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Foto: Privat
DI (FH) Wolfgang Steiner (Mitte) vom BioMed Center Linz, überzeugte die Jury mit der Idee für ein Nahtmaterial, das Überbeanspruchung anzeigt.
 
Chirurgie 4. März 2009

Innovative Nahtstellen

Entwicklung von chirurgischen Fäden, die anzeigen, wenn sie zu reißen drohen.

Wie soll das Nahtmaterial der Zukunft aussehen? Der Konzern B. Braun AG rief mit dieser Frage einen internationalen Wettbewerb ins Leben und provozierte damit auch den österreichischen Erfindergeist. Dabei entstanden Lösungsansätze, die sich mit ihrer Eleganz und Praxisrelevanz sehen lassen können. Am Ende stand sogar ein Oberösterreicher ganz oben am Stockerl.

 

Österreich gilt nicht zu Unrecht als Land der Erfinder. Deutlich wird dies vor allem dann, wenn an internationalen Erfinderwettbewerben heimische Innovationen siegen.

Den österreichischen Pioniergeist hat unlängst auch der Konzern B. Braun Melsungen AG mit seinem internationalen Ideenwettbewerb „The Future of Sutures“, Nahtmaterial der Zukunft, herausgefordert (siehe Kasten 1). Dabei wurden kreative Lösungen gesucht, wie in Zukunft Operationswunden besser verschlossen werden können. Ein Thema, das nicht nur die Chirurgen interessiert – genäht wird ja auch außerhalb des Operationssaals.

Perfekte Fäden

Gesucht werden Nahtmaterialien, die sich der jeweiligen Situation anpassen können, reißfest und trotzdem flexibel sind. Klingt nach einer fast unlösbaren Aufgabe – umso spannender war es, den österreichischen Tüftlern, die das Problem zumeist aus der Praxis kennen, über die Schulter zu schauen und mit ihnen über ihre Lösungsansätze zu diskutieren.

Die nationalen Sieger des Ideenwettbewerbs wurden im November in Baden bei Wien im Rahmen des 8. Österreichischen Chirurgentags vorgestellt und geehrt.

Den ersten Platz in Österreich ergatterte DI (FH) Wolfgang Steiner für seine Idee „SOS – Signaling Overload Sutures“. Die österreichische Jury bezeichnete Steiners Ansatz als „besonders faszinierend und innovativ“. Das Besondere an der Idee ist nicht allein der innovative Ansatz, sondern auch ihre konkrete Anwendbarkeit.

Die Ärzte Woche präsentiert in dieser Ausgabe die Siegeridee. In den nächsten Wochen werden die Lösungsansätze der nationalen Zweit- und Drittplatzierten vorgestellt werden. Die Preisträger boten sich an, selbst ihre Einreichungen für die Ärzte Woche zu dokumentieren (siehe Kasten 2). Besonders erfreulich ist, dass der österreichische Sieger, DI Wolfgang Steiner, gemeinsam mit Dr. Sonja Gillen vom Klinikum rechts der Isar der Technischen Universität München auch im internationalen Bewerb den obersten Sockel des Erfinderpodests erklimmen konnte. Die renommierte Jury bestehend aus fünf Mitgliedern wie etwa William Thomas, Vizepräsident vom Royal College of Surgeons of England, prüfte jeden eingereichten Vorschlag genau, und zwar vor allem auf seine Innovationskraft und den Praxisbezug.

SOS – Signaling Overload Sutures

Die Funktionalität beim chirurgischen Wundverschluss könnte mit „Signaling Overload Sutures“ erhöht werden, also Nahtmaterial, das eine etwaige Überlastung rechtzeitig signalisieren kann, bevor schlimme Folgen eintreten.

Das gängige Nahtmaterial kann reißen. Zu den damit verbundenen unangenehmen Nebenerscheinungen zählen etwa …

  • Verlängerte Eingriffszeiten. Dadurch können medizinische Nachteile entstehen, etwa durch die damit einhergehenden längeren Narkosezeiten und dadurch verursachten erhöhten Personalkosten.
  • Erhöhter Materialverbrauch. Im ungünstigen Fall ist das abgerissene Nahtmaterial nicht weiter verwendbar, beispielsweise wenn der Faden sehr nahe an der Nadel reißt.
  • Eventuell schlechteres Wundheilungsergebnis. Je nach Operationsgebiet kann der Abriss des Nahtmaterials das Heilungsergebnis massiv verschlechtern (mikrochirurgischer Einsatz: Nähte an Nerven oder kleinen Gefäßen).

Vorwarnung für den Chirurgen

Ziel der Entwicklung war es demnach, eine zu hohe Belastung anzuzeigen und das Abreißen von Nahtmaterial zu verhindern.

Um die Anwendung zu erleichtern, gilt es jedoch auch folgende Auflagen einzuhalten:

  • Neues Nahtmaterial soll sich vom „alten“ nicht wesentlich unterscheiden.
  • Keine zusätzlichen Geräte im Operationsfeld, weil erstens kein Platz dafür vorgesehen ist und zweitens aus Gründen der Hygiene.
  • Eindeutige und unmittelbare Anzeige der Überlastung.

Unter Beachtung aller genannten Punkte ergibt sich daher die Forderung, dass das Nahtmaterial selbst die drohende Überlastung anzeigen sollte. Der Projektname „Signaling Overload Sutures“ bringt die grundlegende Idee auf den Punkt.

Zwei Ansätze wurden entwickelt. Bei beiden ändert sich kurz vor der Überlastung das Erscheinungsbild des Nahtmaterials – eindeutig und unmittelbar im Sichtfeld des Chirurgen. Die erste Entwicklung zielt darauf ab, dass sich die optischen Eigenschaften des Fadens (oder der Fäden) kurz vor der Überlastung ändern; beispielsweise so, dass das Nahtmaterial kurz vor dem Abriss größtenteils transparent wird.

Die Methode für den zweiten Lösungsansatz von DI (FH) Wolfgang Steiner beruht auf der Einzelanordnung der verwendeten Fäden in multifilamentem Nahtmaterial. Dabei werden neben den „normalen“ Fasern spezielle Signalfasern eingeflochten. Diese zeichnen sich insbesondere dadurch aus, dass sie einen hohen Kontrast zum umliegenden bzw. menschlichen Gewebe haben. Im Fall einer Überlastung ändern die Einzelfäden ihre Anordnung zueinander, wodurch die zuvor sichtbaren Signalfasern verdeckt werden.

Für den Chirurgen bedeutet dieses Verschwinden ein Hinweis für den sofortigen Stopp der Zugkraft. Auch in diesem Fall liegt der optische Hinweis unmittelbar im Blickfeld des Arztes.

 

 www.sutures-bbraun.de

Kasten 1:
Fakten zum Bewerb
Mit „The Future of Sutures“ erinnert der Konzern an den Beginn der industriellen Fertigung von sterilem Nahtmaterial durch B. Braun vor genau 100 Jahren. Der mit Preisen in einer Gesamthöhe von über 400.000 Euro dotierte Wettbewerb wird von den Standesvertretungen der deutschen und britischen Chirurgen unterstützt. Insgesamt wurden 183 Beiträge von Teilnehmern aus 27 Ländern eingereicht. Die Gewinner der nationalen Wettbewerbe wurden für das internationale Finale qualifiziert, das am 5. Dezember 2008 mit einer abschließenden Preisverleihung in Berlin stattfand.
Kasten 2:
Die österreichischen Sieger
• Nationalsieger: DI (FH)Wolfgang Steiner vom BioMed Center Linz für SOS – Signaling Overload Sutures.
• Zweiter Platz: Dr. Heinrich Schubert, Abteilung für plastische Chirurgie am KH Innsbruck für Tyrolean Tensiometer.
• Dritter Platz: Dr. Boris Hager, Abteilung für plastische Chirurgie am LKH Rottenmann für Minimum Sawing Action Suture.
Foto: Privat

DI (FH) Wolfgang Steiner (Mitte) vom BioMed Center Linz, überzeugte die Jury mit der Idee für ein Nahtmaterial, das Überbeanspruchung anzeigt.

RM, IS , Ärzte Woche

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