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Dermatologie 6. Juli 2010

Sexlos wegen Feigwarzen?

Zwischen 36.000 und 72.000 Menschen in Österreich leiden unter Condylomata acuminata.

Die durch humane Papillomviren übertragenen Feigwarzen gehören zu den häufigsten sexuell übertragbaren Leiden. Aus Scham suchen viele Betroffene aber erst dann den Arzt auf, wenn der Leidensdruck zu groß geworden ist.

Sechs bis neun Monate beträgt die Zeit, bis ein Patient, der unter genitaler Feigwarzenbildung leidet, sich in medizinische Behandlung begibt. Denn obwohl diese Erkrankung sehr häufig ist, gilt sie immer noch als extrem tabuisiert. Erst wenn die – anfangs noch kleinen unauffälligen – Knötchen zu blumenkohlartigen Gebilden herangewachsen sind, die beispielsweise den Vaginal- oder Analeingang einengen, wird Hilfe gesucht. „In der Praxis werden die PatientInnen vor allem aufgrund des großen Leidensdrucks vorstellig“, sagte Privatdozent Dr. Peter Komericki, Leiter der Ambulanz für sexuell übertragbare Erkrankungen an der Medizinischen Universität Graz. Der Dermatologe sprach im Rahmen einer Pressekonferenz mit dem Titel „Tabuthema Feigwarzen“, die im Juni in Wien stattgefunden hat. Vor allem die Virusstämme sechs und elf – sie werden auch als „low risk“-Stämme bezeichnet – sind für die Bildung von Condylomata acuminata verantwortlich.

HP-Viren sind überall

„Die Prävalenz von HP-Viren bei Männern und Frauen ist nach dem Einsetzen der sexuellen Aktivität am höchsten, fällt bis zur dritten Lebensdekade auf einen Tiefpunkt und steigt wieder ab der vierten bzw. fünften Lebensdekade“, berichtete Prof. Dr. Sepp Leodolter, Leiter der Klinischen Abteilung für Allgemeingynäkologie und gynäkologische Onkologie am AKH Wien. Risikogruppen können nicht bestimmt werden. Einzig häufiger Geschlechtsverkehr mit wechselnden PartnerInnen wurde als Risikofaktor identifiziert.

Kondome schützen nicht 100-prozentig

HP-Viren sind hochinfektiös – Kondome bieten allerdings nur einen teilweisen Schutz, da eine Übertragung auch über Schmierinfektionen und infizierte Gegenstände (etwa Handtücher) möglich ist.

Die Therapie von Feigwarzen teilt sich in chirurgische und chemische Verfahren:

  • Trichloressigsäure kann wöchentlich auf die Warzen aufgebracht werden. Die Säure erzielt sehr gute Resultate bei kleinen, weichen Feigwarzen. Nebenwirkungen: Brennen und Schmerzen an der Applikationsstelle.
  • Bei der Kryotherapie werden die Feigwarzen mit flüssigem Stickstoff behandelt. Die Therapie erfolgt wöchentlich bis zweiwöchentlich. Die Handhabung ist einfach. Allerdings ist die Rezidivrate hoch.
  • Chirurgische Verfahren können als Ersttherapie angewendet werden. Die Warzen werden entweder mittels Elektrochirurgie/Laser oder Scherenschlag bzw. Kürettage entfernt. Der Vorteil liegt in der raschen Abwicklung und der Schmerzfreiheit des Patienten durch lokale Betäubung. Nachteile sind die hohe Wiedererkrankungsrate und das Zurückbleiben von kleinen Narben. Eine operative Entfernung empfiehlt sich bei sehr großen Warzen und einer großflächigen Besiedelung. Bei ausgedehnten und beetförmigen Warzen wird zumeist mit Elektrokauter oder Laser behandelt.
  • Podophyllotoxin ist als Lösung erhältlich. Die Warzen werden mittels Wattebausch bestrichen. Nachteil der Therapie sind das komplizierte Anwendungsschema und die notwendigen Therapiepausen.
  • Der Wirkstoff Imiquimod zerstört die Viren nicht direkt, sondern aktiviert das Immunsystem der Haut, selbst dagegen anzukämpfen. Imiquimod-Creme ist eine Lokaltherapie gegen Feigwarzen und dreimal pro Woche nachts aufzutragen. Nachteil sind die systemischen Nebenwirkungen.

Bei etwa 30 Prozent der Betroffenen verschwinden die Warzen von selbst. Bei 70 Prozent ist allerdings eine Therapie nötig – und die Rezidivrate ist bei den üblichen Behandlungsverfahren recht hoch: Sie liegt zwischen 20 und 100 Prozent.

„Viele Patientinnen und Patienten, die zu mir kommen und unter Feigwarzen leiden, sprechen nicht einmal mit ihrer Partnerin oder ihrem Partner darüber, weil sie sich so sehr schämen“, berichtete die Sexualmedizinerin Dr. Elia Bragagna im Rahmen der Pressekonferenz. „Sie ziehen sich zurück und verzichten lieber auf Sex, weil sie sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen wollen.“ Die Gründerin der Internetenzyklopädie www.sexmedpedia.com setzt vor allem auf die Vermittlung von Wissen, um das Tabu Feigwarze zu „entzaubern“. „Wissen entlastet – gerade auch in Beziehungen, denn Wissen lässt Paare miteinander reden und Lösungen finden“, so Bragagna.

Grünteeextrakt hilft

Seit Juni 2006 steht in Österreich eine neue Behandlungsmöglichkeit zur Verfügung. Die Salbe Veregen® 10 % enthält gereinigte Trockenextrakte aus Grünteeblättern, die sich vorwiegend aus Catechinen zusammensetzen. Catechine regen das Immunsystem an, wirken antiinflammatorisch und antioxidativ. Die Salbe setzt direkt an der Wurzel des Übels an, weil sie die Keratinozytenproliferation hemmt.

Rezidivrate gering

Mehrere randomisierte, kontrollierte Doppelblindstudien zeigten einen guten Therapieerfolg des Präparats bei guter Verträglichkeit: „Bei 76 Prozent der PatientInnen gingen die Warzen um mindestens 50 Prozent zurück“, fasst Peter Komericki die Studienergebnisse zusammen: „Eine vollständige Abheilung konnte bei 60,7 Prozent der Betroffenen erreicht werden; zu Rezidiven kam es lediglich in 6,5 Prozent der Fälle.“

Pausen nicht nötig

An Nebenwirkungen wurden schwache bis mittelstarke lokale Hautreizungen beobachtet. Systemische Nebenwirkungen traten bisher nicht auf. Sie muss dreimal täglich appliziert werden. Therapiepausen sind nicht nötig.

Froh über die neue therapeutische Möglichkeit ist auch Elia Bragagna: „Gute Medikamente bedeuten Entlastung, denn man nimmt dadurch den Betroffenen die Angst vor chirurgischen Eingriffen und schweren Nebenwirkungen“, sagte sie im Rahmen der Pressekonferenz. „Kann ein Medikament dann auch noch die Wiedererkrankungsrate senken, bedeutet das für die Patientinnen und Patienten, die schon einen jahrelangen Leidensweg hinter sich haben, eine Erlösung.“

Sabine Fisch, Ärzte Woche 27 /2010

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