zur Navigation zum Inhalt
 
Chirurgie 13. Februar 2007

Hoffnung oder nur Verschwendung wertvoller Wissenschaftsenergie?

Das für die nahe Zukunft angekündigte Experiment einer Gebärmuttertransplantation wird von amerikanischen Ethikern, die Alternativen wie Adoption oder Leihmutterschaft vorschlagen, heftig kritisiert. Auch hier zu Lande ist man in Fachkreisen geteilter Meinung. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit österreichischen Experten über Sinn und Unsinn solcher Eingriffe.

Während Transplantationen von Nieren, Leber und Herz schon medizinischer Alltag sind, erregte diese aktuelle Meldung doch Aufmerksamkeit: In Amerika will sich ein Expertenteam nun an die Verpflanzung eines Uterus heranwagen. Dabei wäre das gar nicht der allererste Eingriff: Im Jahr 2002 unterzog sich eine 26-jährige Frau in Saudi-Arabien einer solchen Operation. Sechs Monate davor hatte sie sich postpartal einer Hysterektomie unterziehen müssen. Obwohl die fremde Gebärmutter nach 99 Tagen aufgrund von Gefäßverschlüssen wieder entfernt werden musste, feierten die Chirurgen die Operation als technischen Erfolg. Was bewegt Dr. Giuseppe Del Priore, einen gynäkologischen Onkologen vom New York Downtown Hospital in Manhattan, zu diesem Schritt? „Der Wunsch nach einem eigenen Kind ist die treibende Kraft“, meinte er in einem Interview mit der Washington Post. „Wir meinen, dass wir Frauen helfen können, diesen Wunsch zu erfüllen.“ Es handelt sich dabei meistens um Frauen, die ihren Uterus aus tragischen Gründen, wie etwas nach einer Krebsoperation, einem Unfall oder eben postpartal verloren haben. Manche können aufgrund angeborener Fehlbildungen keine Kinder austragen.

Nicht über die Bedürfnisse der Patientinnen hinwegsetzen

Das bevorstehende Experiment wird von amerikanischen Ethikern, die Alternativen wie Adoption oder Leihmutterschaft vorschlagen, heftig kritisiert. Doch, so Del Priore, es stünde den Ärzten nicht zu, sich über die Bedürfnisse der Patientinnen hinwegzusetzen. „Unsere Rolle ist es, sie zu beraten und alles dazu tun, dass die gesetzten Maßnahmen sicher sind.“ „Frauen mit einer angeborenen Uterusmissbildung, dem so genannten Mayer-Rokitansky-Küster-Syndrom, entwickeln einen fast imperativen Kinderwunsch, der lebensbestimmend wird“, weiß auch Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, Vorstand der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie und Leiter der Transplantationsabteilung. Bei diesem Syndrom fehlt der Uterus komplett oder ist nur rudimentär angelegt. Das reproduktive Gewebe, also die Ovarien, sind aber funktionsfähig, und da ist es auch, wo Mühlbacher die Grenze einer möglichen Transplantation ziehen würde. Im weitesten Sinne, so Mühlbacher, könne man den Uterus mit einem Gebärgefäß vergleichen. Die Verpflanzung von Ovarien käme für ihn hingegen nicht in Frage. „Da geht es schon mehr um die Seele.“ Technisch machbar wäre so ein Eingriff, der bis dato vorerst an Ziegen mit Erfolg durchgeführt worden ist, seiner Meinung nach durchaus. Erfahrungen gibt es auch mit dem Schwein, dessen Gefäße eine ähnliche Größe wie die beim Menschen aufweisen. Das größte Problem waren in diesem Zusammenhang Infektionen. „Aber an einer Bauchfellentzündung stirbt man nicht”, so Mühlbacher. Ein erhöhtes Risiko für das Ungeborene aufgrund der immunsuppressiven Therapie scheint nach heutigem Wissen nicht zu existieren. In der Literatur sind inzwischen zahlreiche erfolgreiche Schwangerschaften und Geburten nach Organtransplantation beschrieben, vor allem im Bereich der Nierentransplantation blickt man auf einen angemessenen Zeitraum zurück. Das Problem der Immunsuppression stellt sich eher für die Frau. Immerhin erkrankt jeder zehnte Transplantierte an irgendeiner Form von Krebs.

Zunahme des Krebsrisikos

Ob das geplante Vorgehen in den USA, den Uterus nach der Geburt eines Kindes zu entfernen, das Krebsrisiko minimieren würde, kann Mühlbacher nicht einschätzen. Bis heute weiß man nicht, ob dieses Risiko initial oder konti­nuierlich linear mit der Zeit zunimmt. Aber, so Mühlbacher, letztendlich bestimme die Patientin. Solange die Risken klar auf den Tisch kommen, alle Alternativen ausgeschöpft sind und der Fall von einer Ethikkommission abgesegnet wird, sieht Mühlbacher kein ethisches Problem. Für ihn kommen jedoch nur Fälle mit angeborenen Missbildungen in Frage. Nach Krebs­operationen, Unfall oder postpartaler Hysterektomie sieht er keine Indikation. Irgendwo, so Mühlbacher, habe jede chirurgische Technik auch ein Ende. Ähnlich beurteilt auch der Gynäkologe und Reproduktionsmediziner Dr. Christoph Kindermann vom Kinderwunschzentrum des Wiener Privatspitals Goldenes Kreuz die Situation. Es handle sich hier um eine sehr kleine, ausgewählte Gruppe von Frauen. Kindermanns Erfahrung nach ziehen die meisten, auch solche mit extremen Kinderwunsch, vorher die Grenze. Für die Durchführung einer erfolgreichen In-Virto-Fertilisation nach erfolgter Uterustransplantation sieht er jedoch technisch keinen wirklichen Mehraufwand.

Wichtigere Probleme in der Geburtshilfe ungelöst

Ganz anders sieht das Prof. Dr. Peter Husslein, Leiter der Universitätsklinik für Frauenheilkunde am Wiener AKH: „Ich halte das schlicht für eine Wissenschaftsenergieverschwendung”, lautet sein knappes Urteil. Es gäbe in der Geburtshilfe wesentlich wichtigere Probleme, die nach wie vor ungelöst seien und eine weitaus größere Anzahl an Frauen betreffen. Für Husslein ist es vor allem eine Frage der Ressourcen, die einer Gesellschaft zu Verfügung stehen. Mühlbacher hingegen will das nicht so streng abgrenzen: „Jedes Experiment bringt auch Erfahrungen. Die Schwangerschaft an sich ist ja das beste Transplantationsmodell. Eine Schwangerschaft nach Uterustransplantation könnte uns gerade auf dem Gebiet der Organabstoßung neue Erkenntnisse bringen, auch für andere Bereiche.“

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben