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Foto: Wilke
Prof. Dr. Hubert Pehamberger, Leiter der Universitätsklinik für Dermatologie, MedUni Wien
 
Dermatologie 4. September 2009

„Eigentlich dürfte kein Mensch mehr an Hautkrebs sterben“

Interview mit Prof. Dr. Hubert Pehamberger, dem Präsidenten des Hautkrebs-Weltkongresses 2009, an dem 1.200 Experten ihre Projekte und Daten vorgestellt haben

Für die Veranstaltung des Hautkrebs-Weltkongresses, der im Mai 2009 in Wien stattgefunden hat, waren Kongresspräsident Prof. Dr. Hubert Pehamberger und Kongresssekretär Prof. Dr. Rainer Kunstfeld in bewährter Weise verantwortlich. Wir hatten Gelegenheit, mit Prof. Dr. Pehamberger über die wichtigsten Schwerpunkte zu sprechen.

Der internationalen Bedeutung und Kompetenz der Wiener Dermatologie ist es zuzuschreiben, dass sowohl der World Congress on Melanoma (WHO) als auch der Congress of the European Association of Dermato-Oncology (EADO) in Wien erstmals gemeinsam abgehalten wurden. Über 1.200 Experten stellten in Wien aktuelle Forschungsprojekte und Therapieoptionen vor, mehr als 600 wissenschaftliche Beiträge wurden bearbeitet.

 

Was kann ein Mega-Kongress wie derjenige, der in Wien abgehalten wurde, an konkreten Ergebnissen bringen? Birgt so eine Veranstaltung nicht die Gefahr einer Themenüberschneidung und der Unübersichtlichkeit?

Pehamberger: Nein, ganz im Gegenteil: Erstmals war es möglich, das gesamte Spektrum der Hauttumoren vom Melanom bis zu den Non-Melanom-Formen zu diskutieren. Hauttumoren sind ja mittlerweile die häufigste Krebsform überhaupt. Gerade die verschiedenen Erscheinungen des „hellen Hautkrebses“ wurden bisher in ihrer Gefährlichkeit unterschätzt und unzureichend behandelt.

 

Als wichtigste Ursache für die Entstehung von Hauttumoren ist ja die UV-Schädigung reichlich dokumentiert. Sind heute auch andere Tumorpromoter bekannt?

Pehamberger: Neuen Untersuchungen zufolge könnte auch ein Mangel an Vitamin D die Bildung von Hauttumoren fördern. Das mag kontroversiell erscheinen, wird jedoch gerade durch die Sonneneinstrahlung die Produktion von Vitamin D gefördert. Hier sind noch weitere Studien erforderlich.

Welche Fortschritte sind hinsichtlich der Prognose zu verzeichnen?

Pehamberger: Eigentlich dürfte kein Mensch mehr an Hautkrebs sterben, denn alle Formen können in einem frühen Stadium erkannt und gut behandelt werden.

Die neuen Technologien ermöglichen eine viel genauere Diagnostik und Zielgenauigkeit. Wir haben an unserer Klinik mit der Dermatoskopie (Auflichtmikroskopie) bahnbrechend begonnen. Diese Methode wurde seither weiterentwickelt zur Videodermatoskopie und zur Tele-Dermatoskopie.

Weitere wichtige Parameter für die Prognose sind die Kontrolle der Wächterlymphdrüsen und bereits aufgetretene Ulzerationen bei primären Tumoren.

 

Was halten Sie von einem Screening bestimmter Bevölkerungsgruppen, wie es teilweise in Deutschland durchgeführt wird?

Pehamberger: Das wäre auch für Österreich sehr sinnvoll – immerhin könnten viele Melanome bereits in einem sehr frühen Stadium entdeckt und behandelt werden. Allerdings müssen Risikogruppen ausgewählt werden, nach Kriterien wie z. B. zahlreiche atypische Naevi, schon vorhandene Hautveränderungen oder familiäre Belastung. Dazu müsste auch eine noch intensivere Aufklärungskampagne durchgeführt werden.

Welche Optionen stehen zur Therapie des Melanoms zur Verfügung?

Pehamberger: Nach wie vor steht die chirurgische Entfernung des Melanoms an erster Stelle. Bei einem kleinen Tumor, bis 0,75 Millimeter, genügt schon eine Entfernung im gesunden Umfeld von einem Zentimeter, bei größeren Tumoren von etwa zwei Zentimetern. Die Patienten werden in einem sogenannten Tumor-Board erfasst und regelmäßig von einem interdisziplinären Team kontrolliert.

Die therapeutischen Möglichkeiten bei Patienten mit einem erhöhten Metastasierungsrisiko sind nach wie vor unbefriedigend. Bisher zeigte sich bei einer Interferon-Therapie von Hochrisikopatienten eine signifikante Verlängerung des rezidivfreien Überlebens, aber nicht des Gesamtüberlebens.

 

Welche neuen Therapieansätze werden an Ihrer Klinik durchgeführt?

Pehamberger: Wir setzen vor allem „targeted“ Therapien ein, die individuell auf den Patienten abgestimmt sind. Ein Team um Dr. Kaan Harmankaya hat kürzlich eine Phase-II-Studie mit dem neuen monoklonalen Antikörper Ipilimumab bei Patienten mit fortgeschrittenem, metastasierenden Melanom abgeschlossen. Damit konnte in vielen Fällen nicht nur ein Krankheitsstopp, sondern auch eine Remission bestehender Metastasen erreicht werden.

Ein neuer Ansatz ist auch die Blockade des Tumorpromotors Bel-2. Damit kann die Empfindlichkeit von Tumoren gegenüber Chemotherapeutika erhöht werden.

An einer Unterbrechung der Blutzufuhr des Tumors forscht Prof. Dr. Rainer Kunstfeld. Liposome, die nur an den Blutgefäßen des Tumors andocken, werden mit Avastin, einem neuen Chemotherapeutikum, beladen und greifen den Vascular Endothelial Growth Factor VEGF an, wodurch die Blutgefäße des Tumors zerstört werden.

 

Welche Behandlungsstrategien gibt es bei Nicht-Melanom-Hauttumoren?

Pehamberger: Alternativ zu operativen Eingriffen gibt es die Möglichkeit der photodynamischen Therapie – eine Kombination aus Creme-Therapie und Bestrahlung – sowie die Lokaltherapie mit Diclofenac/Hyaluronsäure oder mit dem neuen Wirkstoff Imiquimod.

Derzeit wird von der Gruppe um Prof. Dr. Kunstfeld eine Studie durchgeführt, in der die bereits verfügbaren Creme-Therapien verglichen werden und an der insgesamt drei Jahre lang 35 Zentren weltweit beteiligt sind.

Eines muss uns klar sein, Prävention, Diagnose und Therapie des „hellen“ Hautkrebses ist sowohl für den Patienten als auch für den Dermatologen eine lebenslange Aufgabe.

Das Gespräch führte Dr. Gerta Niebauer.

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