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Die Leistungen der modernen Transplantationsmedizin haben sich in den letzten Jahren extrem verbessert.
 
Transplantationen 27. Oktober 2010

Organspende betrifft jeden

Der Europarat organisiert jährlich einen europäischen Tag der Organspende und Transplantation, um dieses Thema ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Organtransplantationen können nicht nur Leben retten, sondern auch die Lebensqualität der Empfänger verbessern. Vor allem im Kindesalter ist die Nierentransplantation die mit Abstand beste Ersatztherapie für dieses Organ und bietet eine optimale körperliche, psychische und soziale Rehabilitation. Ziele der Forschung sind die Verringerung der Nebenwirkungen immunsuppressiver Medikamente und die Entwicklung von Strategien zur Induktion der Organtoleranz.

 

Österreich liegt mit 20 bis 26 Spendern pro eine Million Einwohner und Jahr unter den „Spitzenreitern“ im Organspendebereich. „Mit der positiven Einstellung der österreichischen Bevölkerung zur Organspende und mit der sehr guten rechtlichen Situation wäre eine Organspendefrequenz von 30 Spendern pro Million und Jahr durchaus erreichbar. Damit könnten Wartezeiten auf eine Niere oder auch die Todesrate von Patienten auf Wartelisten für die anderen Organe noch deutlich gesenkt werden“, betonte Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, Vorstand der Universitätsklinik für Chirurgie in Wien anlässlich des 12. Europäischen Tags der Organspende und Organtransplantation, der dieses Jahr am 16. Oktober in Tbilisi (Georgien) stattfand. Zeitgleich wurde in vielen europäischen Ländern ein „Satelliten-Event“ mit öffentlichen Veranstaltungen und Vorträgen zu medizinischen und gesundheitspolitischen Themen abgehalten. Diese mittlerweile jährliche Veranstaltung fand erstmals 1996 statt. Ziel ist, die Öffentlichkeit und auch verantwortliche Politiker für dieses Thema zu sensibilisieren.

Leistungsfähigkeit der modernen Transplantationsmedizin

Die Leistungen der modernen Transplantationsmedizin haben sich in den letzten Jahren extrem verbessert, unterstrich Prof. Dr. Johann Pratschke, Leiter der Universitätsklinik für Viszeral-, Transplantations-, und Thoraxchirurgie der Medizinischen Universität Innsbruck. Gemessen werden die Ergebnisse in Prozent-Organfunktionsraten pro Jahr. Die Ergebnisse sind in den einzelnen Organtransplantationen jedoch unterschiedlich, abhängig vom Ausmaß der operativen Belastung, aber auch vom Ausmaß der Belastung für den Organismus vor dem Eingriff.

Die häufigste Transplantation ist die Nierentransplantation. In Österreich werden etwa 350 bis 400 Transplantationen von toten Spendern durchgeführt, etwa 50 bis 60 von lebenden Spendern. Diese Unterscheidung ist entscheidend, da Nierentransplantationen von lebenden Spendern, auch wenn sie nicht blutsverwandt sind, exzellente Ergebnisse bringen können. So sind etwa 95 Prozent der in diesem System transplantierten Nieren nach einem Jahr noch in Funktion und fast 90 Prozent noch in fünf Jahren. Die vermutete Halbwertszeit (50 Prozent der Organe sind in Funktion) dürfte bei Lebendspenden etwa 15 Jahre betragen. Nierentransplantation von verstorbenen Spendern erreicht jedoch nur eine Einjahresmarke von knapp über 90 Prozent und eine Fünfjahresmarke von 80 Prozent. Die Halbwertszeit dieser Transplantationsform ist etwa zehn Jahre.

Der Grund für die unterschiedlichen Ergebnisse dürfte darin liegen, dass Nieren von toten Spendern eine angesteigerte Immunogenitätslage haben und die unvermeidliche Konservierungszeit zu unspezifischen entzündlichen Reaktionen führen kann, die sich frühzeitig in einer Fibrosierung des Organs zeigt. Herz- und Lebertransplantationen haben historisch gesehen schon seit über zwei Jahrzehnten etwa gleiche Ergebnisse mit knapp über 80 Prozent Organfunktion nach einem Jahr und etwa 70 Prozent nach fünf Jahren. Der Unterschied zur Nierentransplantation erklärt sich durch die erhöhte operative Belastung und den präoperativ oft schlechten Allgemeinzustand des Patienten, häufig bedingt durch eine lange Wartezeit. Die Folge ist ein deutlich erhöhtes perioperatives Risiko.

Die Pankreastransplantation, die in Europa in erster Linie bei Patienten mit Typ 1 Diabetes und einem daraus resultierenden dialysepflichtigen Nierenschaden durchgeführt wird, zeigt interessante gute Ergebnisse: Funktionstüchtigkeit in 85 Prozent der Fälle nach einem Jahr und zu 75 Prozent nach fünf Jahren. „Diese Ergebnisse sind deswegen erstaunlich, da ein über Jahrzehnte bestehender Diabetes häufig eine hohe Komorbidität bedeutet, die aber durch diese kombinierte Transplantationsform behebbar zu sein scheint“, so Pratschke.

Die Ergebnisse der jüngsten Form der klinischen Organtransplantation, der Lungentransplantation, hinken noch etwas nach: die Einjahresfunktion ist knapp unter 80 Prozent und die Fünfjahresfunktion, die auch mit der Überlebensrate gleichgesetzt werden kann, beträgt etwa 60 Prozent. Da die Lunge als Außenorgan auch die Abwehr von unterschiedlichen Partikeln, Bakterien und Viren kontrolliert, diese aber im Rahmen einer Transplantation oft gestört ist, kann es zu Organversagen oder Infektionen kommen. Außerdem sind chronische Lungenerkrankungen extrem konsumierend – oft müssen Patienten operiert werden, die kaum noch eine Muskelsubstanz aufweisen. „Österreich ist in der glücklichen Lage, sehr vielen dieser Patienten rechtzeitig ein Organ anbieten zu können“, so Pratschke.

Nierentransplantation im Kindesalter

Das dialysepflichtige Nierenversagen im Kindesalter ist im Vergleich zum Erwachsenenalter ein seltenes Ereignis. Werden in Österreich etwa 1.000 Erwachsene jedes Jahr neu dialysepflichtig, sind es bei Kindern nur 10 bis 20. „Damit ist die Anzahl der Kinder vergleichsweise gering, die Auswirkungen sind jedoch enorm“, betonte Prof. Dr. Thomas Müller von der Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde in Wien.

Eine chronische Nierenerkrankung bedeutet, kein normales Kinderleben führen zu können, Diät halten zu müssen, regelmäßig viele Medikamente einzunehmen, häufige Spitalsbesuche mit schmerzhaften Blutabnahmen und natürlich auch Einschränkungen bei Schule und Freizeit. Sobald die Nierenfunktion völlig zu erliegen kommt, muss mit einer Dialysebehandlung begonnen werden. Die stellt eine noch intensivere Belastung für das betroffene Kind und auch für die übrige Familie dar.

Eine Nierentransplantation, die in dieser Situation fast immer angestrebt werden soll, ist die derzeit beste Nierenersatztherapie. Nur sie ermöglicht eine optimale körperliche, psychische und soziale Rehabilitation. An der Wiener pädiatrischen Nephrologie werden im Durchschnitt zwischen fünf und zehn Transplantationen pro Jahr durchgeführt.

Wartezeit auf ein Transplantat bei Kindern kürzer

Auf Grund eines Punktebonus im Eurotransplant-Organzuteilungssystem (ETKAS), der bis zum fünfzehnten Lebensjahr gilt, liegt die aktuelle Wartezeit bei 6-12 Monaten und ist somit um ein vielfaches kürzer als bei erwachsenen Nierenempfängern. Dies soll eine möglichst kurze Dialysezeit ermöglichen, in der eine Rehabilitation der Kinder nicht gewährleistet ist. Konsequenterweise besteht in der Pädiatrie, mit nationalen Unterschieden, ein sehr hoher Anteil an Verwandtenspenden (Kindernephrologie Wien 50-60 Prozent), die auf Grund der guten Planbarkeit eine Dialysebehandlung oft gänzlich überflüssig machen (präemptive Transplantation).

Überlebensrate bei Transplantierten höher

Bei Kindern und Jugendlichen wird heutzutage ein 5-Jahres-Patientenüberleben von 95 Prozent erreicht. Im Vergleich dazu überleben nur zwischen 60 und 70 Prozent aller pädiatrischen Dialysepatienten die ersten fünf Jahre. Die häufigsten Todesursachen nach Nierentransplantation sind Infektionen (30 Prozent) und Herz-Kreislauf-Erkrankungen (15 Prozent). Das 5-Jahres-Transplantatüberleben liegt derzeit bei etwa 80 Prozent. Organe, die von einem Verwandten gespendet wurden, funktionieren um knapp 10 Prozent länger. Die Hauptursache für den Transplantatverlust sind chronische Abstoßungsreaktionen.

Immunsuppression notwendig

Möglich sind diese Erfolge nur durch die Verfügbarkeit immunsuppressiver Medikamente, die jedoch einen schmalen therapeutischen Bereich zwischen Toxizität und Wirkungslosigkeit aufweisen. Daher ist ein permanentes Monitoring notwendig, das Disziplin vom Patienten und hohe Leistungsfähigkeit von Seiten des medizinischen Personals erfordert.

In die Verbesserung und Weiterentwicklung dieser Medikamente in Form wissenschaftlicher Studien sind auch österreichische Transplantationszentren eingebunden. Forschungsziele sind dabei Medikamente und Medikamentenkombinationen, die bei gleicher Sicherheit weniger Nebenwirkungen aufweisen, aber auch Strategien zu entwickeln, um die Induktion der Toleranz zu erreichen.

Kostenersparnis durch Transplantation

Obwohl diese Medikamente viel Geld kosten, erspart sich das Gesundheitssystem durch die Transplantation von Nieren hohe Summen. In Österreich werden alle Patienten, die einen Nierenersatz brauchen, dialysiert, unabhängig von Alter oder Grunderkrankung. Die Kosten der Dialyse für ein Jahr liegen bei etwa Euro 60.000,-, eine Nierentransplantation dürfte durchschnittlich Euro 50.000,- kosten. In den Folgejahren treten nur noch Medikamentenkosten und Kosten für Arztbesuche auf. Die „Rentabilitätsgrenze“ ist damit bei 10 bis 11 Monaten erreicht. „Zusätzlich gewinnt der Patient auch an Lebensqualität und Lebenszeit“, betonte Mühlbacher. Auch Kostenrechnungen bei anderen Organtransplantationen ergaben einen deutlichen Kostenvorteil für die Transplantation im Vergleich zu rezidivierend aufwändigen Krankenhausbehandlungen.

 

Quelle: Pressekonferenz anlässlich des 12. Europäischen Tags der Organspende und -transplantation, 13. Oktober 2010, Wien

  • Herr Dr. Lothar Schütz, 01.11.2010 um 04:23:

    „Ich bin 02.01.2007, selbst Internist, nach vier einem Monat Kunstherz herztransplantiert! (Uniklinik Innsbruck)
    Hätte Österreich nicht die Wiederspruchregelung, wäre ich schon gestorben!

    Trotz Kunstherz, Multiorganversagen, DIC,
    2 Herzbeuteltamponaden damals, & nun nicht progedienter dilatatativer Transplantatvasculuopathie höchsten Grades & einer leicht reduzierten LVF von 47%, bin ich nach 11 Monaten Rekonvaleszenz schon wieder drei Jahre voll als Internist tätig!

    Mein herzlichster Dank gilt einerseits dem massivem Einsatz meines Operateurs, Herrn a. o. Univ. Prof. Dr. H. Antretter, dem ICU & änestästhesiologischem Team & insbesondere meinem mich betreuenden, überaus menschlichen,
    Kardiologen Herrn Doz. Dr. G. Pölzl

    Organspende verlängert nicht nur leben, sie rettet Familien!“

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