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Transplantationen 17. Juni 2015

Ein Aufwand, der zählt

Das Bewusstsein für die Organspende rettet Leben

Als unbestrittener Vertreter der Spitzenmedizin sind Organtransplantationen heute zwar in vielen Bereichen in spezialisierten Zentren so etwas wie eine Routineoperation geworden. Das Patientenmanagement und die Logistik, die zur Durchführung und zum erfolgreichen Ergebnis führen, sind aber höchst aufwändig und komplex. Für die betroffenen Patienten stellt der Eingriff in vielen Fällen die Heilung von einem sonst tödlichen Leiden dar, verbunden damit sind allerdings eine lebenslange, disziplinierte Medikamenteneinnahme und regelmäßige Kontrollen. Der Umstand, dass nur so viele Menschen behandelt werden können, wie geeignete Spenderorgane zur Verfügung stehen, limitiert die Zahl der Eingriffe – bis auf die eher seltenen Fälle von Lebendspenden ist man darauf angewiesen, die lebensrettenden Organe einem Verstorbenen zu entnehmen. Diese Spenderknappheit kann freilich dazu führen, dass die standardmäßig zumindest im europäischen und angloamerikanischen Raum angewendeten Auswahlkriterien für Empfänger nach Dringlichkeit – und natürlich Verträglichkeit – mit Manipulationen verändert werden können. Einzelne Vorfälle in Deutschland, das diesen strengen Standardkriterien selbstverständlich unterliegt, haben in den vergangenen Jahren zu gehörigem Misstrauen in der Bevölkerung geführt – und zu einem Rückgang der Spenderzahlen.

Zustimmung oder Widerspruch

In Europa hat sich der Großteil der Staaten in Sachen Organspende auf die sogenannte Widerspruchslösung geeinigt. Das bedeutet, dass im Todesfall eines Menschen nur dann die Organe nicht für eine Transplantation entnommen werden dürfen, wenn der Verstorbene zu Lebzeiten ausdrücklich erklärt hatte, seine Organe NICHT spenden zu wollen. Ansonsten wird die Zustimmung vorausgesetzt, wobei freilich versucht wird, den Konsens der Angehörigen, wenn möglich, einzuholen. Die sind allerdings in der Situation häufig mit dieser Fragestellung überfordert, was bei der gesetzlichen Regelung der Organspende mittels Zustimmungslösung für sie ebenso wie für das Betreuungsteam des Patienten emotionalen Höchststress bedeutet, wenn – wie oft – keine Entscheidung zu Lebzeiten getroffen wurde. Diese Zustimmungslösungen gelten derzeit in Dänemark, Großbritannien, Litauen, den Niederlanden, Rumänien und der Schweiz. Deutschland hat nicht zuletzt nach dem „Transplantationsskandal“, in dessen erstem Prozess der angeklagte Chirurg im Übrigen nun freigesprochen wurde, und um die Organspendebereitschaft zu fördern, eine „Entscheidungslösung“ gewählt: Die gesetzlichen und privaten Krankenkassen stellen jedem Versicherten alle zwei Jahre einen Organspendeausweis zur Verfügung, die darin ihre Entscheidung – dafür oder dagegen – kundtun sollen. Damit will man die Beschäftigung mit dem Thema anstoßen und die zuletzt sinkende Spenderbereitschaft – auch aufgrund von Patientenverfügungen, die intensivmedizinische Maßnahmen im Entscheidungsfall ablehnen – wieder anheben.

Moderne Medizin ermöglicht erweiterte Spenderkriterien

Das Kriterium für die Organentnahme ist der Hirntod. Dessen Feststellung unterliegt genau definierten Kriterien. Der Oberste Sanitätsrat veröffentlichte die Empfehlungen für Österreich zuletzt im Oktober 2013. Die medizinischen Kriterien für die Akzeptanz eines Spenderorgans sind in den vergangenen Jahren deutlich erweitert worden, berichtet Stephan Eschertzhuber in seinem Beitrag „Spenderidentifikation, Todesfeststellung, Spendermanagement, Organspende“ in dieser Ausgabe. So werden Organspender bis zu einem Lebensalter von 90 Jahren oder auch Spender mit akuten oder chronischen Organinsuffizienzen für mögliche Spenden evaluiert. Die Entwicklungen der modernen Medizin ermöglichen bei entsprechender Organkonditionierung durchaus akzeptable Ergebnisse und sind in der Lage die Mortalität auf den Wartelisten zu senken

Keines der potentiell verfügbaren Organe sollte verloren gehen, appelliert Eschertzhuber. Mit knapp 1000 Patienten auf der Warteliste in Österreich (Anfang 2015) und jährlich etwas mehr als 800 Transplantationen ist diese Therapie zwar trotz ihrer medizinischen Spitzenleistung ein Minderheitenthema. Für den einzelnen Organempfänger bedeutet sie das Leben. Das sollte den Aufwand wert sein

meint Ihre

Verena Kienast

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