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Prof. DDr. Kurt Vinzenz
Leiter des Departments für Mund-, Kiefer- u. Gesichtschirurgie am Evangelischen Krankenhaus Wien-Währing.

Erfolgreich gegen Zwangsstörungen
Moritz, Steffen; Hauschildt, Marit 175 Seiten, € 36,-
Springer Verlag, 2012 ISBN 9783642220296 Wie denken wir? Wie gehen wir mit Emotionen und ungewollten Gedanken um? Und was, wenn ungewollte Gedanken sich nicht mehr regulieren lassen und wir in eine „Denkfalle“ tappen? Es gibt charakteristische Denkverzerrungen, die zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Zwangsstörungen beitragen können. Die Kunst ist es, diese immer wiederkehrenden Denkfallen zu erkennen und zu „entschärfen“. Das Selbsthilfemanual Erfolgreich gegen Zwangsstörungen, das nun bereits in 2. Auflage vorliegt, vermittelt anschaulich die aktuellen Theorien zu Zwangsstörungen.

 

Die ästhetische Medizin ist ein heiß umkämpftes Feld

Schönheitsmedizin im Spannungsfeld zwischen etablierter Heilkunst und funktionstoter „Kosmetologie“.

Insgesamt acht Fächer bieten derzeit diesbezügliche Leistungen an. Grundlage einer in Entwicklung befindlichen postgraduellen Ausbildung sollte ein umfassendes "Organwissen" unter Einbindung der Psychologie, vergleichbar mit allen anderen chirurgischen Fächern, sein, fordert Prof. DDr. Kurt Vinzenz, Leiter des Departments für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie am Evangelischen Krankenhaus Wien-Währing.

 

Sie gelten als internationaler Experte für plastisch-rekonstruktive Gesichtschirurgie. Wie kam es dazu?

Vinzenz: Wir gründeten bereits 2002 eine interdisziplinäre wissenschaftliche Gesellschaft für Implantologie und Gewebeintegrierte Prothetik für den Kopf-Hals-Bereich und wurden im Jahr darauf durch einstimmigen Beschluss der Vollversammlung der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC) als assoziierte Gesellschaft anerkannt.

Wir erkannten die Zeichen der Zeit bereits sehr früh, d.h. die Bedeutung der Interdisziplinarität und die rasante Entwicklung der Implantatchirurgie. In der Folge wurde die vorerst auf den Kopf-Halsbereich beschränkte Gesellschaft auf alle Körperregionen erweitert.

Durch zahlreiche von uns veranstaltete Symposien und Konferenzen gelang uns schrittweise eine internationale Positionierung. Zuletzt zeichneten wir im Vormonat für ein internationales Symposium verantwortlich, das an der Donau-Universität Krems in Kooperation mit der renommierten Universitätsklinik für ästhetisch-plastische Chirurgie bzw. der Clinica Ivo Pitanguy in Rio de Janeiro stattfand, um Richtlinien für eine postgraduale Ausbildung für ästhetische Medizin zu entwickeln.

 

Die Schönheitsmedizin wird in der Öffentlichkeit immer präsenter, gleichzeitig aber immer widersprüchlicher diskutiert. Wie beurteilen Sie die Lage?

Vinzenz: Kennzeichnend ist die Irregularität, die dieser Präsenz innewohnt und sich in zunehmend öffentlich diskutierten Verteilungskonflikten zwischen den einzelnen Fächern, vornehmlich zwischen Teilen der plastischen Chirurgen und Dermatologen, niederschlägt. Und dies unter Einsatz fragwürdiger Werbeplattformen und unter Ausblendung medizinisch-wissenschaftlicher Grundlagen: Insgesamt bieten acht Fächer ästhetisch-medizinische Leistungen an. Aus eigenen Untersuchungen wissen wir, dass in Österreich etwa die gleiche Zahl Allgemeinchirurgen wie plastische Chirurgen ästhetisch-medizinische Behandlungen durchführt. Zahlen über praktische Ärzte mit ähnlichem Leistungsprofil liegen meines Wissens bislang nicht vor.

Wie sehen diese schönheitsmedizinischen Angebote aus?

Vinzenz: Diese erfolgen in isolierten Parallelwelten der jeweiligen Fächer mit teilweise großen Überschneidungen im merkantil interessanten Bereich wie etwa der chirurgischen Behandlung der Haut, jedoch auf einer größtenteils unzureichenden wissenschaftlichen Basis, was paradoxerweise zu Neugründungen von sogenannten Akademien und Gesellschaften durch wissenschaftlich nicht zertifiziertes Personal führt. Hier wird versucht, den von den etablierten Universitäten bisher schlecht betreuten klinischen Raum im eigenen Sinne in vielfältiger Form zu nutzen.

 

Wird also die ästhetische Medizin von der etablierten Heilkunde überhaupt nicht thematisiert?

Vinzenz: In keinster Weise. Das Spektrum der ästhetischen Chirurgie verläuft fließend von der Gesichtsentstellung aufgrund verschiedener Ursache über das Altern bis hin zu bislang individuell definierten ästhetischen Defiziten. Die funktionstote „Kosmetologie“ wie etwa Behandlungen mit Filler, Botox, Lipo und Kabeltechniken in der FL-Chirurgie trachten sich dabei begreiflicherweise zu verselbstständigen, um eine Sonderstellung außerhalb der etablierten Medizin zu begründen – dies nicht nur durch die erwähnten Akademiegründungen, sondern auch durch den Erhalt einer fragwürdigen Indikationsstellungskultur unter Ausblendung des eminent wichtigen psychologischen Hintergrunds, der zur jeweiligen chirurgischen Intervention führt.

 

Welche Neuorientierung in der ästhetischen Medizin empfehlen Sie?

Vinzenz: Kernpunkte sollten das Primat „funktionelle Gesamtheitlichkeit“ ästhetischer Behandlungskonzepte und der vorrangige Einbezug der Psychologie in medizinische Behandlungen und Indikationsstellungen sein. Die besondere Berücksichtigung der funktionellen Gesamtheitlichkeit des Gesichtes steht dabei im Gegensatz zur alleinigen „Camouflage“ der Kosmetologie durch „funktionstote“ Maßnahmen zur Verschönerung mit alleinigem Bezug auf die „psychische Verfasstheit“ des Patienten. Im Einzelnen bedeutet dies, dass ohne ein umfassendes Können und Wissen in der Gesichtschirurgie aus verschiedener fachärztlicher Perspektive die „kosmetische Chirurgie“ des Gesichtes sich als eine befremdende, außerhalb üblicher klinisch-wissenschaftlicher Normen stehende chirurgische Novität darstellt.

 

Welche Grundsätze für die Ausbildung sollten gelten?

Vinzenz: Das Funktionieren des Gesichtes definiert sich aus „Organeinheiten“ wie Mund, Nase und Augen mit ihren inneren und äußeren Anteilen, die in das Stützgewebe („skeletal architecture oft the face“) integriert sind und zu dessen Berücksichtigung in der wiederherstellenden Chirurgie mehrere klinische Fächer herangezogen werden müssen. Aus merkantilen Gründen wird versucht, diese in der Unfallchirurgie und Missbildungschirurgie des Gesichtes unbedingt notwendige medizinische Interdisziplinarität zur simultanen Wiederherstellung von Form, Ästhetik und Funktion auszublenden.

 

Wie ließe sich dies umsetzen?

Vinzenz: Wie eingangs erwähnt, haben wir unsere Bemühungen um wissenschaftlich fundierte Grundlagen intensiviert und uns damit erfolgreich international platziert. Dabei ist unser Ziel, unter Einbezug sämtlich relevanter (etwa acht) fachärztlicher Teilbereiche, die Organfunktionen auf Grundlage der angewandten funktionellen Anatomie und der daran geknüpften funktionellen Gesamtheitlichkeit der ästhetischen Medizin für eine evidenzbasierte Lehre zu erfassen. Dabei kooperieren wir seit einiger Zeit mit dem weltweit führenden Universitätsinstitut für ästhetische Chirurgie – der Clinica Ivo Pitanguy, Rio de Janeiro.

Ebenso sollten das eminent wichtige Thema der Psychologie und Psychiatrie in die schönheitsmedizinischen Konzepte einbezogen und auch die Erarbeitung von Richtlinien zur Indikationsstellung für medizinische Eingriffe auf evidenzbasierter universitärer Ebene erstellt werden.

 

Das Gespräch führte F. Hörandl

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