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Chirurgie 11. Juli 2005

Mehr Organe werden benötigt

Österreich ist in der Transplantationsmedizin europaweit führend. Trotzdem sterben 100 Menschen jedes Jahr „auf der Warteliste“, weil zu wenig Organe vorhanden sind. Wie kann das Organaufkommen verbessert werden? Ist die Xenotransplantation die Lösung? Diese und andere Fragen wurden am XX. Kongress der Transplantationsgesellschaft diskutiert, der heuer zum ersten Mal in Wien stattfand.

Rund 723 Organtransplantationen – Niere, Herz, Lunge, Leber, Pankreas – wurden 2003 in Österreich laut Jahresbericht des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen (ÖBIG) durchgeführt, acht Prozent weniger als 2002. Mit 40 Nierentransplantationen pro einer Million EinwohnerInnen liegt Österreich international im Spitzenfeld – nur Spanien transplantiert noch mehr. Ähnliche Zahlen gelten für Herz, Lungen, Leber und Pankreas. Auch die Einjahres-Ergebnisse der Transplantationen geben Anlass zur Zufriedenheit: „Heute liegen die Einjahresergebnisse der Nierentransplantationen zwischen 85 und 90 Prozent. Die Ergebnisse der Herz- und Lebertransplantationen liegen bei 85 Prozent und bei den Lungentransplantationen liegen wir bei 80 Prozent Einjahresfunktion“, zeigt sich Prof. Dr. Ferdinand Mühlbacher, Co-Präsident des XX. Transplantationskongresses und Vorstand der Chirurgischen Universitätsklinik der Medizinuniversität Wien zufrieden.

Organaufkommen zu gering

Weniger zufrieden ist Mühlbacher mit dem Organaufkommen. Jährlich warten rund 1.000 Kranke auf ein Spenderorgan, die meisten auf eine Niere. Etwa 100 Betroffene sterben jedes Jahr „auf der Warteliste“. „Das liegt nicht daran, dass es zu wenig transplantierbare Organe gäbe. Vielmehr werden potenzielle Spender in jenen Krankenhäusern, die nicht selbst transplantieren, oft gar nicht bekannt gegeben. Nur ein Viertel aller potenziellen Organspender wird überhaupt gemeldet“, so Mühlbacher. Mit der Einrichtung von regionalen TransplantationsreferentInnen durch das ÖBIG kommt es hier langsam zu einer Verbesserung der Situation. „Natürlich bedeutet es eine finanzielle, aber auch eine pflegerische Belastung, hirntote PatientInnen solange zu betreuen und zu pflegen, bis die Organentnahme vorgenommen werden kann“, erklärt der Präsident des Transplantationskongresses, Prof. Dr. Raimund Margreiter, Vorstand der Abteilung Transplantationschirurgie an der Medizinischen Universität Innsbruck. „Trotzdem sollte die Pflege hirntoter Patienten genauso verpflichtend sein, wie jede andere ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus“, erklärt Margreiter. „Denn“, so bekräftigt der streitbare Chirurg, „wenn eine Gesellschaft die Organtransplantation als wichtige medizinische Therapie anerkennt, dann hat sie die heilige Verpflichtung, auch für ein optimales Organspendewesen zu sorgen.“

Widerspruchsrecht und Lebendspende

Im internationalen Vergleich ist das Organspendewesen in Österreich gut organisiert. Im Gegensatz zu Deutschland, wo potenzielle OrganspenderInnen ihre Absicht mittels Ausweis bekräftigen, beziehungsweise Angehörige von hirntoten PatientInnen einer Organentnahme ausdrücklich zustimmen müssen, gilt in Österreich die Widerspruchsregelung. „Diese besagt, dass jemand, der im Falle seines Todes keine Organentnahme wünscht, dies dem Widerspruchsregister bekannt geben muss“, erläutert Dr. Michaela Moritz, Geschäftsführerin des ÖBIG. Vor jeder Organentnahme ist der entnehmende Arzt gesetzlich verpflichtet, das Widerspruchsregister abzufragen. Ende 2003 waren rund 9.000 Personen im Widerspruchsregister eingetragen. Die Angehörigen werden trotzdem vor jeder Organentnahme befragt. „Wird eine Organentnahme abgelehnt, wird diese auch nicht durchgeführt“, sagt Moritz.
Eine Möglichkeit zur Verbesserung des Organaufkommens sehen die ExpertInnen in der Lebendspende. „Diese muss allerdings so durchgeführt werden, dass sowohl Spender als auch Empfänger das geringst mögliche Risiko haben und der Empfänger den maximalen Nutzen“, sagt Mühlbacher. Im Bereich der Nierentransplantationen funktioniert dies offenbar schon ganz gut. Rund zehn Prozent der in Österreich 2003 transplantierten Nieren resultierten bereits aus einer Lebendspende. Für Margreiter ist das zu wenig: „In den USA liegt die Rate der Lebendspenden bei Nieren derzeit bei 50 Prozent.“

Langzeitfunktion und Abstoßung

Ein Grund für den steigenden Organbedarf sind Abstoßungsreaktionen: „Noch immer haben transplantierte Nieren nur eine Halbwertszeit von etwa zehn Jahren“, zeigt Mühlbacher die derzeitigen Grenzen der Transplantationsmedizin auf: „Auch die Hälfte aller Spenderherzen und Lebertransplantate versagt innerhalb von 15 Jahren.“ Nicht zuletzt die Toxizität der notwendigen Immunsuppressiva trägt zu diesen deprimierenden Zahlen bei. Eine Verbesserung der Induktion der immunologischen Toleranz zwischen SpenderIn und EmpfängerIn gehört deshalb zu den wichtigsten Diskussionspunkten im Rahmen des Transplantationskongresses. Eine Möglichkeit sehen die ExpertInnen derzeit im Chimärismus. Dabei wird das Konzept verfolgt, mit einem Spenderorgan auch Knochenmarkszellen des Spenders zu übertragen, was zu einer Immuntoleranz führen und Immunsuppressiva unnötig machen soll.
Die vieldiskutierte Stammzellforschung bietet hingegen nach Auskunft der ExpertInnen noch lange keine Anwendung in der klinischen Praxis. Ebenso wenig wie die Transplantation von Tierorganen auf den Menschen. Immerhin konnten bereits Schweineorgane in Primaten verpflanzt und diese drei Monate am Leben erhalten werden. Mit einer Anwendung am Menschen ist aber in den kommenden Jahren noch nicht zu rechnen.

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