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Chirurgie 13. Juni 2007

Organspende oder Organraub?

Medienwirksame Aktionen lassen Diskussionen rund um das emotionsgeladene Thema Transplantationsmedizin erneut hochlodern. Österreich befindet sich dank der Widerspruchslösung in einer von vielen Ländern beneideten Situation. Doch gibt es Mahner, die auf ungeklärte ethische Probleme bei der Organverpflanzung hinweisen und ein weiteres Nachdenken sowie Überprüfen der derzeitigen Handhabe einfordern.

 Lunge
Kontrolle einer Lunge, bevor sie, in Nährlösung und in Eis gepackt, transportiert wird.

Foto: Astrid Bürgel

Pro Transplantation

Zunächst das Wichtigste: Organverpflanzungen sind für viele Menschen die einzige Möglichkeit einer Lebensverlängerung in einer medizinisch fast aussichtslosen Situation. Dabei unterliegt die Organverteilung ihren eigenen Gesetzen, völlig nüchtern nach medizinischen und immunologischen Parametern. Genauso nüchtern müssen jene Menschen arbeiten, die an diesem System beteiligt sind.
Dank der Transplantationsmedizin können wir heute Schwerkranken noch viele wertvolle Jahre mit relativ guter Lebensqualität schenken. Eine Zeit, welche die Betroffenen besonders nachhaltig erleben, auch wenn die Jahre mit dem neuen Organ von Arztterminen und Medikamenten mitbestimmt werden.
Ein Transplantationsgesetz, wie es in Österreich existiert, rettet vielen Menschen das Überleben und schenkt ihnen zudem ein wichtiges Gut: die Hoffnung. In vielen anderen Ländern wird eine Regelung bevorzugt, die Ungezählten das Leben kostet. Sie ist mit körperlichen sowie seelischen Schmerzen der Betroffenen und ihren Familien verbunden, begleitet von unermesslicher Hoffnungslosigkeit. Dabei müssen sie den Gedanken ertragen, dass medizinische Möglichkeiten ungenutzt bleiben, mit denen man sie hätte retten können.

Tödliche Gefahr für die Kranken

Nun gibt es Menschen, die das Transplantationswesen in seiner derzeitigen Form infrage stellen. Sie verstecken sich hinter religiösen Aspekten und fragwürdigen Philosophien und verunsichern die Öffentlichkeit, ohne die Reichweite ihrer Gedanken zu erfassen. Die so entfesselten Emotionen sind jedoch fehl am Platz und werden zur tödlichen Falle für die Kranken.
Um meine Gedanken zu veranschaulichen, beschreibe ich die Geschichte eines deutschen Arztes mit Lungenfibrose, dessen Transplantation ich selbst koordiniert habe. Er hatte in seiner Heimat, die unter eklatantem Organmangel leidet, keine Chance auf Hilfe, weshalb er sich an das AKH Wien wandte. Dort war die Klinische Abteilung für Herz-Thoraxchirurgie unter Prof. Dr. Walter Klepetko zu eines der weltweit größten Lungentransplantationszentren avanciert. Die Lungenverpflanzung verlief komplikationslos, der Aufenthalt an der Intensivstation war kurz, auch wenn die Brustmuskulatur des Patienten unter intensiver Physiotherapie erst aufgebaut werden musste. Später entwickelten sich dennoch Probleme, wie Infekte, Abstoßungsreaktion und eine Gastroparese. All diese Komplikationen waren ein drastischer Einschnitt in die Lebensqualität, und doch lebt dieser Mann heute im Kreise seiner Angehörigen, kann mit ihnen lachen, weinen oder feiern und führt ein Leben, das für ihn undenkbar schien. Für den Patienten erhielt der Begriff „Lebenszeit“ eine völlig neue Dimension, wie er mir bei einer seiner regelmäßigen Kontrollen in Wien erzählte.
Er versuchte mir außerdem zu verdeutlichen, wie es ist, an Lungenfibrose zu leiden: Das sei, wie durch einen dünnen Strohhalm nach Luft schnappen zu müssen, immer habe man das Gefühl, man könne jederzeit ersticken. Selbst die besten Medikamente können gegen dieses Gefühl nichts ausrichten.
In vielen reichen Ländern wäre dem deutschen Arzt, trotz Hochleistungsmedizin, ein leidvoller Tod sicher gewesen. Denn vielerorts halten Gesetze Schwerkranke im Würgegriff, nehmen ihnen und ihren Familien ihr Recht auf Zukunft und Hoffnung. Leider sind vielen Menschen – zumeist sind es medizinische Laien – ihre Ideologien und Prinzipien wichtiger als der Wunsch, das Leiden ihrer Mitmenschen zu lindern. Sie leisten sich auf dem Rücken der Schwächsten den Luxus philosophischer Diskussionen, wann jemand wirklich tot ist und wo die Würde des Toten möglicherweise verletzt wird. Viele verweisen auch auf die kurze verbleibende Lebensspanne, die ein gespendetes Organ ermöglicht. Doch zum einen verlängern sich diese Zeiten immer mehr und zum anderen werden die geschenkten Jahren häufig intensiver gelebt als die 60 Jahre zuvor.
Ich bin davon überzeugt, dass das derzeitige Transplantationswesen nur ein erster Schritt in eine aufregende Zukunft ist. Die Wissenschaft legt bereits heute die Weichen, um nachfolgenden Generationen mit noch nicht absehbaren Möglichkeiten von unnötigem Leiden zu befreien.

Dr. Samy Mazhar, war von 2002 bis 2003 Lungen- Transplantatkoordinator am AKH Wien und arbeitet derzeit als Assistenzarzt für Neurologie am AKH Linz.

ContrA Transplantation

Ich habe den größten Respekt vor Menschen, die sich zur Organspende bereit erklären. In dem Fall ist es ein bewusst gesetzter Akt, und es kann von selbstloser Hilfe und tätiger Solidarität gesprochen werden. In der Praxis der postmortalen Organtransplantation ist allerdings schon allein das Wort „Spende“ oftmals unangebracht, ja mitunter der blanke Zynismus, da Organe auch „lebenden Leichen“ entnommen werden, die dazu nie ihr Einverständnis gegeben haben.

Ein zerstörtes Leben

Ich kenne persönlich den Fall einer Mutter, deren 20-jährige Tochter bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war – oder um genau zu sein: den Hirntod erlitten hatte, die Herzkreislauf-Funktion wurde aufrechterhalten. Sie würden bei ihrer Tochter eine Multiorganexplantation vornehmen, teilte der Arzt eines Wiener Spitals mit. Das wolle sie auf keinen Fall, dem hätte auch nie ihre Tochter zugestimmt, erklärte die Mutter. Antwort des Arztes: zu spät, der Widerspruch hätte schon zu Lebzeiten deponiert werden müssen. Nach zehn Minuten war das Gespräch vorüber. Psychologische Hilfe für die Mutter in dieser schwierigen Situation? Fehlanzeige! Die Organtransplantation wurde tatsächlich durchgeführt, so einigen Menschen geholfen, aber auch ein Leben zerstört, das der Mutter.
Vielleicht ist dieses (rechtlich korrekte) ärztliche Vorgehen eher die Ausnahme. Hoffentlich! Vom Transplantationschirurgen Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher ist bekannt, dass er seine Arbeit mit größter Nachdenklichkeit und Behutsamkeit macht und er allfällige Bedenken von Angehörigen respektiert, obwohl er das nicht müsste. Das verdient Hochachtung.
Und dennoch, die postmortale Organtransplantation zeichnet etwas immanent Gewaltsames aus. Alles ist machbar, von diesem Furor ist sie getragen. Längst geht es ihr nicht mehr allein um Lebensverlängerung. Hände und Gesichter werden bereits transplantiert – und demnächst vielleicht auch ein Kopf. Kein Witz, an dieser Vision arbeitet der US-Chirurg Robert J. White, denn er möchte querschnittgelähmten Menschen zu einem „frischen Körper“ verhelfen. Warum auch nicht? Der Mensch ist ja eine Maschine und seine Einzelteile alle auswechselbar – das ist jedenfalls die Grundlage, auf der Tranplantationsmediziner arbeiten (müssen).
All die Anstrengungen einzig in Richtung Lebenserleichterung und -verbesserung erschweren es, dass der Patient – noch auf der Warteliste oder bereits Organempfänger – das Leiden und Sterben als selbstverständlichen Teil des Lebens zu akzeptieren lernt, zur Ruhe kommt und letztlich in Frieden Abschied nimmt. Ein Kampf wird gegen den Tod geführt, in dem der Tod doch immer Sieger bleiben wird. Es hat etwas von bitterer Ironie, dass viele Organempfänger an Krebs sterben – an den Folgen der notwendigen Einnahme von Immunsup­pressiva.
In Ruhe Abschied nehmen können auch nicht die Angehörigen von dem hirntoten Menschen. Denn statt dass die Maschinen abgestellt werden und die letzten Vitalfunktionen zum Erliegen kommen, werden sie extra in Gang gehalten, um den Körper aufschneiden und ihm gleichsam noch verwertbare Teile entnehmen zu können. Ein Gewaltakt, aber „dieser Mensch ist ja ohnehin tot und empfindet nichts mehr“, wird gesagt.
Ja, wenn das so eindeutig wäre! Ab welchem Zeitpunkt ein Mensch nicht mehr ist, wo genau die Grenze zwischen Sterben und Tod verläuft, kann tatsächlich niemand sagen, hier sind wir bestenfalls auf Vermutungen angewiesen, in jedem Fall hilft, wo es um ontologische Fragen geht, eine naturwissenschaftliche Beweisführung nicht weiter. Der Todeszeitpunkt ist nicht von Natur vorgegeben, vielmehr ein soziales Konstrukt. In Großbritannien genügt schon der Ausfall des Hirnstamms, um jemanden für tot zu erklären, bei uns ist der Ausfall des Ganzhirns notwendig. Ja, was jetzt?
Zu fragen ist ohnehin, ob das Herz in seiner Bedeutung als zentrales, den Gesamtorganismus steuerndes Organ nicht überschätzt wird. Es gehört zu den großen Entdeckungen neuerer systemtheoretischer Ansätze, dass die Einheit von lebenden Systemen auch ohne die Existenz eines spezifischen Integrationszentrums auskommen kann.
„Wer kann wissen, wenn jetzt das Seziermesser zu schneiden beginnt, ob nicht ein Schock, ein letztes Trauma einem nicht-zerebralen, diffus ausgebreiteten Empfinden zugefügt wird, das noch leidensfähig ist“, schrieb vor 30 Jahren der Philosoph Hans Jonas, und sein Einwand ist immer noch gültig. Angesichts der fundamentalen Ungewissheit sollten wir also alle Vorsicht und Zurückhaltung walten lassen.

Mag. Wenzel Müller studierte Philosophie und ist Lektor der ÄRZTE WOCHE.

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