplantation von Knochenmark oder mesenchymalen Stammzellen eröffnen ebenso neue Wege wie die Anwendung der Ex-vivo-Gentherapie mit autologen Stammzellen bei der Behandlung schwerer Hauterkrankungen.

In der regenerativen Medizin werden Stammzellen zur Gewebeerneuerung, -reparatur und -regeneration eingesetzt. Es ist vorstellbar, dass man Stammzellenschicksale beeinflusst – entweder durch die Entwicklung neuer Medikamente, die in vivo Auswirkungen auf die Stammzellmigration und -proliferation und die Linienspezifikation haben oder durch die Optimierung der Kulturbedingungen, die eine Ex-vivo-Stammzellexpansion begünstigen, in Kombination mit effizienten Verfahren zur Transplantation und Verpflanzung von Stammzellen.

Zukünftig könnte die Manipulation von Stammzellenschicksalen auch durch Reprogrammierung der Zellen mit Hilfe bestimmter Faktoren erfolgen, zumeist einer Kombination aus Transkriptionsfaktoren und/oder Inhibitoren von Signalwegen (Silva et al., PLoS Biol 2008). Eine solche Reprogrammierung von adulten Stammzellen in den pluripotenten Grundzustand (induzierte pluripotente Stammzellen, iPS) mittels definierter Faktoren ist bereits erfolgreich durchgeführt worden (Takahashi and Yamanaka, Cell 2006). Auch die Reprogrammierung von adulten exokrinen Pankreaszellen in β-Zellen (Zhou et al., Nature 2008) bzw. von Fibroblasten in funktionelle Neuronen (Vierbuchen et al., Nature 2010) ist schon beschrieben worden.

Ein anderer Weg, um Erkenntnisse über die Entscheidungsprozesse von Stammzellen zu gewinnen, ist die Manipulation der Stammzell-Nischen, d.h. der Umgebung, in denen Stammzellen leben. Dabei ist jedoch zu beachten, dass in der klinischen Anwendung diese Nischen häufig krankhaft, wenn nicht sogar vollständig verloren sind, wie beispielsweise bei großflächigen Verbrennungen dritten Grades.

Einige Untersuchungen haben ergeben, dass Stammzellen einen gewissen Grad an Plastizität aufweisen. Das bedeutet, dass sie als Reaktion auf physiologische Gegebenheiten oder Schädigungen ihre Potenz erweitern können (Smith Nature 2006; Bonfanti et al., Nature 2010). Diese Erkenntnisse haben viele Hoffnungen und Kontroversen ausgelöst. Trotzdem kann die Möglichkeit zur Ausnutzung der Stamzell-Plastizität bzw. Transdifferenzierung eine große therapeutische Bedeutung haben (Nat Rev Mol Cell Biol 2007).

HIV: nicht mehr wegzudenken

Die Zahl der HIV-Neuerkrankungen steigt in Europa weiterhin an. Zwar können die meisten Patienten mit Medikamenten gut behandelt werden, Voraussetzung ist jedoch eine rechtzeitige Diagnose. Fast die Hälfte aller neuen positiven Diagnosen wird aber bei den Patienten gestellt, die bereits seit Jahren infiziert sind, denn zu selten denken behandelnde Ärzte an die Differenzialdiagnose HIV. Erkrankt ein Patient jedoch ernsthaft und wird in diesem Zusammenhang eine HIV-Diagnose festgestellt, dann sind die Schäden am Immunsystem oft schon erheblich. Außerdem kann der Patient das Virus an andere weitergegeben haben. Dermatologen sind auf frühe HIV-Diagnosen spezialisiert. Häufig sehen sie die ersten Anzeichen (Gürtelrose, seborrhoisches Ekzem, Verschlechterung von Psoriasis, multiple oder riesige Dellwarzen). Eine HIV-Testung als Routineuntersuchung, unabhängig von der sexuellen Orientierung, könnte eine frühere Therapie gewährleisten.

Multiresistente Bakterien

In allen Gebieten der Medizin sind multiresistente Bakterien ein zunehmendes Problem. Für die Mehrzahl der Hautinfektionen sind die Bakterien Staphylococcus aureus, Streptococcus haemolyticus, Pseudomonas aeruginosa und Propionibacterium acnes verantwortlich. Antibiotika zerstören Bakterien auf verschiedene Art und Weise: durch Hemmung der Zellwandsynthese, der Proteinsynthese, der Folsäuresynthese, der DNA- oder der RNA-Synthese und durch Zerstörung der Zellmembran. Sie können jedoch Resistenzen gegenüber Antibiotika entwickeln: Produktion von Penicillinase durch S. aureus, Methicillin-resistente S. aureus (MRSA), Fucidin-resistente S. aureus (FRSA), Vancomycin-resistente Enterokokken (VRE) und Extended-Spectrum-Beta-Lactamases (erweiterte Resistenz gegenüber ß-Laktamantibiotika, ESBL).

In der Dermatologie stellt der Anstieg der P.-Acnes-Resistenz gegenüber Tetrazyklinen ein zunehmendes Problem dar. Die häufigeren MRSA sind ebenfalls besorgniserregend, denn dieses Bakterium wird auch außerhalb von Krankenhäusern erworben (CA-MRSA). In Schweden stieg beispielsweise im Jahr 2000 die Zahl der Betroffenen von 315 pro 100.000 Einwohner auf 1.307 pro 100.000 im Jahr 2008 an. Über FRSA wurde erstmals 1995 in Norwegen berichtet, kurz danach auch in Schweden. Es entstammt einem S.-aureus-Klon, der eine großblasige Impetigo hervorrief. Kurz danach wurden FRSA auch bei Patienten mit anderen Formen von Impetigo und atopischem Ekzem berichtet. Eine 2008 beendete Studie des Sahlgrenska University Hospitals in Schweden zeigt, dass 32 Prozent der S. aureus bei regulärer Impetigo Fucidin-resistent waren (FRSA), im Vergleich zu 75 Prozent bei großblasiger Impetigo und 6,1 Prozent bei atopischer Dermatitis.

Es ist daher wichtig, die korrekte Behandlung von Patienten mit MRSA zu kennen. Fusidinsäure sollte nicht topisch angewendet werden und Tetrazykline dürfen bei der Aknetherapie nicht länger als drei Monate verordnet werden.

Metabolisches Syndrom bei Psoriasis

Das Verständnis der Psoriasis hat sich im letzten Jahrzehnt dramatisch gewandelt: von einer Hautkrankheit mit gelegentlichen Begleiterscheinungen zu einer systemischen immunvermittelten Störung. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen, dass Psoriasis mit einer erheblichen Komorbidität unterschiedlicher Organsysteme verbunden ist und dass Psoriasis-Patienten ein erhöhtes Risiko für kardiovaskuläre Störungen und Mortalität aufweisen.

Die zugrundeliegende Pathogenese, die Psoriasis und kardiovaskuläre Erkrankungen verbindet, wird intensiv erforscht. Psoriasis ist mit einem erhöhten Risiko für das metabolische Syndrom verbunden, das mit Übergewicht, Insulinresistenz und Hyperlipidämie einhergeht. Hinzu kommen Umwelt- und Risikofaktoren wie das Rauchen. Ob die kardiovaskulären Risiken durch die psoriatische Entzündung entstehen oder ob es parallele Prozesse sind, ist noch nicht geklärt. Mögliche Auswirkungen einer effektiven antiinflammatorischen Behandlung können darüber Aufschluss geben.

Quelle: http://www.eadvgothenburg2010.org

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