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Abb. 1: Bullöse Dermatitis artefacta als Selbstverletzung mit Zigaretten bei einem 33-jährigen Patienten mit paranoider Schizophrenie
 
Dermatologie 7. April 2010

Artificial wounds

Artifizielle Wunden und Wundbeurteilung

Seit dem 19. Jahrhundert wurden unterschiedliche klinische und ätiologische Varianten artifizieller Wunden in der medizinischen Literatur diskutiert. Artefakte werden mechanisch, thermisch oder chemisch hervorgerufen, wobei unterschiedliche Motive und Persönlichkeitsstörungen zugrunde liegen. Zu diesem Erkrankungsspektrum zählen die Akne excoriee, das artifizielle Extremitätenödem, die Cheilitis crustosa factitia, der Dermatozoenwahn, die Dermatitis artefacta, die dermatologische Pathomimikrie, das Gardner-Diamond Syndrom, das Lesch-Nyhan-Syndrom, das Münchhausen-Syndrom, die artifizielle Paronychie, das Pseudo-Lesch-Nyhan Syndrom, die „Liebesbisse“ am Unterarm, das sklerosierende Lipogranulom, die Trichotillomanie und Varianten der Prurigo nodularis.

Umgang mit den PatientInnen

Die Therapie der Artefakte wird neben einer okklusiven Lokalbehandlung nach einer sehr vorsichtigen Exploration mit gesprächstherapeutischen, fallweise auch mit psychopharmakagestützten Therapiekonzepten durchgeführt. Die Beratung der PatientInnen, den behandelnden Arzt auch schon bei kleinsten Hautveränderungen aufsuchen zu können, kann neben den oben genannten Therapiemethoden ebenso wie das bewusste „Nichtnachfragen“ wie einzelne Hautläsionen zustande gekommen sind, den Heilungserfolg günstig beeinflussen.

Bei neurologischen und psychiatrischen Erkrankungen

In den letzten Jahrzehnten wurden auch zunehmend pathologische Selbstverletzungen publiziert, die somatische Symptome psychiatrischer Erkrankungen darstellen [2]. Weiters wurden auch artifizielle Hautveränderungen nach zerebralen Insulten und im Rahmen von schweren psychiatrischen Erkrankungen [3], wie bei paranoider Schizophrenie (Abb. 1), publiziert.

 

Je nach Lokalisation des Insultes können die Artefakte im korresponierenden Dermatom des Artefaktareales auftreten.

Systematische Wundbeschreibung

Um die chronischen Wunden kriteriengerecht beschreiben zu können, wurde das NÜRBURG-System entwickelt. Das NÜRBURG-System [4] wurde zur klinischen Beurteilung von chronischen Wunden entwickelt, welches einfach anzuwenden ist und auch bei regelmäßigen Kontrollen praktisch angewandt werden kann. Es handelt sich um ein zeitsparendes Verfahren, welches sich bei knapper werdenden Ressourcen bewährt. Eine chronische Wunde wird dabei nach folgenden Kriterien beurteilt (Tab. 1):

Verwendung des NÜRBURG-Systems

N: Nekrose, ÜR: übelriechend, B: Beläge, UR: Umgebungsrötung G: Granulation. Jedes dieser Kriterien wird mit 0, + plus, ++ plus oder +++ plus klassifiziert. 0 bedeutet somit keine Umgebungsrötung, + plus geringgradige Umgebungsrötung, ++ plus mäßiggradige Rötung und +++ sehr starke Rötung.

 

Auch im Hinblick auf die Beläge können diese Kriterien angewandt werden, 0: keine Beläge, + plus Beläge unter 50 % der Wundfläche, ++ plus über 50 % der Wundfläche und +++ plus gesamte Wundfläche mit Belägen. Wenn Nekrose und übler Geruch nicht mehr bestehen, kann mit den Kriterien B (Beläge) UR (Umgebungsrötung) und G (Granulation) das Auslangen gefunden werden.

Literatur

 

1 Wilson E (1875) Lectures on Dermatology. London: J & A Churchill Ltd.

2 Baguelin-Pinaud A, Seguy C, Thibaut F (2009) Self-mutilating behaviour: a study on 30 inpatients. Encephale 35: 538-543.

3 Azurdia RM, Guerin DM, Sharpe GR (2000) Recurrent bullous dermatitis artefacta mimicking immunobullous disease. Br J Dermatol 143: 229-230.

4 Breier F, Walland T, Zikeli M (2008) Wundheilungsambulanz – eine Perspektive? Wundmanagement und Pflegedokumentationen. In: Kozon V, Fortner N (eds). ÖGVP Verlag, Wien, pp 15-20.

Tabelle 1 Beurteilung von chronischen Wunden anhand des NÜRBURG-Systems
KriteriumAusdehnungKurvenkürzelBeurteilung
Nekrose 0 %
< 50 %
50 %
100 %
-
+
++
+++
Angabe der betroffenen Wundgrundfläche in %
Übel riechend Kein übler Geruch
Geringgradig übler Geruch
Mäßggradig übler Geruch
Stark übler Geruch
-
+
++
+++
Intensität des üblen Geruches
Beläge 0 %
< 50 %
> 50 %
100 %
-
+
++
+++
Angabe der betroffenen Wundgrundfläche in %
Umgebungsrötung Keine Umgebungsrötung
Geringgradige Umgebungsrötung
Mäßggradige Umgebungsrötung
Starke Umgebungsrötung
-
+
++
+++
Intensität der Rötung im Bereich der Wundumgebung
Granulation 0 %
< 50 %
> 50 %
100 %
-
+
++
+++
Angabe der betroffenen Wundgrundfläche in %
Zur Person
Univ.-Doz. Dr. Friedrich Breier
Wundheilungsambulanz
Abteilung für Haut- und Geschlechtskrankheiten
Krankenhaus Hietzing mit Neurologischem Zentrum Rosenhügel
Wolkersbergenstraße 1
1130 Wien
Fax: ++ 43/1/80110-2633
E-Mail:

Friedrich Breier, Robert Feldmann und Andreas Steiner, Wien, Wiener Medizinische Wochenschrift Skriptum 4/2010

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