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Transplantationen 16. Juni 2014

Krebs beim Spender: Trotzdem transplantieren?

Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung ist – neuen Daten zufolge – äußerst gering.

Organe ehemals krebskranker Spender können unter bestimmten Bedingungen durchaus für eine Transplantation geeignet sein. Britische Forscher fanden unter 61 Hochrisiko-Spendern und 133 Empfängern keinen einzigen Fall von Übertragung.

Eines der Risiken einer Organtransplantation ist die mögliche Übertragung einer Krebserkrankung auf den Empfänger. Demgegenüber gilt es, das Risiko zu bedenken, das der Patient trägt, wenn er weiter auf der Warteliste bleibt.

Europäische Richtlinien zu streng?

In den Richtlinien des Europarats zur „Sicherung der Sicherheit und Qualität von Organen, Geweben und Zellen“ sind Kriterien für ein „inakzeptables“ Risiko einer Organspende festgehalten (bei dem Regelwerk handelt es sich um ein Zusatzprotokoll zur Konvention über Menschenrechte und Biomedizin von 2002). Britische Autoren fordern nun, diese Kriterien zu hinterfragen; sie fanden in einer Studie keinen einzigen Fall einer Übertragung eines nachgewiesenen Tumors vom Spender auf den Empfänger.

Von insgesamt 17.639 englischen Organspendern, die in der Studie berücksichtigt wurden, hatten 202 (1,1 %) eine Krebserkrankung – zumeist einen Hirntumor – in der Vorgeschichte. Auf 61 von ihnen trafen aufgrund dessen die Kriterien für ein „inakzeptables Risiko“ gemäß der europäischen Richtlinien zu. Dessen ungeachtet wurden diesen 61 Hochrisiko-Spendern zwischen 1990 und 2008 insgesamt 140 Organe entnommen und 133 Empfängern implantiert, darunter 86 Nieren, 22 Lebern, zehn Herzen und acht Lungen. In sieben Fällen wurden jeweils zwei Organe gleichzeitig transplantiert.

Zehn Jahre nach der Transplantation waren acht Empfänger an Krebs erkrankt, keiner von ihnen jedoch an derselben Krebsart wie der jeweilige Spender. Für die Studienautoren um Dr. Rajeev Desai von der britischen Gesundheitsbehörde NHS (National Health Service), Abteilung „Blood and Transplant“, in Bristol spricht diese Tatsache dafür, dass es sich um „De-novo-Krebsfälle“ handelte, die unabhängig von der Transplantation aufgetreten waren, also nicht übertragen wurden.

Enormer Überlebensbenefit

Ein Vergleich zwischen Empfängern von Hochrisiko-Organen und solchen von Organen mit – nach Definition der Richtlinie – „durchschnittlichem“ Risiko ergab bezüglich des Sterberisikos innerhalb von zehn Jahren keinen nennenswerten Unterschied. Nach Transplantation eines Organs von einem krebskranken Spender lebte der einzelne Empfänger im Schnitt noch 7,1 Jahre. Insgesamt hatte die Transplantation von Hochrisikoorganen einen Überlebensbenefit von 944 Jahren gebracht.

Nach Desai und Kollegen können Krebspatienten also sehr wohl als Organspender in Erwägung gezogen werden, ohne damit die Lebenserwartung der Empfänger zu beeinträchtigen. Die Wahrscheinlichkeit einer Übertragung der Krebserkrankung sei den vorliegenden Daten zufolge sehr gering. Eine strenge Auslegung der Richtlinien sei wahrscheinlich unangemessen, würden doch damit Spender ausgeschlossen, deren Organe man mit sehr geringem Risiko einer Übertragung transplantieren könnte.

Transplantation trotz Krebs

Die Autoren haben nun einen Vorschlag für eine Modifizierung der Richtlinien erarbeitet. Demnach besteht bei folgenden Tumoren ein „akzeptables Risiko“ für eine Organtransplantation:

• superfiziell spreitendes Melanom von unter 1 mm Dicke nach kurativer Chirurgie und mindestens fünf Jahren Rezidivfreiheit

• hormonrezeptornegativer Brustkrebs im Stadium I nach kurativer Chirurgie und mindestens fünf Jahren Rezidivfreiheit

• Ovarialkarzinom nach kurativer Chirurgie und mindestens zehn Jahren Rezidivfreiheit

• Kolonkarzinom nach kurativer Chirurgie und mindestens fünf Jahren Rezidivfreiheit

Den Empfänger sollte man in jedem Fall über das mit der Transplantation verbundene Risiko aufklären. Desai und Mitarbeiter empfehlen hierfür ein zweizeitiges Vorgehen: Das erste Gespräch sollte bei Aufnahme in die Warteliste erfolgen, das zweite, wenn akut ein Organ angeboten wird.

Originalpublikation: Desai R et al.: Estimated risk of cancer transmission from organ donor to graft recipient in a national transplantation registry; Br J Surg 2014; 101 (7): 768–74

springermedizin.de, Ärzte Woche 25/2014

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