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Fotos (3):  Nanut/Regal
Kam der „Bruchschneider“, so war der Tod zumeist schon besiegelt. Danach suchten die Gesellen rasch das Weite, ehe ihr verbrecherisches Treiben erkannt wurde.
 
Chirurgie 12. Februar 2009

Todesurteil eingeklemmter Leistenbruch

Operieren als „äußerstes Mittel für besonders unglückliche Fälle“.

Über Jahrtausende starben Menschen an eingeklemmten Leistenbrüchen und über Jahrtausende versuchten Heilkundige – ebenfalls vergeblich –, nach Beseitigung einer Einklemmung ein Rezidiv zu verhindern. Erst 1890 stellte der Italiener Edoardo Bassini eine brauchbare Operationsmethode vor – noch heute spricht man von der „Bassininaht“.

 

Eines der prominentesten Opfer eines eingeklemmten Leistenbruchs dürfte der 41. venezianische Doge Enrico Dandolo (1107–1205) gewesen sein. Beim vierten Kreuzzug gegen die Ungläubigen schwoll ihm nach tagelangen Ritten – Dandolo war damals bereits 98 Jahre alt! – seine Leiste an. Als Ursache vermuten Historiker heute einen eingeklemmten Leistenbruch. Kein Arzt konnte ihm helfen. Dandolo starb an seiner inkarzerierten Inguinalhernie am 21. Juni 1205 in Konstantinopel.

Nicht viel weniger prominent ist Pharao Ramses V. (um 1150 v. Chr.). Seine Mumie mit einem Bruchsack in der Leiste lässt Medizinhistoriker heute vermuten, dass er an einem eingeklemmten Bruch verstarb. Die ersten plastischen Darstellungen eines mit einem Bruchband behandelten Leistenbruchs fanden Archäologen auf einer etwa 3.000 Jahre alten phönizischen Statue. Papyrusfragmente aus der Zeit um 1500 v. Chr. beschreiben bereits Hernien und ihre Diagnose überraschend genau: „Wenn du beurteilst eine Geschwulst der Bedeckung eines Bauches ... dann sollst du einen Finger auf sie geben ... was dann herauskommt ... durch Husten entsteht...“. Die genau beobachtenden Ärzte aus dem Niltal hatten also bereits erkannt, dass Hernien beim Husten aus der Bauchwand hervortreten. Mumien mit Narben in der Leistengegend und komplett abgeschnittenem Skrotum – wie bei der Mumie des Königs Menephata (um 1215 v. Chr.) – lassen vermuten, dass auch die alten Ägypter in schweren Fällen zum Messer griffen. Wie die antiken Inder praktizierten sie anscheinend das einfache Abschneiden des Bruchsackens, mit anschließendem Ausbrennen mithilfe eines glühenden Messers.

Narbe als vermeintlicher Helfer

Chirurgische „Behandlungen“ waren aber die Ausnahme. Aderlässe, Wolfsgalle in Wein, erhitzter Kuhdung und vor allem heiße Bäder und der Versuch, den Bruch mit der Hand zu reponieren und danach mit schweren, teils metallenen Bruchbändern zu versorgen, waren die klassische Therapie. Ebenfalls üblich und sicherlich alles andere als angenehm war das künstliche Hervorrufen einer Entzündung. Nach monatelangem Aufpressen von groben Holzstücken auf die Region des Bruches sollte sich durch Entzündung und Eiterung eine kräftige Narbenplatte bilden und die Bauchwand verstärken. Funktioniert hat das natürlich nicht, aber die Idee der „stärkenden Narbenbildung“ geisterte noch bis ins späte 19. Jahrhundert in Medizinerkreisen herum.

Erst in den Schriften des römischen Medizinschriftstellers Aulus Cornelius Celsus (25 v. Chr.–ca. 50 n. Chr.) tauchten erstmals genauere Vorstellungen über die Entstehung und auch die chirurgische Behandlungsmöglichkeit von Eingeweidebrüchen auf. In schweren Fällen schnitten die römischen Ärzte die Bauchdecke über den Bruchsack auf und pressten die Darmschlingen in die Bauchhöhle zurück. Dann ligierten sie den Bruchsack, schnitten ihn ab und ließen die Wunde heilen. Über den Erfolg dieses Eingriffs hüllte sich Celsus allerdings in Schweigen.

Wie die medizinische Literatur überhaupt ganze sechshundert Jahre lang über die Chirurgie von Eingeweidebrüchen schwieg. Erst im 7. Jahrhundert beschrieb der griechische Wanderarzt Paulus von Aegina eine recht „schonende“ operative „Behandlung“ des Leistenbruches: Er schnitt die Bauchhaut über dem Bruchsack auf, riss den Samenstrang mitsamt dem Hoden heraus und schnitt beide ab. Den Darm stopfte er anschließend in die Bauchhöhle zurück, schnitt den Bruchsack ab und versorgte die Wunde mit Verbandsmaterial, das er vorher kräftig mit Pfeffer eingerieben hatte, um Eiterung und damit eine kräftige Narbe zu erhalten. Gelang es ihm jedoch, den Darm ohne Eröffnung der Bauchdecke zu reponieren, „brannte“ er mit einem weißglühenden Eisen das ganze Bruchgebiet aus – manchmal bis auf die Beckenknochen –, um starke Narben zu erhalten, die das Gedärm zurückhalten sollten. Über seine Ergebnisse verlor Paulus von Aegina ebenso wie Celsus kein Wort. Verfolgt man diese Versuche der „Heilung mit dem Messer“ über die Jahrhunderte, so versteht man sehr gut, dass bis ins 20. Jahrhundert hinein der Chirurg meist erst dann zugezogen wurde, wenn absolut nichts mehr half und der Tod auch ohne chirurgische Hilfe absehbar war.

Todsichere Methoden

Trotz einiger Modifikationen und Verbesserungen der operativen Technik resignierten die Ärzte schließlich wegen der katastrophal schlechten Ergebnisse. Sie empfahlen bestenfalls Bruchbänder und überließen das Feld großzügig den meist betrügerischen „Bruchschneidern“. Diese richteten ihre Patienten ähnlich bestialisch zu wie Paulus von Aegina und zogen schnell weiter, ehe ihr verbrecherisches Treiben erkannt wurde. Erst mit genaueren anatomischen Kenntnissen der Leistenregion, der Einführung der Asepsis, Antisepsis und natürlich auch der Narkose besserten sich allmählich die erschütternden Ergebnisse der Bruchchirurgie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Erst der Italiener Bassini brachte den Durchbruch

Den Erfolg einer Bruchoperation beurteilt das Meyer Konversationslexikon in seiner vierten Auflage – erschienen von 1885 bis 1892 – aber immer noch skeptisch: „Die Operation führt aber mehr oder weniger beträchtliche Gefahren für das Leben mit sich, indem sie leicht Entzündung des Bauchfelles erregt, und ihr Erfolg ist durchgängig ein zweifelhafter, indem über kurz oder lang der B. doch wieder zum Vorschein kommt.“ Tatsächlich lag um 1890 die Rezidivrate nach vier Jahren noch bei fast 100 Prozent. Und noch 1908 wurde in einem populärmedizinischen Werk die Operation eines Bruches als das „äußerste Mittel für besonders unglückliche Fälle“ bezeichnet.

Sensationell gute Ergebnisse brachten letztlich erst die Arbeiten von Edoardo Bassini (1844–1924) in Padua. Seine großartigen Erfolge publizierte er im Jahr 1890. Die nach ihm benannte Methode – mit ihr konnte er nach sechs Jahren seine Rezidivrate bei 266 nachuntersuchten Patienten auf beispiellose 2,9 Prozent senken – gilt heute als die erste wirklich erfolgreiche Operationsmethode des Leistenbruches. Trotz zahlreicher Modifikationen blieb „die Bassininaht“ über 100 Jahre lang das erfolgreichste und weltweit am häufigsten angewandte Operationsverfahren.

Fotos (3):  Nanut/Regal

Kam der „Bruchschneider“, so war der Tod zumeist schon besiegelt. Danach suchten die Gesellen rasch das Weite, ehe ihr verbrecherisches Treiben erkannt wurde.

Die Moulage einer Hernia ventralis (Ausstellungs- stück aus dem „Narrenturm“)..

Die Leistenbruch-Kompresse gehörte zu den erfolglosen therapeutischen Bemühungen.

Von Dr. Wolfgang Regal und Dr. Michael Nanut, Ärzte Woche

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