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Wirklichkeitsnahe Darstellung eines Feldlazaretts 150 Jahre nach der Schlacht von Gainesville, Florida.
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Unions-Lazarett nach verlustreicher Schlacht, 1864.

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Dokumentation einer Schusswunde, 1865

 
Chirurgie 14. September 2015

Die härteste Schule der Welt

Der Blutzoll im Sezessionskrieg war so hoch, dass die Chirurgie ihre Methoden überdenken musste.

Der oberste Armee-Chirurg der Nordstaaten reformierte ab 1862 das Sanitätswesen und legte mit seiner medizinischen Sammlung den Grundstein für unser auf Statistiken basierendes Gesundheitssystem.

Aus dem beißenden Pulverdampf tauchen Kanonenkugeln auf, springen vor den Reihen der Rebellen auf und reißen blutige Schneisen in ihre Linien, Kartätschenmunition explodiert über den Truppen, immer mehr Soldaten fallen, doch die Männer bleiben in Reih und Glied stehen. Diszipliniert laden und schießen sie auf die Tirailleure, die Scharfschützen-Vorhut des Gegners. Dann stoßen sie ihren irren Kriegsschrei aus, rücken selber vor und stechen auf Befehl ihrer Sergeanten mit ihren Bajonetten zu. Sie drehen die Klingen im Fleisch ihrer Gegner herum, ziehen sie heraus, steigen über ihre sterbenden Gegner hinweg, stoßen wieder zu.

Zurück bleiben Männer mit Bauchwunden, die nach ihren Müttern schreien, Verwundete mit abgehackten oder zerfetzten Gliedmaßen, auf beiden Seiten. So geht das von 1861 bis 1865 weiter: Bull Run, Gettysburg, Vicksburg, die Namen der Schlachten und Feldzüge des Amerikanischen Bürgerkriegs sind als Schlagworte bis heute geläufig. Weniger bekannt ist die Beschleunigerwirkung, die der Sezessionskrieg auf die Militärchirurgie hatte.

Als bei der ersten Schlacht von Manassas 1861 der Rebellen-General Pierre Beauregard seinem Freund, dem verletzten Unions-Kanonier Captain James B. Ricketts seinen Sanitäter schickt, war das ein gut ausgebildeter Fachmann. Doch für die Soldaten, die am Feld in ihrem Blut lagen und auf Hilfe warteten, sah es weniger günstig aus. Sie bekamen einen Azubi zugeteilt. Zwar wurde nicht mehr wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts „mit Schnaps und Blasmusik“ operiert (die Medizinhistorikerin Dr. Brigitte Lohff), aber die modernen wissenschaftlichen Methoden waren auch noch nicht bis in jedes Feldlazarett vorgedrungen.

Stand der Dinge war: Seit den 1840er-Jahren wurden Ether und Chloroform eingesetzt, von einer sterilen Arbeitsweise bei Operationen war man aber ebenso Lichtjahre entfernt wie von der Entwicklung von Impfstoffen, um die Infektionsgefahr zu bannen. Die Gesundheitsbehörden wiesen den Armeen häufig Chirurgen ohne jede praktische Erfahrung, geschweige denn mit einer abgeschlossenen Ausbildung, zu. Ein unhaltbarer Zustand.

1862 führte Chef-Chirurg William Hammond strenge Hygienevorschriften für das medizinische Personal ein. Der 33-Jährige hatte zehn Jahre Erfahrung im Grenzland gesammelt und war vor dem Krieg Professor an der Universität Maryland. Er verbannte das „Kalomel“ genannte Quecksilber(I)-chlorid, das zur Behandlung von Entzündungen eingesetzt wurde, sowie den so genannten Brechweinstein (engl.: „tartar emetic“), ein Brechmittel, aus den US-Feldlazaretten.

Hammond gründete bereits 1862 ein medizinische Heeresmuseum. Er wies alle Chirurgen und Sanitäter im Feld an Gewebeproben, Projektile oder andere Fremdkörper aus den Körpern der Verwundeten einzuschicken, wenn diese Objekte von wissenschaftlichem Interesse waren. Den Studienobjekten sollten kurze schriftliche Anmerkungen und Beschreibungen beigelegt werden. Der erste Kurator dieses Museums, Major Hohn Hill Brinton, erinnerte sich 1914, dass auch medizinische Ausrüstung eingeschickt wurde: „Wir wollten kein Kuriositätenkabinett gründen, sondern Gegenstände und statistisches Material, das für künftige Generationen als Studienobjekte dienen sollte.“ Brinton betrachtete den Krieg als ein Experiment der Natur zur Vergrößerung der medizinischen Wissens. Tatsächlich bildeten die Sammlungen Brintons gemeinsam mit der großen epidemologischen Studie jener Tage, dem Shattuck Report über die sanitären Verhältnisse in Massachusetts 1850, die Datengrundlage für die moderne öffentliche Gesundheitsvorsorge. Die Hammond-Sammlung ist erhalten geblieben, sie ist heute im National Museum of Health and Medicine in Silver Spring, im US-Bundesstaat Maryland, untergebracht.

Der Fall Kohn

Unter den Objekten befinden sich so genannte „Wundbilder“, Ansichten von Schussverletzungen, mit Ein- und Austrittswunde. Etwa jene des Gefreiten Ludwig Kohn, 26. Kohn wurde von einer Kugel in die Brust getroffen, das Projektil brach die dritte Rippe und trat unter dem Schulterblatt wieder aus. Das geht aus der Beschreibung neben dem Profilbild des Soldaten hervor. Man sieht einen jungen dunkelhaarigen Mann mit Musketier-Bart und nacktem Oberkörper. Ein roter Pfeil markiert den Schusswinkel. Die Wunde war so schmerzhaft, dass Kohn nachts nicht auf dem Rücken liegen konnte, wie er zu Protokoll gab. Der Soldat hatte Glück. Die Wunde verheilte. So schließt der Bericht: „Er wartet nur noch auf seine Entlassung.“

Der Artikel basiert auf der Veröffentlichung „Combat and the Medical Mindset — The Enduring Effects of Civil War Medical Innovation“ von Jeffrey S. Reznick, Ph.D., und Kenneth M. Koyle, M.A. und ist im „New England Journal of Medicine“ 372 (25) / 2015 erschienen.

Martin Burger, Ärzte Woche 38/2015

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