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Chirurgie 30. Juni 2005

Zynismus kann hilfreich sein

Organtransplantation kann Leben retten. Doch um welchen Preis? Welchen Belastungen sind Angehörige der Spender, Empfänger, aber auch Ärzte bei der Organentnahme von hirntoten Patienten ausgesetzt? Ein Gespräch mit Mag. Daniela Castner, Philosophin und Psychologin, die auch als Coach in Krankenhäusern Seminare durchführt.  

Der potenzielle Organempfänger muss praktisch hoffen, dass jemand anders verunglückt, damit er mit dessen gespendetem Organ überleben kann. Für diesen ein belastender Gedanke?

CASTNER: Auf bewusster Ebene nicht unbedingt. Der potenzielle Organempfänger ist in einer lebensbedrohlichen Situation und er hofft vor allem, dass er selber noch einmal davonkommt. Er ist also mehr mit sich beschäftigt als mit dem Schicksal des Spenders. Der ganze Organspender-Gedanke hat ja als Voraussetzung, dass der Körper als eine Art Maschine gesehen wird, dessen Teile eben kaputt gehen und durch neue ersetzt werden können. Erst später, wenn das fremde Organ empfangen ist und keine Abstoßung stattgefunden hat, kann ein Nachdenken einsetzen: Was bedeutet es eigentlich, dass einer sterben musste, damit ich weiter leben kann? Das Unbewusste, das vom Körper als einem ganzheitlichen Organismus ausgeht, reagiert vermutlich anders. Es empfindet sowohl das Empfangen als auch das Spenden eines Organs als etwas Widernatürliches. Das ist jene tiefere Schicht unseres Selbst, aus dem auch solche Tabus kommen, dass man nicht eine Leiche öffnen oder den Verstorbenen nur als Ganzheitlichen begraben darf.

Nun können ganz unterschiedliche Organe gespendet werden, vom Gehörknöchelchen bis zum Herzen. Ist die Belastung auch jeweils anders ausgeprägt?

CASTNER: Eine Herztransplantation ist sicherlich am problematischsten, da das Herz emotional und symbolisch stark besetzt ist. Es gilt traditionell als Zentrum des Menschen, als Sitz der Seele. Daher wird eine Herztransplantation auch von einigen Richtungen kategorisch abgelehnt. Ihre Begründung: Wer das Herz eines anderen empfängt, empfängt auch eine fremde Seele und verändert in Folge seinen Charakter. Gerade die ganzheitliche Sicht des Menschen vertritt stark den Gedanken, dass jedes Erlebnis, das wir haben, in jeder Zelle des Körpers seinen Niederschlag findet. Was weiter bedeutet: Mit dem Empfangen eines fremden
Organs verleibe ich mir auch die Erlebnisse eines anderen Menschen ein. 

Nun kann das Spenden von Organen auch ein Akt der Nächstenliebe sein.

CASTNER: Der Gedanke, dass der Spender Leben weitergeben will, ist natürlich tröstlich für den Empfänger. Ich empfehle in diesem Fall den Empfängern, Dankesrituale abzuhalten, um eventuelle Schuldgefühle bannen oder abgeben zu können. 

Mit dem Spenden von Organen anderen ein Weiterleben ermöglichen - kann das nicht auch ein wertvoller Trost für die Hinterbliebenen des Organspenders sein?

CASTNER: Ich weiß von einer Frau, die sich entschieden hatte, die Organe ihres mit 13 Jahren gestorbenen Kindes zu spenden, um so auch etwas von ihrem Kind weiter leben zu lassen. Die Mutter hat dann, nachdem die Organe entnommen worden waren, den Leichnam noch einmal gesehen - und hatte das fürchterliche Gefühl, ihr Kind sei regelrecht ausgeweidet worden. Ich würde daher in so einem Fall den Angehörigen dringend davon abraten, den Leichnam nach der Organentnahme noch einmal zu besuchen - der Gedanke der Einheitlichkeit könnte entscheidend zerstört werden. 

Inwieweit ist die Organentnahme auch für Ärzte belastend?

CASTNER: Ärzte sind ans Sezieren gewöhnt, das heißt allerdings nicht, dass das nicht unproblematisch für sie wäre. Gewiss, man gibt sich alle Mühe, die Entnahme als Routine zu zelebrieren. Es soll unter keinen Umständen der Gedanke aufkommen, hier sei eine Seele oder ein Geist anwesend. Allein der Körper soll gesehen werden. Schwieriger fällt der Eingriff, wenn es sich um einen Verstorbenen handelt, der eben noch gelebt hat und dessen Organe noch ganz warm sind. Oder wenn es sich um Kinder handelt. Zynismus ist da eine große Hilfe, sich nicht zu tief hineinzulassen.

Die Festlegung der Grenze zwischen Leben und Tod mit dem Hirntodkriterium ist nicht ganz unumstritten. 

CASTNER: Das Problem des Hirntodes kennen wir ja auch von der anderen Seite: Eine schwangere und hirntote Frau wird am Leben erhalten, um das werdende Kind zu retten. Dort tut man quasi so, als ob mit dem Hirntod noch nicht das Ende erreicht wäre, sondern im Gegenteil die Frau noch lebendig wäre. Im anderen Fall sagt man allerdings: Bei eingetretenem Hirntod dürfen Organe entnommen werden, denn dieser Mensch lebt nicht mehr. Der Hirntod funktioniert also als ein recht willkürliches Kriterium. Ärzte werden mit dieser Problematik immer zu tun haben.

Was darf entnommen werden und was nicht? Wo wollen Sie die Grenze für eine Organentnahme ziehen?

CASTNER: Wenn ich sage, der Körper ist eine Maschine, dann gibt es im Grunde überhaupt keine Grenze. Man könnte sagen, das Gehirn sei tabu, aber auch darüber wird ja schon diskutiert. Das Argument derer, die diese Grenze überschreiten wollen, lautet: Wir wollen die Persönlichkeit transplantieren, beispielsweise in die eines jugendlichen Körpers. In dem Fall soll der Körper übernommen werden, damit das Individuum weiter leben kann. In Schwierigkeiten kommt man freilich, wenn man darüber nachdenkt: Was ist eigentlich Individualität? Ist Individualität nur das Seelische? Oder ist Individualität die Einheit von Körper und Seele? Gerade religiös bestimmte Menschen lehnen daher Transplantationen ab.

Wie stehen Sie persönlich zur Transplantation? Würden Sie ein gespendetes Organ annehmen?

CASTNER: Wahrscheinlich würde ich kleinere Organe, die nicht symbolisch behaftet sind, implantieren lassen. Beispielsweise hätte ich wohl nichts gegen eine Hornhauttransplantation, wenn die bei mir notwendig werden würde. Aber schon bei den Augen sieht die Sache wieder anders aus. Da würde ich sicherlich nicht zusagen ...

Wenzel Müller, Ärzte Woche 3/2002

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