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Die ständig zurückfließende Magensäure baut die Innenauskleidung im unteren Bereich der Speiseröhre um.
Foto: ÖGC

Prof. Dr. Rudolf Roka, Vorstand der 1. Chirurgischen Abteilung der Rudolfstiftung Wien

 
Chirurgie 15. Juni 2011

Speiseröhrenkrebs: Perspektiven werden besser

Regelmäßige Kontrolle und multimodale Behandlungskonzepte erhöhen die Überlebensrate.

Speiseröhrenkrebs vom Typ Barrett ist eine besonders aggressive und stark zunehmende Krebsform. Regelmäßige Kontrolle von Reflux-Patienten, gezielte multimodale Behandlungskonzepte und verbesserte chirurgische Techniken verbessern Überlebensrate und Lebensqualität.

 

Bereits jedem Dritten in Österreich stößt es hin und wieder sauer auf, doch die wenigsten nehmen ihren Reflux ernst genug. Dabei wäre ein aufmerksamerer Umgang mit dem lästigen Aufstoßen und möglichen Begleitsymptomen wie Heiserkeit und Husten durchaus angebracht, da ja im schlimmsten Fall durch den ständigen Reiz der Magensäure auf die Schleimhaut ein Ösophaguskarzinom entstehen kann. Die Zahl solcher Krebsfälle ist seit den späten 1970er Jahren weltweit um 350 Prozent gestiegen.

50-faches Krebsrisiko

Die ständig zurückfließende Magensäure, bei manchen Betroffenen auch mit Gallensaft vermischt, baut die Innenauskleidung im unteren Bereich der Speiseröhre um. Das führt zum Wachstum bestimmter Krebszellen. Eine solche Schleimhautumwandlung ist bei rund 15 Prozent aller von Sodbrennen Geplagten der Fall. „Diese haben das 50-fache Risiko, an Speiseröhrenkrebs zu erkranken. Daher sollten sich betroffene Patienten regelmäßig mittels Gastroskopie untersuchen lassen, um verdächtige Areale rechtzeitig identifizieren zu können“, warnt der Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Chirurgie (ÖGC), Prof. Dr. Rudolf Roka, Vorstand der 1. Chirurgischen Abteilung der Krankenanstalt Rudolfstiftung Wien.

Bei Sodbrennen regelmäßige Kontrollen!

Wird der Speiseröhrenkrebs in frühen Stadien entdeckt, sind Heilungs- und Überlebenschancen heute gut. In ganz besonders frühen Fällen, bei denen nur die innerste Schicht befallen ist, können die krankhaften Veränderungen während einer Gastroskopie endoskopisch ausgeschält werden. Das erfordert neben einem erfahrenen Chirurgenteam auch besonders empfindliche Instrumente, die eine genaue Identifizierung der Schichten mittels Ultraschall zulassen. „Allerdings können in diesem Stadium bereits Metastasen vorhanden sein. Übersieht man diese und behandelt nur lokal, kann es zu Rezidiven kommen“, warnt Prof. Dr. Thomas Schmid von der Innsbrucker Universitätsklinik.

So wird die Speiseröhre ersetzt

Treten bereits regelmäßige Schluckstörungen oder gar zunehmende Schluckunfähigkeit auf, besteht umgehender Handlungsbedarf. Bestätigt sich die Diagnose, ist in fortgeschritteneren Stadien eine Teil- oder Totalentfernung unumgänglich. Um den Tumor zu verkleinern und die Überlebensrate zu steigern, bewährt es sich zunehmend, im Vorfeld der Operation eine gezielte Strahlen- und Chemotherapie anzusetzen.

Die Operation selbst ist im Regelfall ein so genannter „Zweihöhlen-Eingriff“ im Bauch- und Brustraum. Die Wiederherstellung der Speiseröhre erfolgt zumeist mit dem Magen, in selteneren Fällen mit dem Dickdarm. Dabei wird der erkrankte Teil der Speiseröhre entfernt, anschließend der Bauchraum geöffnet und der Magen zu einem längeren Schlauch geformt, um die Speiseröhre zu ersetzen.

Da derartige Tumore früh zu Metastasen neigen, ist es auch nötig, das die Speiseröhre umgebende Lymphgewebe mit zu entfernen. Vielversprechende Erfolge in punkto Überlebensrate zeichnen sich in den USA bereits dort ab, wo man minimalinvasive Zugangswege wählt.

Quantensprünge bei der Lebensqualität

Der Eingriff gilt nach wie vor als belastend und setzt entsprechende Vorbereitung und guten Allgemeinzustand des Patienten voraus. Präsident Roka: „Allerdings sind heute gegenüber früheren Zeiten geradezu Quantensprünge bei den Resultaten festzustellen: Bessere Blutstillungs- und Nahttechniken haben uns neue chirurgische Techniken ermöglicht. Moderne Zugänge, Standardisierung und die erweiterten Möglichkeiten in Anästhesie und Intensivmedizin führen heute zu erstaunlich guten Ergebnissen für die Lebensqualität Betroffener.“

Voraussetzungen für die erfolgreiche Therapie dieses Leidens sind aber nach wie vor ein routinierter Operateur mit viel Erfahrung in der Tumorchirurgie und ein speziell trainiertes Team. „Dies ist auch wichtig im Sinne des Komplikationsmanagements, um bei Auftreten eines Zwischenfalls sofort notwendige, lebensrettende und richtige Maßnahmen ergreifen zu können“, mahnt Roka.

Interdisziplinäre Behandlung verbessert Überlebensrate

Wie sehr auch beim Speiseröhrenkrebs interdisziplinäre Zusammenarbeit die individuelle Überlebensrate erhöhen kann, zeigen die bisherigen Ergebnisse einer seit 2007 laufenden österreichweiten Studie (Pancho-Trial, Seite 21). Im Zentrum dieser Studie steht ein bestimmter genetischer Marker, auf den die operationsvorbereitende Chemotherapie ganz individuell abgestimmt wird. „Es geht dabei nicht um stärkere Substanzen für den Patienten, sondern um eine individuelle, selektive Auswahl der richtigen, Tumortyp-gerechten Kombination. Die bisherigen Daten lassen extreme Verbesserungen im Gesamtüberleben durch hohe Ansprechraten erwarten“, berichtet Prof. Dr. Daniela Kandioler von der Wiener Universitätsklinik für Chirurgie.

Mit diesen multimodalen Konzepten und modernen chirurgischen Techniken ist es gelungen, auch bei Speiseröhrenkrebs in vielen Fällen eine Heilung zu erzielen. Die 5-Jahres-Überlebensrate konnte in spezialisierten Zentren auf 60–80 Prozent gesteigert werden. Auch bei der Lebensqualität verzeichnet man erfreuliche Verbesserungen: „Die Schluckfähigkeit der aus dem Magen gebildeten, neuen Speiseröhre funktioniert nach Abschluss der Heilungsphase nahezu uneingeschränkt“, berichtet Roka.

Neue chirurgisch-onkologische Konzepte in der Behandlung des Speiseröhrenkrebses sind Gegenstand der 1. Hauptsitzung beim 52. Österreichischen Chirurgenkongress in Wien.

52. Österreichischer Chirurgenkongress
23. bis 25. Juni 2011, Wien
http://www.chirurgenkongress.at

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