zur Navigation zum Inhalt
Foto: photos.com
Foto: medcommunications

Prof. Dr. Stefan Kriwanek
Vorstand der Abteilung für Chirurgie im Donauspital in Wien

Foto: Archiv

Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer
Univ.-Klinik für Innere Medizin III, Klinische Abteilung für Endokrinologie/ Stoffwechsel der MedUni Wien.

Foto: medcommunications

Prof. Dr. Mag. Alexander Klaus
Vorstand der Abteilung für Chirurgie im KH der Barmherzigen Schwestern in Wien

Foto: beigestellt

Elisabeth Jäger Präsidentin Adipositas-Selbsthilfegruppen

 
Chirurgie 29. November 2011

Der Weg aus dem Out

Jeder zehnte Österreicher über 18 Jahre hat einen BMI von mehr als 40 und ist damit krankhaft übergewichtig. Eine sinnvolle Therapie ist die Adipositaschirurgie.

Lange Zeit fand die bariatrische Chirurgie keine Akzeptanz seitens der „Inneren Medizin“. Heute ist das anders. Ab einem Body mass Index über 40, bei Zusatzerkrankungen sogar ab 35, ist die Adipositaschirurgie die Therapie der Wahl, waren sich Experten bei einer Pressekonferenz in Wien einig.

 

Bei Menschen mit BMI über 40 verfehlen konventionelle Methoden der Gewichtsreduktion meist ihr Ziel. „Vom Übergewicht betroffen sind zwar generell mehrheitlich Männer, krankhaft adipös sind allerdings mehr Frauen, verbunden mit vielseitigen Problematiken“, betonte Prof. Dr. Alexandra Kautzky-Willer von der Universitätsklinik für Innere Medizin III der Klinischen Abteilung für Endokrinologie & Stoffwechsel der MedUni Wien.

Beide Geschlechter zeigen meist ein metabolisches Syndrom mit hohem Blutdruck, geringem HDL, erhöhtem LDL und Arthrose mit Schmerzen in vielen Gelenken. Auch Depressionen sind vor allem bei Frauen aufgrund gesellschaftlicher Stigmatisierung und möglicherweise ähnlicher pathophysiologischer Mechanismen häufig. Damit beginnt ein Teufelskreis – eingesetzte Psychopharmaka sind selbst gewichtsfördernd. So gut wie alle Betroffenen sind „Jojo-geschädigt“. Der „gute Rat“, mehr Bewegung zu machen, kann nicht mehr umgesetzt werden. „Letztlich eine Situation, die direkt in den Diabetes führt, mit all seinen Konsequenzen bis hin zur Dialyse“, so die Expertin.

Eingeschränkte Fertilität

Frauen erleben häufig auch aufgrund von Störungen des hormonellen Regelkreises ein Absinken ihrer Fertilität. Kommt es jedoch zu einer Schwangerschaft, entwickelt sich diese zu einer Hochrisikoschwangerschaft mit erhöhtem Risiko für gesteigerte Missbildungsraten, 2-3 mal höherer Mortalität oder vermehrtem Auftreten einer Gestose. Aber auch bei betroffenen Männern findet sich häufig eine deutlich verminderte Spermienqualität. Das Krebsrisiko ist bei beiden Geschlechtern erhöht.

Adipositaschirurgie – für wen welche Methode?

Jährlich werden in Österreich etwa 2.300 bariatrisch-chirurgische Eingriffe durchgeführt. Das bekannte Magenband ist dabei deutlich in den Hintergrund getreten, da etwa ein Drittel der Betroffenen dieses binnen 10 Jahren wegen Speisenröhrenüberdehnung oder anderen Problemen wieder verliert. „Bei den restlichen Patienten ist der Eingriff jedoch durchaus erfolgreich“, berichtete Prof. Dr. Stefan Kriwanek, Vorstand der Abteilung für Chirurgie, Donauspital Wien.

Heute dominieren der „Magenbypass“ und der „Magenschlauch“. Beim Bypass wir der obere Magenanteil durchtrennt und die dadurch gebildete Tasche mit dem Dünndarm verbunden. Beim Magenschlauch wird dieser schlauchförmig verengt und die restlichen Magenanteile entfernt. Studien konnten belegen, dass bei Betroffenen mit besonders ausgeprägtem Bauchfett weniger Komplikationen auftreten, wenn man einen Magenschlauch anlegt. Dieser Eingriff ist technisch auch weniger anspruchsvoll als der Bypass. Allerdings besteht das Risiko einer Refluxentwicklung, wenn der Verschlussmechanismus zwischen Speiseröhre und Magen schon vorher beeinträchtigt war.

Sollten beide Eingriffe keinen Erfolg zeigen, besteht noch die Möglichkeit des Duodenal-Switchs, bei dem vorsätzlich eine Malabsorption (Resorptionsstörung) herbeigeführt wird, die zu enormem Gewichtsverlust führt, allerdings auch sehr komplexe ernährungstechnische Begleitmaßnahmen erfordert. Fettlösliche Vitamine und Calcium werden vermindert aufgenommen. Es drohen Hyperparathyreoidismus und Osteoporose. Auch beim Bypass muss in der Folge auf den Eisen- und Vitamin-B12-Spiegel geachtet werden.

„Das Operationsrisiko liegt laut einer österreichweiten Statistik aus 2009 bei einer Letalität von 0,4 Prozent (4 aus 1.000) – das bedeutet sehr sicher“, so Kriwanek. „Unterhalb eines BMI von 40 oder bei schweren Begleiterkrankungen unterhalb eines BMI von 35 führen wir jedoch keine primären Übergewichtsoperationen durch.“

Umfassendes Management in Spezialzentren

„Diese Eingriffe sind ausschließlich eine Aufgabe für Spezialzentren mit umfassender Ausrüstung und Wissen“, unterstrich Prof. Dr. Mag. Alexander Klaus, Vorstand der Abteilung für Chirurgie des KH der Barmherzigen Schwestern in Wien. So sind etwa viele reguläre Operationstische für ein Gewicht von 150 und mehr Kilo gar nicht zugelassen. Ähnliches gilt etwa für Spitalsbetten.

Diese Spezialistenteams verfügen über einen Internisten, der mit dieser besonderen Problematik vertraut ist, ebenso über einen speziell versierten Anästhesisten, denn die Freihaltung der Luftwege während der Narkose stellt eine besondere Herausforderung dar. Die Psychiatrie/Psychologie muss Kontraindikationen wie Borderline oder Alkoholismus ausschließen. Die Physikotherapie sorgt für die möglichst rasche postoperative Mobilisierung. Diätberatung ist nach der Operation notwendig, um eine geeignete Ernährung zu sichern.

Problem Nachsorge

„Nach der Operation ist aber eine Substitution des Mangels an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen dringend notwendig. In vielen Fällen scheint die Freude über den Gewichtsverlust so groß zu sein, dass sich viele Betroffene dieser wichtigen Nachsorge entziehen – oft mit dramatischen Konsequenzen wie einer Polyneuropathie bei B12-Mangel oder generalisiertem Haarausfall bei Zinkdefizit. Erst dann sehen wir die Patient erst wieder“, so der Experte.

Rationale unumstritten

Der Nutzen des Eingriffs wird durch Studien belegt. So identifizierte eine englische Beobachtungsstudie über 24 Jahre an 100.000 Frauen Übergewicht als den einzigen unabhängigen Risikofaktor für frühe Sterblichkeit. Eine schwedische Studie an 2.000 Männern zeigte, dass die Operation das Mortalitätsrisiko um 30 Prozent senkt. Ab etwa dem 65. Lebensjahr scheint der positive Effekt nur mehr auf die Lebensqualität beschränkt zu sein und nicht mehr auf eine „Lebensverlängerung“.

Nach der Operation kommt es auch häufig zur Rückbildung des Diabetes, auch die Fertilitätssituation von Frauen kann nach etwa einem Jahr als normal betrachtet werden. „Unklar ist jedoch, warum in diesem Zeitraum konventionelle Verhütungsmaßnahmen wie die Pille nicht immer klaglos funktionieren. Wer verhüten will (und im ersten Jahr nach Operation ist eine Schwangerschaft nicht zu empfehlen), muss also besonders sorgsam sein. Schwangerschaften bedürfen in diesem Zeitraum noch einer besonders engmaschigen Überwachung“, so Kautzky-Willer.

Verbesserungswürdig ist der Bereich der Nachsorge, waren sich die Experten einig. FH

 

Quelle: Pressekonferenz „Der Weg aus dem Out“, 20. Oktober 2011

 

 Informationen zur Selbsthilfegruppe unter www.adipositas-shg.at

„Die Welt der Betroffenen“
Übergewichtige erleiden viele, für Normalgewichtige kaum vorstellbare demütigende, diskriminierende, menschenunwürdige Situationen. „Der daraus entstehende Frust wird dann runtergefressen, der gemütliche Dicke wehrt sich nicht – er lässt sich einen Schutzpanzer wachsen“, berichtet Elisabeth Jäger, Betroffene und derzeit Präsidentin der Adipositas-Selbsthilfegruppen.
Übergewichtige können oft nicht am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, Kaffeehaus-, Theater-, Kino- und Konzertbesuche sind mangels passender Sitzgelegenheiten oftmals unmöglich. Anfeindungen durch die Gesellschaft stehen auf der Tagesordnung.
Adipöse Patienten werden oft schlechter untersucht, auch weil medizinische Geräte gewichtsmäßig limitiert sind. Medizinisches Personal glaubt immer wieder, durch beleidigende Bemerkungen die Betroffenen zu motivieren, und bewirkt dadurch genau das Gegenteil.
Ein Weg in die Adipositas ist neben anderen Faktoren auch das Streben nach dem Idealgewicht. So wird man zum willfährigen Konsumenten aller schlankmachenden Dinge und schlittert in die Jojofalle. Den Spruch, mit ein wenig Wille und Disziplin müsste das Abnehmen doch klappen, können Dicke nicht mehr hören, denn wäre es wirklich so einfach, würde keiner eine Operation mit den damit verbundenen Risken auf sich nehmen. Eine bariatrische Operation ist bei hohem Übergewicht für viele der einzige Weg in ein „normales“ Leben, der Notausstieg aus dem Teufelskreis, aus der Esssucht. Adipöse können ihre Sucht nicht durch Abstinenz bekämpfen, denn sie müssen ihre Droge – Nahrungsmittel – täglich zu sich nehmen, um zu überleben.
2007 wurde der Verein Adipositas Selbsthilfegruppen Österreich gegründet. Der Verein betreut heute insgesamt fast 30 Gruppen und bietet Information von Betroffenen für Betroffene. Dabei wurde ein Netzwerk aus Adipositas-Chirurgen, Diätologen, Psychologen und anderen Fachleuten aufgebaut. Als niederschwellige Informationsmöglichkeit gibt es eine Homepage und ein moderiertes Forum, in dem durch die enge Zusammenarbeit mit Ärzten Fragen fachlich fundiert beantwortet werden. Weiters bieten die Adipositas-SHGs eine ärztliche Telefonsprechstunde. Für den Verein ist auch der Kampf gegen die Diskriminierung adipöser Menschen eine wichtige Aufgabe.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben