zur Navigation zum Inhalt
 

Nicht nur ein harmloser Pieks!

Nadelstichverletzungen: unterschätzt und zu selten gemeldet.

Davor ist kein Chirurg gefeit: Verletzungen mit Nadel oder Skalpell ereignen sich in Europa jedes Jahr fast eine Million Mal. Viele Kollegen scheuen sich jedoch, den Vorfall zu melden. Dabei wird das Risiko einer Infektionsübertragung, vor allem mit Hepatitis B, deutlich unterschätzt.

Eine unachtsame Bewegung beim Vernähen, ein kurzer Schmerz, ein Blutstropfen – kein Zweifel, die Nadel war im Finger. Eigentlich sollte jetzt eine ganze Kette von Maßnahmen ablaufen: Der Vorfall muss gemeldet werden, es sollte eine labormedizinische Untersuchung erfolgen, der Betroffene muss nachbeobachtet werden, gegebenenfalls eine Postexpositionsprophylaxe erhalten. Viele Ärzte scheuen offenbar diesen Aufwand. Wie Jennifer F. Waljee und Kollegen von der Universität Michigan berichten, schrecken 70 Prozent der US-Chirurgen vor der Meldung zurück. Als Hauptgrund wird Zeitmangel angegeben; viele Ärzte scheinen sich aber auch nicht bewusst zu sein, welches Risiko der kleine „Piks“ möglicherweise birgt.

Bis zu 20 Pathogene übertragbar

Laut Waljee et al. können durch Verletzungen mit Nadel oder Skalpell theoretisch etwa 20 Pathogene übertragen werden. Am meisten gefürchtet ist die HIV-Infektion - dabei liegt das Risiko einer postexpositionellen Serokonversion nur bei 0,3 Prozent. Wesentlich realistischer ist es, sich mit Hepatitis B anzustecken. Hier liegen die Konversionsraten zwischen 23 und 62 Prozent. Das HB-Virus, so die Autoren, bleibt in getrocknetem Blut mehrere Tage lang infektiös. Das Risiko einer Hepatitis-C-Übertragung schließlich beträgt 1,8 Prozent. Hier müsse man die relativ hohe Wahrscheinlichkeit eines Fortschreitens zur chronischen Infektion bedenken, warnt das Expertenteam. Und auch mit Syphilis, Malaria oder Herpes könne man sich per Nadelstich infizieren.

Jeder vierte Fall passiert im OP

In den USA verletzen sich den Autoren zufolge jährlich etwa 400.000 Beschäftigte des Gesundheitssystems mit spitzen oder scharfen Gegenständen. Jeder vierte Fall ereignet sich im OP, mit knapp 60 Prozent sind Chirurgen am häufigsten betroffen. Im Schnitt sticht oder schneidet sich ein Operateur innerhalb von drei Jahren elf Mal. Wie das deutsche Ärzteblatt berichtet, geht man in Europa von rund einer Million Nadelstichverletzungen (NSV) pro Jahr aus. Die Experten der deutschen Gemeinschaftsinitiative „Safety first“ rechnen jedoch mit einer hohen Dunkelziffer. So würden „trotz Meldepflicht nur zwischen neun und 13 Prozent der Nadelstichverletzungen überhaupt gemeldet“.

Dabei sei nach einer Nadelstichverletzungen Eile geboten, heißt es in der Broschüre der Initiative: „Im Falle einer HIV-Infektion sind die Maßnahmen der Postexpositionsprophylaxe nur innerhalb der ersten Stunden sinnvoll und Erfolg versprechend.“ Die „Safety-first“-Broschüre enthält ein Merkblatt zum Vorgehen nach Nadelstichverletzungen, erarbeitet von Experten der Uniklinik Heidelberg. Demnach sollten umgehend folgende Maßnahmen ergriffen werden:

  • Blutfluss fördern, evtl. mit „Auspressen“ des Gefäßes,
  • Desinfektion der betroffenen Stelle,
  • sofortige Blutentnahme beim „Verletzten“ und „Spender“,
  • Durchführung folgender Tests: Beim Verletzten: HBsAG, anti-HBs-quant., anti-HCV, anti-HIV 1+2; beim Spender: HBsAG, anti-HBc, anti-HCV, HIV,
  • Unfallmeldung beim betriebsärztlichen Dienst.

Das Autorenteam um Waljee ist den Ursachen für Nadelstichverletzungen nachgegangen. Dabei spielt Unerfahrenheit eine große Rolle, aber auch Übermüdung. Unter angehenden Fachärzten berichten über 80 Prozent, sich schon des Öfteren verletzt zu haben. Als häufigstes Corpus delicti wird die Spritze genannt (36%), Nadelstiche machen 18,5 Prozent aus. Beim Wundverschluss ist das Vernähen von Muskel- oder Fasziengewebe am risikoträchtigsten (60%). Dabei drohen Verletzungen vor allem, wenn gekrümmte Nadeln benutzt werden. Verletzungen mit dem Skalpell passieren dagegen am ehesten bei der Übergabe des Instruments, nicht so sehr bei dessen Einsatz am Patienten. Die Hälfte der Verletzungen ereignen sich einer Studie zufolge nach einer mehr als achtstündigen Arbeitsschicht.

springermedizin.de , Zahnarzt 6/2013

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben