zur Navigation zum Inhalt
Foto: wikipedia/Yosemite
Viele Patienten mit schwerer Psoriasis setzen große Hoffnungen in einen Aufenthalt am Toten Meer.
 
Dermatologie 22. September 2010

Totes Meer als Therapie

Studie: Bei hohem Rezidiv- und Leidensdruck und bei ausgereizten Therapieoptionen im Inland sollte Psoriasispatienten der Aufenthalt in Israel erleichtert werden.

Wer an schwerer und therapieresistenter Psoriasis leidet, sollte nach Ausschöpfung der Therapiemöglichkeiten leichter eine entsprechende Therapie am Toten Meer erlangen. So lautet das Fazit einer rezenten Übersichtsarbeit1 von Forschern unter der Leitung von PD Dr. H. M. Ockenfels, Haut- und Allergieklinik Hanau, Deutschland, in der natürliche und künstliche Soletherapien miteinander verglichen wurden.

 

Das Tote Meer ist mit 420 m unter dem mittleren Meeresspiegel der am tiefsten gelegene See der Erde. An der Wasseroberfläche herrscht ein um fünf Prozent erhöhter Sauerstoffpartialdruck gegenüber Meereshöhe. Der Anteil der therapeutisch günstigen UV-Strahlung ist also proportional größer als andernorts. Es wird auch von einer natürlichen selektiven UV-Phototherapie gesprochen, die an über 300 Sonnentagen im Jahr therapeutisch genutzt werden kann. Die Salz- und Mineralienzusammensetzung des Toten Meeres unterscheidet sich deutlich vom Ozeanwasser. Die Empfehlungen zur Dauer der sogenannten natürlichen Photosoletherapie (nPST) liegen allgemein bei vier Wochen.

Bei der Balneophototherapie mit Starksole (künstliche Photosoletherapie, kPST) mit synthetischen Salzlösungen mit 20 bis 25 Prozent entspricht die UVB-Bestrahlung den Richtlinien der konventionellen Phototherapie (311 nm) und findet nach einem 20-minütigen Bad statt.

PASI-Reduktion und Remissionsdauer

Eine Behandlungsanzahl von 30–35 führt zu einer PASI-Reduktion (PASI = Psoriasis Area and Severity Index) von durchschnittlich etwa 75 Prozent bei der kPST und von etwa 86 Prozent bei der nPST. In den Studien zur nPST wird nicht überall von PASI-Reduktion, sondern von kompletten Remissionen berichtet. (Eine totale Remission entspricht einem PASI -90 und eine partielle Remission einem PASI -75.) Dieser hohe Prozentsatz von vollständigen PASI-Reduktionen um bis zu 100 Prozent findet sich ausschließlich in der nPST-Gruppe, während eine aktuelle Studie zur kPST mit Kriterien eines PASI -50 weniger anspruchsvolle Abheilungswerte dokumentiert.

Komplette Remissionen (PASI 100%) werden in fünf Studien für 56 und 78 Prozent der Patienten am Toten Meer angegeben, während die meisten kPST-Studien diese Werte nur für PASI 75 Prozent erreichen. Wenn davon auszugehen ist, dass eher Patienten mit schwerer therapierbarer, ambulant nicht beherrschbarer oder frustran behandelter Psoriasis ein Aufenthalt am Toten Meer bewilligt wird, werden diese Remissionszahlen zusätzlich aufgewertet.

Als wichtiger Indikator für die Nachhaltigkeit des Therapieerfolges ist die Betrachtung der Remissionszeiten essenziell. Für die nPST konnten Remissionszeiten von durchschnittlich sechs Monaten dargestellt werden. Die Studienqualität bezüglich Remissionszeiten ist allerdings nicht korrekt vergleichbar, denn die Angaben über rezidivfreie Zeiten bzw. Remissionsdauern können bei Studien am Toten Meer nur über Patientenfragebögen und extern eingeschaltete Ärzte erfolgen, während hier dieselben Personen den Zustand des Patienten vor und nach der Therapie bewerten.

Bezüglich der Therapiedauer fällt auf, dass die Ergebnisse bei der kPST innerhalb eines längeren Zeitraumes erreicht wurden. Die Maximalbehandlungszeiten lagen zwischen sechs und acht Wochen mit 17 bis 35 Sitzungen und einem durchschnittlichen Behandlungsintervall von drei- bis fünfmal pro Woche. Bei der Naturklimatherapie am Toten Meer wurde täglich während durchschnittlich vier Wochen therapiert, teilweise zweimal täglich. Ähnliche PASI-Werte wurden bei Naturklimatherapie innerhalb von zwei bis vier Wochen im Vergleich zu acht bis neun Wochen ambulanter Behandlungszeit erreicht. Das bedeutet eine schnellere Verbesserung der Lebensqualität durch eine Behandlung am Toten Meer.

Die Grenzen der Evidenz

Die Wirksamkeit ist für beide Methoden und beide Standorte belegt. Das niedrigere Evidenzniveau der nPST liegt an dem oft fehlenden zweiten Placeboarm der vorliegenden Studien. „Wie sollen aber Patienten, die extra drei bis vier Wochen an das Tote Meer reisen, motiviert werden, dort zum Beispiel nur zu baden, aber nicht zu bestrahlen?“, fragen die Autoren zu recht. Außerdem wäre in der apparativen Photobiologie die für höhere Evidenzgrade geforderte doppelte Verblindung schwer durchführbar. Ein Schwachpunkt der nPST wird auch immer die fehlende absolute Standardisierung der Bestrahlungsdosen sein.

Keine Akuttherapie in Israel

Ein Vorteil der kPST ist die Anwendung unter kontrollierten Behandlungsbedingungen (exakte Dosierung, Hygienemaßnahmen). Auch dass bei ambulanter künstlicher Photosoletherapie der Arbeitsalltag nicht unterbrochen werden muss und die Patienten in ihrem familiären Umfeld bleiben können, erleichtert diese Behandlungsform.

„Für manche Patienten hingegen ist gerade die Unterbrechung der Alltagsroutine durch einen Auslandsaufenthalt ein entscheidender Genesungsfaktor“, argumentiert die Studiengruppe um Ockenfels. Die Leitliniengruppe „Psoriasis“ der Deutschen dermatologischen Gesellschaft und des Bundesverbandes der Dermatologen empfehlen die Klimatherapie als solche. „Wir schließen uns den Empfehlungen dahingehend an, dass die nPST keine Akuttherapie oder Therapie der ersten Wahl gegenüber der klassischen Behandlungsmodalität ist“, so die Autoren. „Bei ausgereizten Therapieoptionen im Inland, erfolgter ambulanter und/oder stationärer kPST, hohem Rezidiv- und Leidensdruck und vergleichbaren Kosten sollte dem Patienten aus unserer Sicht die nPST auch im Rahmen einer Rehabilitationsmaßnahme in Israel, einfach ermöglicht werden.“

 

1 Roos, S. et al.: Psoriasistherapie – Künstliche versus natürliche Photosole. Der Hautarzt 2010; 61: 683–90;

doi:10.1007/s00105-010-1971-2

 www.springerlink.com/content/k3366l2748483118/

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben