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Chirurgie 25. Mai 2011

Grauzonen und Randgebiete

Eigenfetteinspritzungen und sogenannte Stammzelltherapien.

Die plastische Chirurgie hat in der Erforschung von Gewebe-ersatz/-regeneration eine Vorreiterrolle inne. Entsprechend intensiv sind die Forschungsbemühungen auch hinsichtlich der Verwendung von Stammzellen aus dem Fettgewebe (ADSCs) zur Herstellung von funktionellem Gewebeersatz.

 

Fetttransplantationen vom eigenen Körper sind über 100 Jahre alt. Durch Verbesserung der Übertragungstechniken konnten in den letzten Jahren die Einheilungsraten verbessert werden. Sie sind bei sorgfältiger Indikationsstellung eine wertvolle Ergänzung zu anderen Behandlungstechniken der plastischen Chirurgie.

Parallel zur Grundlagenforschung beschäftigen sich auch plastische Chirurgen mit der Frage, wie die im Fettgewebe enthaltenen Stammzellen beziehungsweise Vorläuferzellen genutzt werden können, um die Ergebnisse autologer Fetttransplantation hinsichtlich Vorhersagbarkeit und Planbarkeit, Größe und Stabilität des Volumens am Implantationsort sowie der Überlebensrate der transplantierten Zellen zu verbessern. Dies geschieht oft im Hinblick auf den Einsatz autologer Fetttransplantation zur ästhetischen Augmentation von Weichteilgewebe, insbesondere der Brustvergrößerung, zur Brustrekonstruktion nach Krebs sowie dem Lipofilling im Gesicht.

Keine wissenschaftliche Datengrundlage

„In einer Besorgnis erregenden Vielzahl an Veröffentlichungen sowohl in Fachjournalen als auch der Laienpresse und der Werbung für ästhetisch-medizinische Dienstleistungen aller Art wird in zunehmender Frequenz die Wirkung von ,Stammzellen‘ als elementares Funktionsprinzip in Anspruch genommen“, betonte Prof. Dr. G. Björn Stark, Ärztlicher Direktor der Abteilung für Plastische und Handchirurgie des Universitätsklinikums Freiburg. Auch die Industrie bewirbt zunehmend Verfahren zur Stammzellanreicherung von Eigengewebe. Eine plausible wissenschaftliche Datengrundlage für diese Argumentation wird meist nicht geliefert, Daten zur Sicherheit (zum Beispiel Risiken der Fehldifferenzierung, Tumorentstehung) fehlen oft gänzlich. Eine Verschleierung der Diagnose bei Brustkrebspatienten ist nicht auszuschließen.

An solche komplexen Therapien mit lebenden Zellen und Einrichtungen, welche diese durchführen, sind hohe Sicherheitsanforderungen zu stellen, insbesondere wenn diese Zellen bearbeitet werden. Keinesfalls können solche Produkte „Wunder“ bewirken und gegebenenfalls erforderliche komplexe plastisch-chirurgische Operationen ersetzen.

„Vor der kommerziellen Nutzung dieser – sicherlich vielversprechenden – Verfahren müssen jedoch vor allem ausreichend klinische Daten von hohem Evidenzgrad gefordert werden. Hier sind die Gesellschaften der plastischen Chirurgie als Institutionen der seriösen Vertreter unseres Faches in besonderem Maße gefragt. Deshalb hat die Deutsche Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen auf ihrem letzten Jahreskongress eine Expertengruppe etabliert, die Leitlinien entwickeln soll.

Eine Postulierung von auf Stammzellen basierenden Wirkmechanismen etwa in der Fettgewebstransplantation entspricht zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht den Anforderungen an die gute klinische Praxis und sollte – in Abgrenzung zu Dienstleistungsangeboten aus den Randgebieten und Grauzonen der Medizin – nicht unkritisch übernommen werden. Glücklicherweise gibt es für die derzeit teilweise aggressiv vermarkteten ,Stammzelltherapien‘ keine wirklich eindeutigen zellbiologischen Belege, dass tatsächlich eine klinisch relevante Stammzellanreicherung vorliegt“, so Stark.

 

Quelle: Pressekonferenz anlässlich des 128. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, 3. bis 6. Mai 2011, ICM München

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