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Chirurgie 9. April 2008

Mehr Sicherheit im Spital durch Funk-Technologie

RFID-Systeme machen Konsumgüter diebstahlsicher und ermöglichen Supermärkte ohne Kassiere. Auch im Gesundheitswesen gibt es zahlreiche mögliche Anwendungen – von der OP-Planung über die Speicherung von Patientendaten für Notfälle bis zu RFID-Tupfern.

Franz Mannsberger hat gute Nerven. An seinem Arbeitsplatz ist das Voraussetzung. Als Operations-Koordinator an der Innsbrucker Universitätsklinik für Chirurgie ist er für den reibungslosen Ablauf in 25 Operationssälen zuständig. Rund 20.000 Operationen werden hier pro Jahr durchgeführt. Somit ist er mitverantwortlich, dass der Alptraum jedes Patienten nicht Wirklichkeit wird: Im Aufwachraum feststellen zu müssen, dass am falschen Organ operiert wurde. „Das ist freilich während meiner langjährigen Tätigkeit noch nie vorgekommen“, betont Mannsberger.

Pilotprojekt in Innsbruck

In einem vor zwei Jahren gestarteten Pilotprojekt hatte der Innsbrucker OP-Koordinator zusätzlich zum EDV-unterstützten Operationsmanagement ein weiteres technisches Sicherheitsnetz zur Verfügung. „Jeder Patient wurde schon auf der Station mit einem RFID-Funkarmband ausgestattet, das eine Identifikationsnummer, kurz ID, enthielt. In den OP-Schleusen wurden Geräte installiert, mit deren Hilfe die ID des Funkarmbandes gelesen und mit den in den Spitalscomputern gespeicherten Patientendaten abgeglichen wurde“, erklärt Mannsberger. Das heißt: Falls einmal tatsächlich nicht der richtige Patient zum richtigen Termin in den vorgesehenen Operationssaal gebracht wird, dann würde dieses technische Erkennungssystem Alarm schlagen – durch ein entsprechendes Warnsignal am Computer-Bildschirm des OP-Managers oder auch durch einen Alarm am Handy.

Ursprünglich für US-Militär entwickelt

Herzstück dieses technischen Systems für „verbessertes Risikomanagement in Gesundheitseinrichtungen“ namens „ProAct“, das von der ITH icoserve technology for healthcare GmbH mit Firmensitz in Innsbruck entwickelt wurde, sind Ortungs-Chips, zum Beispiel auf Basis von RFID. Das Akronym steht für „Radio Frequency Identification Device“ (siehe auch Kasten: „Daten & Fakten“).
Solche Funketiketten sind „eigentlich ein alter Hut“, heißt es in der deutschen Netzzeitung. Sie wurden schon in den vierziger Jahren zur Freund-Feind-Erkennung bei Flugzeugen entwickelt und in den siebziger Jahren zur zivilen Nutzung freigegeben. Zunächst, so das Online-Magazin, seien sie „im Stall gelandet, um Kühe zu identifizieren“. Doch seit Forscher die einst klobigen Transponder zu kleinsten Folien weiterentwickelt hätten, die überall verstaut werden können, werde der flächendeckende Einsatz der RFID-Technologie in verschiedensten Lebensbereichen angedacht – und teils heiß diskutiert.

Kein Personal an der Kassa

Zum Beispiel wenn es darum geht, die in Supermärkten längst schon üblichen Barcode-Etiketten auf Konsumwaren durch RFID-Folien zu ersetzen, die Daten auch über größere Entfernungen übertragen können. In Kombination mit entsprechenden Lesegeräten macht das Supermärkte ohne Kassiererinnen möglich, die im Pilotbetrieb auch schon erfolgreich getestet werden – zum Beispiel von der deutschen Supermarktkette Real, die ihren Kunden zumindest teilweise Selbstbedienungskassen anbietet.
Supermärkte ganz ohne Kassiererinnen zu betreiben, mag eine Form des Einkaufs sein, die manche Menschen mit einem erfreuten „Endlich“ begrüßen mögen. Für andere ist das eher eine Horrorvorstellung, entfällt bei dieser Form des Shoppings doch auch der letzte Rest an zwischenmenschlicher Kommunikation.

RFID im Gesundheitswesen

Vor- und Nachteile hat die RFID-Technologie auch im Gesundheitswesen. Einerseits kann sie nicht nur dazu beitragen, bei der Operationsplanung einen störungsfreien Ablauf zu gewährleisten, sondern zum Beispiel durch entsprechende Etikettierungen auch Verwechslungen bei der Verabreichung von Blutkonserven oder Medikamenten verhindern.

Datenschutz nicht vergessen

Andrerseits ist die neue Technologie nicht eben billig und Patientendaten sind hochsensibel. Letzterem kann allerdings, wie oben beschrieben, dadurch Rechnung getragen werden, dass auf den Funkarmbändern – deren Inhalte über eine Entfernung von mehreren Metern abgefragt werden können – nur eine eindeutige Identifikationsnummer (ID) abgespeichert wird. Andreas Gereke, Projektleiter für ProAct bei der Tiroler ITH icoserve technology for healthcare GmbH, weiß jedenfalls zu berichten, dass es bei dem Pilotprojekt in Innsbruck, bei dem vier OP-Säle und eine Station mit der RFID-Technologie ausgestattet wurden, bei allen Beteiligten eine „positive Resonanz“ gegeben habe – vom OP-Koordinator bis zu den Stationsschwestern ebenso wie bei den Ärzten.

Patienten-Daten jederzeit abrufbar

Auch Siemens Business Services hat bereits ein Patienten-Identifikationssystem mit RFID-Technologie entwickelt, und zwar für das Jacobi Medical Center in New York und für das City Klinikum in Saarbrücken. Bei dieser Lösung erhalten die Patienten ebenfalls bei der Aufnahme in die Klinik ein Funkarmband. Mit einem RFID-fähigen Personal Digital Assistant (PDA), Notebooks oder Tablet-PCs können Ärzte und Pflegepersonal dann die Krankengeschichte und weitere Informationen jederzeit abrufen.
RFID kann auch die Notfallversorgung verbessern. Wer stets eine Plastikkarte mit RFID-Chip mit sich trägt, auf der alle medizinisch relevanten Informationen gespeichert sind, kann theoretisch sichergehen, dass diese in einem Notfall in Krankenhäusern mit entsprechenden Lesegeräten den Ärzten auch umgehend zur Verfügung stehen. Außerdem können RFID Chips als Diebstahlsschutz auf teuren medizinischen Geräten angebracht werden. Schließlich kann mit dieser Technologie jederzeit nachverfolgt werden, wann sich ein Apparat wo befunden hat.

Tupfer und Plüschtiere mit RFID

An der Stanford University in den USA haben Dr. Alex Macario und Kollegen laut einem Artikel in den Archives of Surgery Tupfer mit eingebauten RFID-Chips entwickelt [Quelle: Archives of Surgery 141: 659-662 (2006)]. Das Ziel: eine handliche Technologie zu schaffen, mit der das Vergessen der Flüssigkeitsstopper bei einer Operation verhindert werden soll.
Ein ungewöhnliches Einsatzgebiet für RFID-Chips wurde vor zwei Jahren auch am St. Anna Kinderspital in Wien gefunden. „Im Rahmen eines Forschungsprojekts, das von Dipl.-Ing. Dr. Helmut Leopold von der Telekom Austria geleitet wurde, haben wir erprobt, wie technische Systeme einfacher bedient und gezielt benutzerbezogene Informationen abgerufen werden können“, erklärt Dr. Reinhard Topf, Leiter der psychosozialen Gruppe am St. Anna Kinderspital.

Stofftier-Television

Konkret erhielten die kleinen Patienten Stofftiere, in die ein RFID-Chip mit ihren Daten eingebaut war. Dadurch wurde gewährleistet, dass sie im Rahmen des interaktiven „St. Anna Fernsehens“ nur jeweils altersgerechte Sendungen abrufen konnten – speziell auch nur solche Informationsfilme über Krebs und dessen Therapie, die ihrem Alter entsprechen. Zudem konnte diese Technologie sicherstellen, dass die Kinder automatisch Filme in ihrer Muttersprache sehen konnten: auf Deutsch, Türkisch, Serbisch oder Kroatisch.
Doch wie so oft kam auch bei dieser technischen Neuerung letztlich eine menschliche Komponente ins Spiel, die für die Projektplaner so nicht vorhersehbar gewesen war. „Das war für uns eine tolle und sehr sinnvolle Innovation“, meint Dr. Topf. „Aber die Kinder hatten ihre Plüschtiere dann so gern, dass sie diese mit nach Hause nahmen und bei ihrem nächsten Aufenthalt nicht wieder mitbrachten.“

 Fakten

Mag. Dietmar Schobel, Ärzte Woche 15/2008

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