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Foto: MedUni Wien
Patient Patrick und Prof. Dr. Gerald Wozasek.
 
Chirurgie 27. Juni 2011

Innovative Kallusdistraktion an der MedUni Wien

Knochen wurde mittels NAL-Methode in nur acht Monaten um ganze 26 Zentimeter verlängert.

Ein unfallbedingt stark verkürzter Oberschenkelknochen konnte mit der innovativen NAL-Methode erfolgreich wieder verlängert werden.

 

Bei der konventionellen Kallusdistraktion wird der Knochen durchschnitten, wobei eine künstliche Wachstumsfuge entsteht. Durch kontrollierte Dehnung dieser Wachstumsfuge kann der Knochen auch bei Erwachsenen verlängert werden. Nach der Dehnung muss der Knochen aushärten. Bei der konventionellen Kallusdistraktion verbleibt zu diesem Zweck der äußere Rahmen auf der betroffenen Gliedmaße. Als Faustregel ist ein Zentimeter Knochenverlängerung pro Monat möglich. Bei der NAL-Methode (Nailing After Lengthening) zählt Wien weltweit zu den Vorreitern

Internes Stabilisierungssystem

Bereits mehrfach konnte Prof. Dr. Gerald E. Wozasek von der Universitätsklinik für Unfallchirurgie am AKH Wien diese Methode – bei der nach Abschluss der Knochendehnung von einem externen System (äußerer Rahmen) auf ein internes Stabilisierungssystem (Marknagel) gewechselt wird – erfolgreich anwenden.

Der große Vorteil dieser Methode liegt in der Zeitersparnis: Der Patient muss den lästigen, weil klobigen äußeren Rahmen um zwei Drittel weniger lang tragen als bei der konventionellen Methode, da der Knochen durch das Setzen eines stabilisierenden Marknagels sofort wieder voll belastet werden kann.

Die bis jetzt größte Kallusdistraktion unter Verwendung der NAL-Methode schloss Wozasek kürzlich erfolgreich ab. Im Juli 2010 wurde der linke Oberschenkel des 15-jährigen Patrick schwerst verletzt: Auf 26 Zentimetern Länge wurde der Oberschenkelknochen über dem Knie abgetrennt und ein großes Stück des Oberschenkels herausgetrennt. Das Bein hing nur noch an einigen Muskeln, Nerven und einer Arterie. Das Kniegelenk war vollkommen zerstört. Zusätzlich war die Kniekehlenvene durchtrennt und das Gewebe stark verschmutzt.

Als ob der Knochen herausgerissen worden wäre

Das Unfallopfer wurde von Wozasek an der Universitätsklinik für Unfallchirurgie der MedUni Wien am AKH Wien übernommen: „Die Wunde sah aus, als ob der Knochen herausgerissen wurde. In meiner gut 30-jährigen Arbeit als Unfallchirurg habe ich so etwas noch nie gesehen.“ Um das verletzte Bein zu stabilisieren, wurde nach Naht der verletzten Vene von Wozasek ein äußerer Rahmen montiert, das Bein verkürzt und an dieser Stelle eine Konstruktion aus Markdrähten und Knochenzement als Platzhalter eingesetzt. Rasch zeigte sich der Erfolg der Maßnahmen.

Alternative zur Amputation

In dieser Zeit diskutierte Wozasek mit Patrick und dessen Eltern die Frage einer Amputation: „Da das Knie zerstört war, musste Patrick klar sein, dass sein Bein steif bleibt. Nach einer Amputation hätte er innerhalb von drei Wochen nach Hause können.“ Für den jungen Niederösterreicher keine Option. Er wünschte sich von Anfang an die von Wozasek angebotene Alternative einer Kallusdistraktion: 26 Zentimeter Knochen sollten rekonstruiert werden – nicht nur aufgrund der Länge, sondern auch aufgrund der schweren Traumatisierung des Oberschenkels ein außergewöhnliches Unterfangen. Dazu Wozasek: „Patrick traf diese Entscheidung, obwohl er wusste, dass ihm dadurch wahrscheinlich mehrere schwierige Jahre bevorstehen.“ Anfang September 2010 startete am AKH die Rekonstruktion. Zu diesem Zweck zersägte Wozasek den Knochen an zwei Stellen und setzte einen äußeren Rahmen. Damit begann die Verlängerung von Patricks Ober- und Unterschenkelknochen.

Verlängerter Knochen ist voll belastbar

Im Mai 2011 war es so weit: Patricks Knochen war durch die Kallusdistraktion in nur acht Monaten um 26 Zentimeter länger geworden. Zum Aushärten des Knochens hätte er den klobigen Rahmen noch knapp zwei Jahre tragen müssen. Das konnte Wozasek dem inzwischen 16-jährigen Patrick durch die NAL-Methode ersparen. In einer vierstündigen Operation entfernte Wozasek vor wenigen Tagen zunächst den externen Rahmen. Die große Herausforderung war das Setzen eines 80 Zentimeter langen Marknagels, der nun den Unter- mit dem Oberschenkel verbindet und so das Bein stützt. Wozasek kurz nach der Operation: „Schon bald wird Patrick wieder voll mobil sein. Noch im Aufwachraum bedankte er sich für die Operation. Das war für mich der schönste Augenblick.“

Quelle: MedUni Wien

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