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Chirurgie 30. Juni 2005

Die Stammzellforschung geht weiter

Bei der Transplantation von Knochenmark- oder Blutstammzellen eines verwandten oder nicht verwandten Spenders sorgt das so genannte Fremderkennen der Empfängerzellen für eine effektive Zerstörung übrig gebliebener Leukämie- und Tumorzellen. SpenderInnen gibt es mittlerweile für den Großteil aller an Leukämie erkrankten PatientInnen, was den therapeutischen Einsatz erleichtert.

Bei bestimmten Krebserkrankungen ist die Übertragung von blutbildenden Stammzellen heute schon klinische Routine. Welche Wege wird diese Therapie zukünftig beschreiten? Und welche Möglichkeiten bietet die embryonale Stammzellforschung? Diese Fragen richtete die ÄRZE WOCHE an die Leiterin der Ambulanz für Knochenmarktransplantation der Medizinischen Universität AKH Wien, Prof. Dr. Hildegard Greinix.

Im AKH werden jedes Jahr rund 100 Stammzelltransplantationen durchgeführt. In ganz Österreich waren es 2003 laut ÖBIG-Bericht 405 Übertragungen. Ist die Stammzelltransplantation mittlerweile ein etabliertes Therapieverfahren?
Greinix: Ja, für bestimmte Blutkrankheiten. Bei den akuten myeloischen Leukämien kann das Risiko, nicht leukämiefrei zu werden oder neuerlich an einer Leukämie zu erkranken, schon bei Diagnosestellung mittels zytogenetischer Marker abgeschätzt werden. Für jene Patient- Innen, die ein hohes Rezidivrisiko haben, wird unmittelbar mit der Spendersuche begonnen. Wir haben teilweise PatientInnen, die zwei bis vier Monate nach Diagnosestellung schon transplantiert werden. Und für rund 80 Prozent aller Patienten haben wir auch Spender.

Es kursieren im Internet immer wieder E-mails, in denen nach KnochenmarkspenderInnen gesucht wird. Wissen Sie, was da dahinter steckt?
Greinix: Wir haben einmal versucht, ein solches E-mail zurückzuverfolgen. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich dabei um konstruierte E-mails, um an Adressen zu kommen. Die Spendersuche wird heute sowohl in Österreich als auch in Deutschland von den klinischen Transplantations-Abteilungen sehr effektiv betrieben. Wir stehen in engem Kontakt mit den Spenderregistern. In den letzten zwei Jahren wurde so gut wie keine Spendersuche mehr in Eigenregie initiiert. Die Blutgruppe ist übrigens kein Kriterium, weil die Stammzellen bei Blutgruppenunverträglichkeit gereinigt werden können und wir nur die frühen blutbildenden Zellen infundieren und kaum mehr Kontamination durch reife Zellen haben.

Macht es Sinn, Stammzellen „auf Lager zu legen“ – ähnlich der Eigenblutvorsorge?
Greinix: Es gibt schon Firmen, die die Lagerung von Knochenmark oder Blutstammzellen anbieten. Dazu muss man sagen, wir haben lebenslang im Knochenmark blutbildende Stammzellen, die jederzeit gewonnen werden können. Stammzellen bilden lebenslang alle zellulären Blutbestandteile, es gibt keine medizinische Rationale, warum Stammzellen gelagert werden sollten.

Gilt das auch für Nabelschnurblut?
Greinix: Aus Nabelschnurblutzellen konnten bereits verschiedene Gewebezellen in Kultur hergestellt werden. Die gleichen Daten gibt es aber auch von erwachsenen Knochenmark- oder Blutstammzellen. Dazu kommt, dass wir nicht wissen, ob wir in 25 bis 30 Jahren nicht gentechnisch hergestellte Zytokine, Peptide oder Wachstumsfaktoren verwenden können und die jetzige Zelltherapie überhaupt verlassen ist. Das Nabelschnurblut hat einen Stellenwert für die Forschung, es gibt aber keine wissenschaftlichen Daten, die eine Lagerung im großen Stil rechtfertigen oder empfehlen.

Stichwort: Adulte versus embryonale Stammzellen: Worauf sollte der Forschungsschwerpunkt gelegt werden?
Greinix: Ich halte es für sehr wichtig, beide Zellpopulationen in gut durchdachten Forschungsprojekten in Hinblick auf ihr Transdifferenzierungspotenzial zu untersuchen. Parallel zu embryonalen Stammzellen sollten Projekte mit adulten Stammzellen durchgeführt werden, um Unterschiede in Hinblick auf Differenzierungsmöglichkeiten, Risken, Effektivität und Aufwand zu evaluieren. Dadurch kann der klinische Einsatz der beiden Stammzellpopulationen anhand wissenschaftlicher Daten diskutiert werden.

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