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Foto: Privat
Dr. Boris Hager Abteilung für Chirurgie, LKH Rottenmann, Steiermark
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Dr. Boris Hager Abteilung für Chirurgie, LKH Rottenmann, Steiermark

 
Chirurgie 8. April 2009

Die Naht darf nicht zur Säge werden

Wie kann verhindert werden, dass die chirurgische Naht beim Knüpfen einschneidet?

Man kann viele Millionen Euro in die Weiterentwicklung der eigenen Produkte stecken oder aber eine stattliche Summe ausschreiben und auf die Innovationskraft derjenigen hoffen, die mit diesen Produkten täglich arbeiten müssen. Der Konzern B. Braun AG ging den zweiten Weg und rief einen internationalen Wettbewerb ins Leben. Am Ende stand sogar ein Österreicher ganz oben am Sockel. Die Ärzte Woche bat die Sieger der österreichischen Ausschreibung um die Erläuterung ihrer Ideen. In der aktuellen Ausgabe beschreibt der Drittplatzierte Dr. Boris Hager seine Idee zur Reduktion des Sägeeffekts.

 

Jeder chirurgisch Tätige hat wahrscheinlich erlebt, dass die Naht beim Knüpfen einschneidet. Die Gewebstraumatisierung durch diesen sogenannten Sägeeffekt dürfte für Wundheilungsstörungen wie Wundinfektion, Wunddehiszenz und Anastomoseninsuffizienz verantwortlich sein. Das hier vorgestellte chirurgische Nahtmaterial soll den Sägeeffekt minimieren und zu besseren klinischen Ergebnissen führen.

Das neuartige Nahtmaterial besteht aus einem zentralen Faden, der in der Fadenmitte einige paarige Haken trägt. Der zentrale Faden kann aus resorbierbarem oder auch nicht resorbierbarem Nahtmaterial unterschiedlicher Dicke bestehen. Die Ankerhaken bestehen aus einem relativ steifen, resorbierbaren Material. (Abbildung 1 zeigt das Design der Ankerhaken, die auf einem zentralen Ring angebracht sind. Durch das Loch des Ringes geht der zentrale Faden.) Beim Knüpfen kann die Position des Ringes am zentralen Faden verschoben werden, ursprünglich sind die Ringe aber in ihrer Position durch Klebstoff fixiert. Damit kann nach erfolgter Wundheilung der Faden entfernt werden, wobei die resorbierbaren Ringe mit den Ankerhaken im Gewebe zurückbleiben. Der optimale Durchmesser der Haken, deren Länge und Anzahl/cm müssen noch empirisch bestimmt werden.

Im Gewebe stehen die Haken in einem 90-Grad-Winkel vom zentralen Faden ab. Die Haken sind in unterschiedlichen Ebenen durch den zentralen Faden orientiert, um eine multidirektionale Verankerung im Gewebe zu gewährleisten (Abbildung 2).

Der zentrale Faden ist von einer äußeren Hülle umgeben. Durch die Hülle ändert sich der Winkel zwischen Ankerhaken und zentralem Faden. Die Ankerhaken legen sich dem zentralen Faden weitgehend an und können auf diesem Weg in das Gewebe eingebracht werden (Abbildung 3). Die Hülle ist mit der Nadel verbunden und etwa 15 cm kürzer als der zentrale Faden. Das Hüllmaterial hat gute Gleiteigenschaften.

Das praktische Nähen mit dem hier vorgestellten Nahtmaterial unterscheidet sich nur in wenigen Details vom Nähen mit konventionellen Nähten. Es wird wie jedes andere Nahtmaterial zum Verschluss von Hautwunden, von Wunden in Faszien, Muskulatur, Dünn- und Dickdarm, Magen, Leber und anderen Organen in das Gewebe eingestochen.

Während der Chirurg mit einer Hand das Ende des zentralen Fadens hält, kann die Hülle leicht zusammen mit der Nadel abgezogen werden. Die Ankerhaken nehmen im Gewebe wieder einen 90-Grad-Winkel zum zentralen Faden ein. Dies könnte technisch unter Zuhilfenahme eines Memory-Effekts im Material der Haken realisiert werden. Dadurch nehmen die Haken die Position ein, die sie innehatten, bevor die Hülle sie dazu zwang, sich dem Faden anzulegen (Abbildung 4).

Während die Naht geknüpft wird, werden die nicht im Gewebe eingebetteten Haken zur Gewebsoberfläche geführt. Dort dienen sie als Nahtlager und verhindern ein Einschneiden der Naht nach dem Knüpfvorgang. Die losen Enden werden wie üblich auf 1 cm Länge abgeschnitten (Abbildung 5).

Vor allem Risikopatienten profitieren

Das hier beschriebene Nahtmaterial ist vor allem für Risikopatienten gedacht, bei denen systemische (Diabetes mellitus, Chemotherapie, Kortisontherapie etc.) oder lokale Faktoren (Entzündung, schwaches Gewebe, etc.) die Wundheilung einschränken. Durch Einsatz des hier beschriebenen Nahtmaterials könnte durch Verminderung des Sägeeffekts die Rate an Wundinfektionen, Wunddehiszenzen und Anastomosendehiszenzen gesenkt werden.

Die Gruppe von Patienten, die möglicherweise am meisten von dem neuen Nahtmaterial profitiert, sind ältere Patienten in schlechtem Allgemeinzustand, Patienten während einer Chemotherapie und Patienten mit akuter Peritonitis oder Pankreatitis.

Kasten 2:
Fakten zum Bewerb
Mit „The Future of Sutures“ erinnert der Konzern an den Beginn der industriellen Fertigung von sterilem Nahtmaterial durch B. Braun vor genau 100 Jahren. Der mit Preisen in einer Gesamthöhe von über 400.000 Euro dotierte Wettbewerb wird von den Standesvertretungen der deutschen und britischen Chirurgen unterstützt. Insgesamt wurden 183 Beiträge von Teilnehmern aus 27 Ländern eingereicht. Die Gewinner der nationalen Wettbewerbe wurden für das internationale Finale qualifiziert, das am 5. Dezember 2008 mit einer abschließenden Preisverleihung in Berlin stattfand.
Kasten 3:
Die österreichischen Sieger
• Nationalsieger: DI (FH)Wolfgang Steiner vom BioMed Center Linz für SOS – Signaling Overload Sutures.
• Zweiter Platz: Dr. Heinrich Schubert, Abteilung für plastische Chirurgie am KH Innsbruck für Tyrolean Tensiometer.
• Dritter Platz: Dr. Boris Hager, Abteilung für plastische Chirurgie am LKH Rottenmann für Minimum Sawing Action Suture.

Von Dr. Boris Hager, Ärzte Woche 15/2009

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