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Dermatologie 22. Februar 2008

Histamin-Intoleranz

Von Prof. Dr. Reinhart Jarisch, Floridsdorfer Allergie-Zentrum, Wien

Histamin ist seit nunmehr 100 Jahren bekannt, die Histamin-Intoleranz (HIT) wurde von uns vor zehn Jahren erstmals beschrieben. Das im Thieme-Verlag erschienene Buch ist bisher siebenmal vergriffen gewesen, die dritte Auflage ist in Vorbereitung. Somit erscheint das Interesse für dieses Krankheitsbild in der Bevölkerung hinreichend dokumentiert.
Interessant ist, dass Histamin lange nur dem Heuschnupfen zugeordnet wurde. Bei der Paradigma-Erkrankung für Histamin, der Urtikaria, spießte es sich lange, da die meisten Fälle von Urtikaria normale Histaminwerte im Blut aufweisen (siehe auch Tabelle 6). Auch scheint es Probleme gemacht zu haben, dass Histamin für physiologische und pathologische Funktionen verantwortlich sein konnte. Die Dosis macht das Gift: eine Prise Kochsalz kann das Essen verbessern, ein Esslöffel Kochsalz die Speise verderben.
Als physiologische Funktion von Histamin sind insbesondere die Magensaftsekre-tion und die Funktion als Neurotransmitter zu erwähnen. Die pathologischen Funktionen sind vielfältig und in Tabelle 1 zusammengefasst. Die klinischen Bilder reichen von Kopfschmerzen/Migräne über Unterlidschwellungen, Flush im Gesicht, rinnende oder verstopfte Nase postprandial, Asthma bronchiale, Herzrasen und Hypotonie bis zu Durchfällen und Dysmenorrhö. Etwa 80 Prozent der Patienten mit HIT sind weiblich und zirka 40 Jahre alt.
Aus der Liste von Medikamenten, die als potenzielle Auslöser der Histamin-Intoleranz infrage kommen, können wir bislang nur ACC (Acetylcystein) bestätigen.

Ungleichgewicht zwischen Histamin und Diaminoxydase

Die HIT ist definiert als Ungleichgewicht zwischen Histamin und Diaminoxydase (DAO, Histamin-abbauendes Enzym). Meist liegt ein Mangel an DAO vor. Es können auch Histamin erhöht und gleichzeitig die DAO erniedrigt sein, meist ist aber die DAO bei erhöhtem Histamin aufreguliert, befindet sich also über dem Normalwert. Dies ist wichtig zu wissen für den Fall, dass nur die DAO bestimmt wird.
Die Diagnose kann nicht mittels Hauttest gestellt werden, wenngleich manche atopische Kinder im Hauttest auf Histamin mit polynukleären Quaddeln reagieren und sich dann in einigen Fällen eine HIT herausstellt.
Histamin kommt (neben anderen biogenen Aminen) in vielen Nahrungsmitteln vor. Deshalb wird die Verdachtsdiagnose einer HIT primär über eine Unverträglichkeit von histaminhältigen Nahrungsmitteln gemacht. Diese sind in Tabelle 2 aufgelistet.
Der quasi Opinionleader der HIT ist die Unverträglichkeit von alkoholischen Getränken, allen voran Rotwein, da diese Form von Histamin leicht und schnell im Verdauungstrakt resorbiert wird. Wir untersuchten daher 100 österreichische Rotweine und verschiedene Sektsorten der letzten Jahre auf ihren Gehalt an Histamin und fanden sehr unterschiedliche Werte von sehr niedrig bis sehr hoch (siehe Tabelle 3). Das heißt aber auch, dass eine Rotweinverträglichkeit eine HIT bei niedrigem Histamingehalt nicht ausschließt! Das Gleiche gilt auch für andere Nahrungsmittel wie Hartkäse und Salami mit großer Bandbreite an Histamin.
Somit ist es leicht verständlich, dass die Verdachtsdiagnose HIT in der Hälfte der Fälle nicht zutrifft, also falsch ist. Das bedeutet also, dass die Anamnese eine Verdachtsdiagnose erlaubt, aber auch, dass mit der Anamnese alleine keine Diagnose gestellt werden kann!

Doppelblind placebokontrollierte Provokation

Die beste Diagnosestellung erfolgt zweifellos durch doppelblind placebokontrollierte Provokation. Da Provokationen grundsätzlich nicht ungefährlich sind und insbesondere Histamin schwere Reaktionen auslösen kann, haben wir den Weg der „negativen Provokation“ gewählt. Das heißt, statt dem Patienten Histamin zuzuführen und die Symptome zu verschlechtern, haben wir mittels histaminfreier Diät Histamin „weggenommen“ und somit die exogene Zufuhr gestoppt. Bei Vorliegen einer HIT würden sich dabei die Symptome verbessern.
In praxi sieht das so aus: Nach klinischer Verdachtsdiagnose wird dem Patienten Blut zur Bestimmung von Histamin und DAO abgenommen und eine 14-tägige histaminfreie Diät eingeleitet. Die Kontrolle erfolgt nach 14 Tagen mit neuerlicher Blutabnahme. Liegt eine HIT vor, dann sinkt der Histaminspiegel signifikant und die DAO steigt signifikant an. Gleichzeitig ist das Krankheitsbild gebessert oder verschwunden. Bei Nichtvorliegen einer HIT ändert sich an Histamin und DAO nichts, die klinischen Beschwerden bleiben gleich (siehe Tabelle 4).
In einer doppelblind placebokontrollierten Studie an nicht allergischen und nicht histaminintoleranten Patienten konnten wir zeigen, dass die häufigsten Symptome einer HIT Diarrhö, Rhinitis und Rhinopathie, Pruritus und Cephalea sind (siehe Tabelle 5).
Für die Dermatologie sind neben Pruritus Urtikaria und Neurodermitis von Interesse. Bei Urtikaria-Patienten fanden wir in einem Viertel der Fälle eine Histamin-Intoleranz, so dass die histaminfreie Diät bei diesem Krankheitsbild Sinn ergibt (siehe Tabelle 6). Die Maximalvariante der histaminfreien Diät wird als Kartoffel-Reis-Diät von den Dermatologen seit Jahrzehnten mit Erfolg eingesetzt.
Auch bei der Neurodermitis wurde von verschiedenen Forschern eine HIT in etwa einem Viertel der Fälle gefunden. Eine periorale Rötung bei Kindern nach Verzehr von Ketchup oder Spinat ist sicher ein starker Hinweis.

Risikofaktoren

Eine Histamin-Intoleranz erhöht das Risiko einer Kontrastmitteluntersuchung und das Operationsrisiko. Auch ist die Gefahr des postoperativen Erbrechens größer (dieses Risiko kann übrigens durch Antihistaminikagabe halbiert werden). Insektengiftallergien verlaufen schwerer, und die IT funktioniert meist nicht (p 0,003).
Die Beobachtung, dass Schwangere ab der 12. Schwangerschaftswoche nicht mehr unter Heuschnupfen, Asthma bronchiale sowie Kopfweh und Migräne leiden, erklärt sich durch die Tatsache, dass die DAO auf das hundert- bis fünfhundertfache ansteigt und somit sofort Histamin abbaut. Da der Uterus histaminsensibel ist, dürfte der massive Anstieg der DAO wohl der Ruhigstellung des Uterus dienen (siehe Tabelle 7).
Für Patienten mit Asthma bronchiale ist das Einhalten der histaminfreien Diät beson-ders wichtig, da Asthma durch inhalative Provokation mit Histamin ausgelöst werden kann. Ein Glas Rotwein kann übrigens das Gleiche!
Das Spektrum der Histaminwirkungen ist breit gestreut: Es gibt Anhaltspunkte, dass die Drogentoten an Histamin und nicht primär an Heroin sterben, da Heroin bekanntlich ein Histaminliberator ist. Es gibt auch Anhaltspunkte, dass Histamin bei der Parodontitis eine Indikatorrolle spielt. Und nicht zuletzt wird die Seekrankheit durch Histamin ausgelöst. Derzeit läuft eine doppelblind placebokontrollierte Studie mit der Deutschen Marine, die beweisen soll, dass über die Mundschleimhaut aufgenommenes Vitamin C in der Lage ist, Symptome der Seekrankheit zu unterdrücken. Die letzten Probanden werden Mitte März getestet, dann wird das Endergebnis vorliegen.

 Tabelle 1

 Tabelle 2

 Tabelle 3

 Tabelle 4

 Tabelle 5

 Tabelle 6

 Tabelle 7

Literatur:
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Jarisch R, Wöhrl S, Focke M, Hemmer W: Anaphylaktische Reaktion bei spezifischer Immuntherapie durch Diaminoxydasehemmung nach Azetylzystein-Therapie. Allergologie 2001;24:112–115
Jarisch R, Hemmer W. Nahrungsmittelallergien und -intoleranzen (State of the Art). Österr Ärztezeitung 2001;17:30–36.
Wöhrl S, Hemmer W, Focke M, Rappersberger K, Jarisch R: Histamine intolerance-like symptoms in healthy volunteers by oral prococation with liquid histamine. Allergy Asthma Proc 2004; 25:305–311
Steinbrecher I, Jarisch R: Histamin und Kopfschmerz. Allergologie 2005; 28:85–91
Jarisch R. Histamin-Intoleranz, Histamin und Seekrankheit, Stuttgart, Thieme 2004
Maintz L, Bieber Th, Novak N. Die verschiedenen Gesichter der Histamin-Intoleranz. Dtsch. Ärztebl. 2006; 103 (51–52) A 3477–83

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