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Patientinnen sind zu wenig darüber informiert, in wessen Händen sie sich gut betreut fühlen können.
 
Chirurgie 25. August 2010

Das Streben nach Schönheit

Leitlinien der ästhetischen plastischen Chirurgie.

Das Interesse an der ästhetischen Chirurgie ist größer denn je. Viele wollen auf den Zug, der ewige Jugend und makellose Schönheit verspricht, aufspringen. Die Nachfrage steht einem reichen Angebot gegenüber, bei dem es immer schwieriger wird, zwischen qualitativ hochwertiger und nur nach außen hin seriös erscheinender Leistung zu unterscheiden.

 

Wie erkennt man sie, die Qualität eines ästhetischen Mediziners? Und warum ist Schönheit so wichtig? Genau jenen Fragen gingen bei einem Special Interest Talk namhafte Experten nach.

Gründe für den Eingriff

„Schönheit gilt seit jeher als Verheißung des Guten und Wahren. Menschen fühlen sich zu schönen Dingen hingezogen, während Hässlichkeit abstößt“, so Doz. Dr. Helmut Hoflehner, Stellvertretender Leiter der Schwarzl Tagesklinik und Präsident der österreichischen Gesellschaft für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC).

Doch so simpel kann die ästhetische Chirurgie nicht verstanden werden. Zwar strebt die Menschheit mehr denn je nach Jugendlichkeit und Attraktivität, doch viel häufiger geht es darum, die psychische Gesundheit wieder ins Gleichgewicht zu bringen und den Leidensdruck zu beseitigen.

„Mein Leben hat erst nach der Brustoperation begonnen, vorher war es keines“, sagte eine Patientin von Hoflehner. Schon Papst Pius XII war im Jahre 1958 der Meinung, dass der Wunsch nach Steigerung des Wohlbefindens nicht im Widerspruch zu Gottes Willen stehe.

Verbote nicht zielführend

Die immer wieder aufkeimende Diskussion, ob man die Durchführung ästhetischer Eingriffe per Gesetz einschränken und vorab alle Patienten zu einer psychiatrischen Begutachtung überweisen solle, lehnt Hoflehner strikt ab: „Beides würde gegen mindestens zwei der Grundsätze der medizinischen Ethik (Verbot zu schaden, Wahrung der Menschenwürde, Wohlbefinden des Patienten, Recht auf Selbstbestimmung) verstoßen.“

„Verbote sind niemals zielführend. Wird jemand in Österreich abgelehnt, so wird er ins Ausland gehen. Und wir sind es dann, welche die Komplikationen ausbessern müssen“, so Prof. Dr. Maria Deutinger, Vorstand der Abteilung für Plastische- und Wiederherstellungschirurgie an der Krankenanstalt Rudolfstiftung sowie Vorstandsmitglied der ÖGPÄRC.

Umfassende Aufklärung

Viel wichtiger sei es, das Bewusstsein der Patienten zu steigern. „Jeder Eingriff gilt per se als Körperverletzung. Nur durch ausführliche Aufklärung und Einwilligung des Patienten wird dieser gerechtfertigt“, erklärte Prof. Dr. Helmut Ofner, Professor am Juridicum Wien und Mitglied des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin. In diesem Fall hat diese aber deutlich expliziter auszufallen als in der herkömmlichen Arztpraxis. Denn je geringer die Notwenigkeit der Diagnose- oder Therapiemaßnahme zu bewerten ist, desto größer wird der Aufklärungsbedarf. Somit kann dieser nirgendwo höher als in der ästhetischen Medizin sein. Er ist zu erweitern durch das Ansprechen der Möglichkeit eines Misslingens. Die Erfolgsaussichten müssen exakt dargestellt werden. Ein unbedingtes Beachten der Vorstellungen des Patienten ist unumgänglich. „Selten wird wegen eines tatsächlichen Ärztefehlers geklagt. Vielmehr bringen Patienten ihre Operateure aufgrund von Unzufriedenheit mit dem Resultat vor Gericht“, so Ofner.

Auch auf die Wirkungsdauer eines Eingriffs muss eingegangen werden. Sollte die Notwendigkeit von Folgebehandlungen bestehen, so ist dies mitzuteilen und über sämtliche Zusatzkosten zu informieren. Die Aufklärung dient dazu, den Patienten in die Lage zu versetzen, sich frei entscheiden zu können.

Trends und Wunschzettel

Die überzeichnete Vorstellung, heutzutage seien Schönheitsoperationen ein häufiges Geschenk, weist Hoflehner zurück: „Natürlich kommt es vor, dass Familien sparen, um der Tochter die gewünschte Nasenoperation bezahlen zu können, doch hier geht die Motivation von der Patientin aus.“ Dass beispielsweise ein Mann seiner Partnerin eine Schönheitsoperation gegen ihren Willen schenkt, komme vergleichsweise selten vor. Und das würde beim Aufklärungsgespräch ohnehin deutlich, worauf vom Eingriff abgesehen werde.

In jüngster Vergangenheit machte die Verlosung von Schönheitsoperationen per Wunschzettel Schlagzeilen. Diese Aktion wurde von allen Teilnehmern des Special Interest Talks verurteilt. „Wo bleibt denn dabei die Beratung? Dies ist eine unseriöse Darstellung unserer Arbeit und gehört konsequent abgelehnt“, betonte Herr Dr. Walther Jungwirth, Qualitätsbeauftragter der ÖGPÄRC und Abteilungsleiter der EMCO Privatklinik.

Einen neuen, aus den USA kommenden Trend stellen Schamlippenkorrekturen dar. Diese Entwicklung ist nicht bedenkenlos. „Per se gilt ein solcher Eingriff als Genitalverstümmelung. Dies ist nur dann nicht der Fall, wenn die Expertise eines plastischen Chirurgen, eines Gynäkologen sowie eines Psychologen eingeholt worden ist“, mahnte Deutinger. „Eine Schamlippenkorrektur stellt keine operative Herausforderung dar. Genau das birgt die Gefahr des Anbietens durch dafür nicht ausgebildete Ärzte.“

Guidelines der ästhetischen plastischen Chirurgie

Tatsache ist, dass viele Patienten zu wenig darüber informiert sind, in wessen Händen sie sich gut betreut fühlen können und in wessen nicht. Tatsache ist auch, dass in Österreich jeder Arzt ästhetische Eingriffe anbieten darf, wenn er sie sich zutraut.

Der wahre Profi auf diesem Gebiet kann immer nur ein Facharzt für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie sein. Natürlich ist es aber so, dass auch andere Mediziner in der Lage sind, Teilbereiche der ästhetischen Medizin zu übernehmen. So ist es legitim, wenn ein Hals-Nasen-Ohren-Spezialist eine Nasenkorrektur durchführt, ebenso kann einem Allgemeinchirurgen eine Bauchdeckenstraffung anvertraut werden. Wenn allerdings Zahnärzte Brustvergrößerungen anbieten oder Allgemeinmediziner meinen, Fettabsaugungen ambulant durchführen zu können, so ist höchste Vorsicht geboten.

Die erstmals von Jungwirth herausgegebenen und in Europa einmaligen Guidelines der ästhetischen plastischen Chirurgie (Version 1.0, Juni 2010) sollen genau hierfür als Grundlage dienen. Ofner sieht Leitlinien als „Mindeststandard, den man tunlichst einzuhalten hat. .

„Nur Qualität rechtfertigt unsere Arbeit. Wir haben nichts zu verheimlichen. Es ist unser oberstes Anliegen, auf höchstem Niveau und transparent tätig zu sein“, so Jungwirth.

 

Die Guidelines der ästhetischen plastischen Chirurgie können auf der Homepage der Österreichischen Gesellschaft für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie (ÖGPÄRC) heruntergeladen werden:

www.plastischechirurgie.com

 

Quelle: Special Interest Talk „Plastische Chirurgie – Qualität im Fokus”, Wien, 24. Juni 2010

Von Dr. Mercedes Art, Ärzte Woche 34 /2010

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