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Foto: Pädiatrische Neurochirurgie, Charité -   Universitätsmedizin Berlin
Die Medizin vermag mit ihren präzisen Operationsmethoden die Schädelknochen von drei bis neun Monate alten Kindern mit einer Schädelfehlbildung genauestens zu formen. Doch wie sieht der „normale“ Schädel aus?
Foto: idw-online.de

Welche Einflüsse haben unsere Vorstellung vom „wohlgeformten“ Schädel geprägt? Rudolf Virchow hat mit seinen Studien zu Schädelformen als Erster das Krankheitsbild der zusammengewachsenen Schädelnähte beschrieben.

 
Neurochirurgie 30. März 2011

Was ist schon ein „normaler“ Schädel?

Eine historisch heikle Frage und die moderne Suche nach Antworten.

Kindern, die mit einer Schädelfehlbildung auf die Welt kommen, ist dank moderner medizinischer Methoden zu helfen: Durch einen komplexen chirurgischen Eingriff kann die Fehlbildung, die sich gravierend auf das Erscheinungsbild, sehr selten aber auf die geistige Entwicklung des Kindes auswirkt, korrigiert werden. Die Festlegung des angestrebten Ergebnisses, nämlich einer ästhetisch ansprechenden Kopfform, bleibt jedoch sehr vage, denn wie soll ein Schädel aussehen?

 

Eine medizinische Definition des „Normschädels“ ist aufgrund eines historisch begründeten Unbehagens gegenüber Körpervermessung weitgehend tabuisiert.

Hier setzt das transdisziplinäre Forschungsvorhaben „SchädelBasisWissen“ an, das im Rahmen der Initiative „Schlüsselthemen“ mit rund 745.000 Euro von der VolkswagenStiftung gefördert wird: Welche kulturellen, medizinhistorischen und wissenschaftlichen Einflüsse haben unsere Vorstellung vom „wohlgeformten“ Schädel geprägt? Worin liegen die impliziten Verknüpfungen zwischen der Schädelform und den persönlichen Charaktereigenschaften eines Menschen begründet?

In Zusammenarbeit mit Medizinethnologen und Kunsthistorikern arbeiten Prof. DDr. Sigrid Weigel, Direktorin des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung Berlin, und der Neurochirurg PD Dr. Ernst-Johannes Haberl, Charité-Universitätsmedizin Berlin, am Beispiel der Schädelkorrektur bei Kleinkindern das historisch verankerte Wissen auf, das in unseren Vorstellungen über ein angenehmes Erscheinungsbild fortwirkt, ohne jedoch in der medizinischen Praxis reflektiert zu werden.

Wie die Vorstellung vom „wohlgeformten“ Schädel entstanden ist, wird sowohl anhand von Texten in Lehrbüchern und Fachartikeln, von Visualisierungen und Modellen des Schädels in Medizin und Kunst als auch in der klinischen Praxis, also der Kommunikation zwischen Arzt und Eltern, untersucht. Zudem wollen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler Patientenfamilien im Hinblick auf ihre Erwartungen und Bewertung der Operationsergebnisse befragen.

Ein Ziel dieses Forschungsvorhabens ist, für betroffene Eltern allgemeinverständliche Informationen über die historisch verankerte Bedeutung des menschlichen Schädels bereitzustellen, damit sie die schwerwiegende Entscheidung für oder wider eine lebensbedrohliche Operation an ihrem Kind bewusst treffen können.

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