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Cushing beschäftigte sich intensiv mit der Hypophyse und erprobte neue operative Zugangswege zu dieser Hormondrüse.
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Gehirnpräparate zahlreicher Erkrankungen.

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Während einer Studienreise lernte Cushing Theodor Kocher (1841–1917; im Bild) in Bern kennen und war von seiner „absoluten“ Blutarmut im Operationsfeld fasziniert.

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Harvey Cushing war einer der brillantesten Hirnchirurgen des 20. Jahrhunderts und gilt heute als eigentlicher Begründer der Neurochirurgie.

 
Neurochirurgie 26. April 2013

Gottvater der Neurochirurgen

Harvey Cushing und „die Notwendigkeit der Neurochirurgie als Spezialfach“.

Er „erfand“ das Narkoseprotokoll, führte die intraoperative Blutdruckmessung ein, setzte als einer der Ersten die Röntgenstrahlen in der Diagnostik ein, entwickelte und perfektionierte die sogenannte „Elektrochirurgie“, sammelte leidenschaftlich medizinhistorische Bücher und erhielt für seine Biografie des berühmten Internisten William Osler (1849–1919) den Pulitzerpreis. Darüber hinaus war er einer der brillantesten Hirnchirurgen des 20. Jahrhunderts und gilt heute als eigentlicher Begründer der Neurochirurgie. Für viele ist der Name des „Gottvaters der Neurochirurgen“ sogar Synonym für das junge Fachgebiet, Harvey Cushing (1869–1939). Weltbekannt ist er vor allem aber durch das nach ihm benannte Krankheitsbild.

Als junger Student musste Cushing im Massachusetts General Hospital in Boston einen Patienten mit Äther narkotisieren, in diesem Spital hatte ja am 16. Oktober 1846 William T. G. Morton (1819–1868) erstmals erfolgreich eine Narkose mit Äther durchgeführt. Solche „Hilfsarbeiten“ überließ man damals noch gerne den Studenten. Dabei kam es zu einem dramatischen Zwischenfall und der Patient verstarb noch vor dem chirurgischen Eingriff an der Narkose. Sensiblere Gemüter hätten daraufhin das Handtuch geworfen und sich zu einem weniger gefährlichen Studium entschlossen. Nicht so Cushing. Mit seinem Freund Ernest A. Codman (1869–1940) entwickelte er 1894 ein Anästhesie-Protokoll in dem fortlaufend Puls, Atmung, Temperatur, Ätherverbrauch und auffällige Reaktionen, wie Erbrechen und Reizerscheinungen, während des Eingriffs aufgezeichnet wurden. Durch die Auswertung der Daten erhofften sie, die Narkosen risikoärmer zu machen und die damals noch recht häufigen letalen Verläufe zu reduzieren.

Als Cushing im Jahr 1900 bei seinem Trip durch die Zentren der europäischen Medizin in Italien Scipione Riva-Roccis (1863–1937) ein einfaches und handliches Blutdruckmessgerät kennen lernte, übernahm er nach seiner Rückkehr in die USA auch die Aufzeichnung des Blutdrucks in seine „ether charts“. Vehement forderte er die allgemeine Verbreitung dieser Narkoseprotokolle mit regelmäßigen Einträgen der engmaschig erhobenen Blutdruck- und Kreislaufparameter. Im deutschen Sprachraum begann man allerdings erst ab 1930, Blutdruck und Herzfrequenz intraoperativ zu kontrollieren und zu dokumentieren. Jedoch, bis weit in die 1950er-Jahre erfolgte die intraoperative Blutdruckmessung sowie deren Dokumentation nur ausnahmsweise.

Weiterbildung in Baltimore und Europa

Nach Abschluss seines Medizinstudiums verließ Cushing 1896 Boston, um beim damals berühmtesten amerikanischen Chirurgen William Steward Halsted (1852–1922) am Johns Hopkins Hospital in Baltimore zu arbeiten. Bei Halsted lernte er, dass die Zukunft im sorgfältigen, gewebeschonenden und blutarmen Operieren lag und nicht wie damals noch gang und gäbe im möglichst schnellen Operieren. Wie damals fast alle amerikanischen Ärzte, die es zu etwas bringen wollten und es sich auch leisten konnten, begab Cushing sich im Jahr 1900 auf eine Reise durch die Zentren der Medizin in Europa. Vor allem Theodor Kocher (1841–1917) in Bern und seine „absolute“ Blutarmut im Operationsfeld fasziniertne ihn. Hier fand er das Prinzip der schonenden, behutsamen, langsamen und wenn nötig stundenlangen Operation bestätigt. Exakte neurologische Untersuchung des Patienten und ebenso exakte Planung des Eingriffs, engmaschige Überwachung, größtmögliche Schonung des Gewebes beim Operieren und peinlich genaue Blutstillung waren es letztlich, die Cushing neben seinen „göttlichen Chirurgenfingern“ zum richtungsweisenden, überragenden Hirnchirurgen machten.

Im Jahr 1901 kehrte Cushing nach Baltimore zurück und am 21. Februar 1902 führt er hier seine erste Operation am Gehirn durch. Der Patient verstarb. Trotz sorgfältigster Planung und Durchführung der Operationen verstarben von den ersten zehn operierten Patienten neun. Entmutigen ließ sich Cushing dadurch aber nicht. Er war besessen davon, es nächstes Mal besser zu machen. Und der Erfolg gab ihm recht. Am Ende seiner Karriere im Jahr 1932 blickte er auf 2.000 Gehirnoperationen zurück. Es war ihm gelungen, die Letalität seiner Eingriffe von ursprünglich 90 auf sechs Prozent zu senken.

Monografie festigte seinen Ruf als der Hypophysenforscher

Neben den Tumoren des Gehirns beschäftigte sich Cushing intensiv mit der Hypophyse, ihren Hormonen und der Operation von Tumoren der Hirnanhangdrüse. Er fiel, wie böse Zungen meinten, in eine Art „Hypophysenrausch“. Cushing entwickelte zahlreiche Theorien und erprobte neue operative Zugangswege zur Hypophyse. Mit seiner 1912 erschienenen Monografie „Die Hypophyse und ihre Erkrankungen“ festigte er seinen Ruf als der Hypophysenforscher. Zwanzig Jahre danach, im Jahr 1932 beschrieb er das Krankheitsbild, das seinen Namen trägt, das „Cushing Syndrom“. Seine Erklärung, dass alle von ihm beschriebenen Symptome die Folge eines bestimmten Hypophysentumors sind, war zwar nicht richtig – verantwortlich ist, wie man heute weiß, ein Versagen der Nebennierenrinde, die allerdings von der Hypophyse falsch gesteuert sein kann –, seine exakte klinische Beschreibung dieses Symptomenkomplexes hat aber bis heute ihren Wert nicht verloren, auch wenn die Theorie dazu nicht mehr ganz stimmt.

Kein angenehmer Zeitgenosse

Ein angenehmer Zeitgenosse war Cushing nicht. Die Arbeit mit ihm soll die Hölle gewesen sein. Er brüllte, tobte und beleidigte die gesamte Mannschaft während der oft stundenlang andauernden Operationen. Mehrmals sollen ihm genervte Assistenten nach der Operation im Umkleideraum eine Tracht Prügel angetragen haben, falls er sich nicht entschuldige. Aus Rücksicht auf seine zarten Hände tat Cushing es immer. Aber rücksichtlos war Cushing auch gegen sich selbst. In seinen Notizen – immerhin etwa 5.000 Seiten – beschrieb er nicht nur Tumorlokalisationen und Operationstechniken, sondern berichtete unverhüllt auch über die oft katastrophalen Fehler, die ihm bei seinen Operationen passiert waren. Cushing wollte, dass seine Schüler daraus lernten. Obwohl er mit seiner Offenheit auch schon damals seine Karriere gefährdete – es gab bereits erste Kunstfehlerprozesse –, forderte Cushing seine Kollegen auf, zu ihren Fehlern zu stehen. Dieses Prinzip, Fehler zu erkennen und zuzugeben hat die Neurochirurgie in ihren Anfängen entscheidend vorangebracht. Furcht vor Schadenersatz beendete dieses Prinzip aber bald. Fehler landeten bald dort, wohin sie auch heute noch oft kommen, unter dem Teppich.

In Wien erst späte Einführung des Spezialfachs Neurochirurgie

Nur Spezialisten dürften bekannt sein, dass der Billroth-Schüler Anton von Eiselsberg (1860–1939) – er übernahm 1901 die I. Chirurgische Universitätsklinik in Wien – in der Zeit, als sich Cushing an seine ersten Gehirntumoren wagte, bereits zahlreiche Tumoren im Hirn operiert hatte. Auf der 42. Tagung der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie im Jahr 1913 berichteten Eiselsberg und sein Assistent Egon Ranzi (1875–1939) über 168 Fälle von in Wien operierten Hirn- und Rückenmarkstumoren. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit der auch neurochirurgisch tätigen Allgemeinchirurgen mit den Neurologen in Wien war zwar gut, aber von den in Amerika aufkommenden „neurologischen Chirurgen“ oder „operierenden Neurologen“ war man in Wien meilenweit entfernt. In einem Vortrag wies der Wiener Psychiater, Neurologe und Neuroanatom Constantin von Economo (1867–1931) 1930 auf die gewaltigen Unterschiede der Resultate bei Hirnoperationen von Cushing und den viel schlechteren Ergebnissen in Europa hin. Vehement forderte er „die Notwendigkeit der Neurochirurgie als Spezialfach“. Aber erst 34 Jahre später – viele Länder Europas hatten zu dieser Zeit schon jahrzehntelang Neurochirurgische Kliniken und Lehrstühle – wurde in Wien die erste Neurochirurgische Universitätsklinik gegründet.

W. Regal und M. Nanut, Ärzte Woche 17/2013

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