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Chirurgie 30. Juni 2005

Leben mit einem neuen Herzen

"Weltweit wurden in fast 300 Zentren bereits 55.000 Herztransplantationen durchgeführt, die Überlebensrate liegt bei 81 Prozent", nennt Prof. Dr. Brigitta Bunzel, Chirurgische Abteilung, AKH, die Zahlen. Aber: "Für die betroffenen Patienten geht es jedoch um weit mehr Probleme als ?peration?und ??berleben?, gibt die Psychologin zu bedenken. Die Patienten sähen sich vier Hauptproblemen gegenüber;

  • Dem Verlust des eigenen "gottgegebenen" Organes
  • Der Notwendigkeit, das Spenderherz in den Verband der eigenen Organe aufnehmen, "incorporieren" zu müssen
  • Die Unwiderruflichkeit des Vorganges. Hier bleibt kein Ausweg offen, wie beispielsweise eine Rückkehr zur Dialyse nach Abstoßung der Fremdniere
  • Die Konfrontation mit der "mythologischen" Symbolfigur Herz

Präoperativ: Kontakt zu operierten Patienten

Die präoperative Wartezeit wird vorwiegend geprägt von Hilflosigkeit, Angst, Spannung und Depression. "Helfen können wir Psychologen durch Kontakthalten mittels stützender Gespräche, durch Informationsangebot und Vermittlung des ?ernens am Modell? indem wir Kontakt zu bereits operierten Patienten herstellen", so Bunzel. Es werde auch ein interdisziplinäres Verbindungsnetz aufgebaut. Bunzel: "Nicht wichtig für die Betroffenen in dieser Phase sind dagegen Nebenwirkungen von Medikamenten und die Persönlichkeit des Spenders." Der vom Patienten einerseits ersehnte Tod des Spenders kann schließlich zu Schuld- und Schamgefühlen des Empfängers führen. Der Psychologe muss dies ansprechen und akzeptieren, ohne zu sanktionieren, da es sich um eine logische Konsequenz des Überlebenswillens handelt.

In der frühen postoperativen Phase befindet sich der Empfänger in einem labilen psychologischen Zustand. Trotz der Unannehmlichkeiten der ersten Tage überwiegt primär die Euphorie (honeymoon-period) mit einer Phase absoluten Wohlfühlens und der Erleichterung. Kaum deckt jedoch die erste Routinebiopsie eine Abstoßungsreaktion auf oder kommt es zu anderen Komplikationen, wiederholen sich die Zustände der präooperativen Phase mit Angst, Unsicherheit und Verzweiflung (from heaven to hell). Auch wenn die Inkorporation nicht richtig gelingt, sind physiologische Komplikationen und mangelnde Compliance zu erwarten. Werden die Gefahren durch ärztliches Eingreifen beseitigt, baut der Patient langsam wieder Vertrauen auf. Gleichzeitig tritt die Persönlichkeit des Spenders in den Vordergrund des Interesses, besonders Angehörige wollen alles über ihn wissen.

Lernen, sich auf das neue Organ zu verlassen

Schließlich lernt der Patient, sich auf das neue Organ zu verlassen. Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus kommt es zur Neuorientierung in Partnerschaft und Familie sowie zur Wiedereingliederung in soziale Systeme. Dabei können Wandel der Persönlichkeit und deren Werteinschätzung zu Tage treten. P. A. Shaüpiro stellte 1998 in seinem Buch "Life after Transplantation" fest: "Eine Herztransplantation ist für den Betroffenen kein einmaliges Ereignis, sondern leitet einen Prozess für sein ganzes weiteres Leben ein."

Quelle: Vortrag im Rahmen eines Collegium Publicum in Wien.

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