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Fotos (3): Archiv Skriptum
Abb. 1: Syndrom der verbrühten Haut bei einer 81-jährigen Patientin mit Gelenkempyem.

Abb. 2: Spaltbildung in der obersten Schicht der Epidermis durch die Staphylokokkentoxine.

Abb. 3: Aseptischer Verbandwechsel wie bei schweren Verbrennungen.

Foto: Archiv

Dr. Josef Koller Universitätsklinik für Dermatologie Paracelsus Medizinische Privatuniversität

 
Dermatologie 30. April 2010

Staphylococcal Scalded Skin Syndrome (SSSS) bei Erwachsenen

Staphylococcus aureus kann drei verschiedene Arten von Toxinen bilden, die über den Blutweg systemisch wirksam werden. Es handelt sich erstens um ein Enterotoxin, das wenige Stunden nach Einnahme kontaminierter Nahrungsmittel einen Brechdurchfall bewirkt, zweitens um das toxische Schockprotein, welches ein septisches Multiorganversagen bewirken kann, und drittens um die exfoliativen Toxine (ET), welche aus zwei Subtypen nämlich ET-A und ET-B bestehen. Beide ET-Subtypen sind in der Lage, Desmoglein-1 zu spalten, was eine intraepidermale Spaltbildung zur Folge hat.

Desmoglein-1 gehört zu den desmosomalen Cadherinen und ist ein Protein, welches die Zelladhäsion der Keratinozyten im Stratum granulosum ermöglicht.

Desmosome verlieren ihre haltgebenden Eigenschaften

Durch die Spaltung von Desmoglein-1 löst sich die oberste Schicht der Epidermis ähnlich einer oberflächlich zweitgradigen Verbrühung von den darunter liegenden Schichten. Die Epidermis wird dadurch ihres wichtigsten Schutzes gegen das Eindringen pathogener Erreger – nämlich eines intakten Stratum corneum – beraubt. Das klinische Bild zeigt sich genau so wie eine oberflächlich zweitgradige Verbrennung durch Ablösung der oberen Epidermis (Abb. 1). Vorausgehen können eine diffuse Rötung und Schmerzempfindlichkeit der Haut.

Eine gefürchtete Komplikation des SSSS ist die bakterielle Sepsis, aber auch der Flüssigkeits-, Elektrolyt- und Eiweißverlust der gleich wie bei oberflächlichen Verbrennungen auftritt. Das klassische SSSS tritt überwiegend bei Kindern auf und wird dort auch mit dem Namen Dermatitis exfoliativa Ritter von Rittershain (Staphylogenes Lyell-Syndrom) bezeichnet. Bei Erwachsenen ist dieses Syndrom eher selten und ist meistens, wenn auch nicht immer, mit Niereninsuffizienz oder Immundefekten gepaart. Als Ursache kommt eine purulente Staphylokokkenkonjunktivitis genauso in Frage wie ein Psoas-Abszess oder eine septische Arthritis.

Diagnose des SSSS

Die Diagnose erfolgt in erster Linie durch Anamnese und klinischen Befund, aber auch durch histologische Untersuchung (Abb. 2), welche zum Ausschluss der wichtigsten Differenzialdiagnose, nämlich einer toxisch epidermalen Nekrolyse (TEN), als Schnellschnitt durchgeführt werden muss. Zur Bestätigung der Diagnose sollte stets der Nachweis der epidermolytischen Toxine durch ELISA oder PCR versucht werden. Die Therapie SSSS erheischt einerseits eine sofortige Diagnose und Behandlung der auslösenden Staphylokokkeninfektion, wobei sich hier meist durch Anamnese und Klinik bereits entsprechende Hinweise ergeben, die unter Umständen noch mit bildgebenden Methoden verifiziert werden müssen.

Systemische Antibiose

Die systemische Antibiotikatherapie muss mit Staphylokokken-wirksamen Substanzen erfolgen, wobei es zu berücksichtigen gilt, dass auch Methicillin-resistente Staphylokken (MRSA) epidermolytische Toxine bilden können! Von besonderer Relevanz für das Überleben eines SSSS ist aber auch die Verhinderung einer sekundären Infektion der mehr oder minder schutzlosen Haut. Wir behandeln deshalb diese Patienten in der Verbrennungseinheit der dermatologischen Klinik genauso wie thermische oder chemische oberflächliche Verbrennungen: Das Konzept beruht auf höchstmöglicher Asepsis mit einem sogenannten „Dirty-Team“, welches die alten Verbände entfernt, den Patienten anschließend reinigt und in ein neues Verbrennungsbett mit steriler Bettwäsche lagert, wo ein „Clean-Team“ die weitere Therapie in der Regel mit Flammazine-Creme-Verbänden durchführt (Abb. 3). Bei unseren Patienten kam es – vielleicht auch deshalb – in den letzten Jahren zu keinem einzigen Todesfall bei SSSS, obwohl die Mortalität in der Literatur mit 60 bis 70 Prozent angegeben wird.

 

Korrespondenz:
Paracelsus Medizinische Privatuniversität Müllner Hauptstraße 48 5020 Salzburg E-Mail:

 

Der Originalartikel ist nachzulesen in wmw skriptum 2009; 14: 10–1

Josef Koller, hautnah 2/2010

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