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Bisher war es weltweit nur in Einzelfällen möglich, ein kompliziertes Aneurysma endovaskulär mit Stentgrafts zu versorgen.
 
Chirurgie 19. Mai 2010

Aortenaneurysma schonender operieren

EndoVascular Aneurysm Repair: Das neue EVAR-Verfahren senkt die Mortalität drastisch.

In Wien sind erste Operationen mit einer innovativen, weltweit nur vereinzelt eingesetzten Technik erfolgreich verlaufen. Das neue Verfahren ist viel schonender, denn für den endovaskulären Eingriff sind nur kleine Einschnitte notwendig. Die Bauchdecke oder der Brustkorb müssen nicht geöffnet werden. Besonders bei älteren Patienten kann so die Sterblichkeitsrate deutlich gesenkt werden.

 

Das Aneurysma der Aorta ist eine sackartige Erweiterung, die insbesondere nach dem 65. Lebensjahr auftritt und ab einer Größe von fünf bis sechs Zentimetern zu platzen droht. Dies hat eine lebensgefährliche innere Blutung zur Folge. Aneurysmen der Hauptschlagader im Bauchraum können entweder mit einer offenen Operation oder mit einem minimalinvasiven Verfahren, dem Setzen eines Stentgrafts, behandelt werden. Diese „endovaskuläre“ Therapieform wurde im AKH Wien als einem der ersten Zentren weltweit angeboten und wird seit dem Jahr 1995 in großem Maßstab durchgeführt.

Thorakoabdominelles Aneurysma

Im Gegensatz dazu stellen „komplizierte“ Aneurysmen ein besonderes Problem dar, denn hier umfasst das Aneurysma auch die Abgänge der Leber-, der Darm- und der beiden Nierenarterien (thorakoabdominelles Aneurysma). Bisher war es in Österreich gar nicht und weltweit nur in Einzelfällen möglich, ein derartiges Aneurysma endovaskulär mit Stentgrafts zu versorgen.

Wiener Aneurysma-Team

Jetzt wird dieses Verfahren auch an der Universitätsklinik der MedUni Wien durch das interdisziplinäre Wiener Aneurysma-Team, bestehend aus Radiologen sowie Herz- und Gefäßchirurgen, erfolgreich eingesetzt.

Das Wiener Aneurysma-Team besteht aus den interventionellen Radiologen Prof. Dr. Maria Schoder, Doz. Dr. Martin Funovics und Prof. Dr. Johannes Lammer, den Herzchirurgen Prof. Dr. Marek Ehrlich, Prof. Dr. Michael Grimm und Prof. Dr. Günther Laufer sowie den Gefäßchirurgen Prof. Dr. Igor Huk und Prof. Dr. Peter Polterauer.

 

Neue Behandlungsform

Zur „endovaskulären“ Behandlung muss ein Stentgraft über die Leistenarterie und über die Armarterie unter Röntgendurchleuchtung zuerst in die Aorta eingepflanzt werden. Im Anschluss daran erfolgt dann die Verbindung zu den großen Organarterien (Leber, Milz, Darm, Nieren).

Dies erfolgt mit kleineren Kunststoffprothesen, die mit den Öffnungen in der Hauptprothese verbunden werden. Dieser Eingriff erfolgt zwar in Narkose, aber ohne Öffnung der Brust- oder Bauchhöhle. Alle Manipulationen werden ausschließlich durch kleine oberflächliche Einschnitte in den Leisten und nahe der linken und rechten Achsel aus unter Röntgendurchleuchtung durchgeführt. Daher ist die Patientenbelastung sehr gering. Ein Aufenthalt auf einer Intensivstation ist oft nicht notwendig, und die Patienten können bei gutem Verlauf bereits nach etwa vier Tagen nach Hause gehen. Der Stentgraft muss allerdings für alle Patienten nach Maß gefertigt werden. Daher dauert die Planungsphase einige Wochen. In dieser Zeit sind eine strenge Kontrolle des Blutdruckes und Schonung notwendig, um das Risiko der Ruptur des Aneurysmas zu minimieren.

15 Jahre Erfahrung mit über 800 Patienten

Nach erfolgreichen ersten Operationen wurde der Eingriff 1995 bereits an 29 Patienten durchgeführt. In den letzten 15 Jahren wurden an der Universitätsklinik AKH Wien von dem Team der Klinischen Abteilungen für Kardiovaskuläre und Interventionelle Radiologie über 800 Patientinnen und Patienten behandelt; von ihnen wurde die Mehrzahl in Kooperation mit der Abteilung für Gefäßchirurgie an einem Bauchaortenaneurysma mit EVAR („EndoVascular Aneurysm Repair“) behandelt.

Die Operationen werden heute in einem eigens dafür geschaffenen Eingriffsraum („Endovascular Suite“) mit modernster Röntgenanlage und Anästhesie-Ausstattung vorgenommen und im Anschluss an den Eingriff können die Patienten sofort wieder auf die Normalstation transferiert werden.

Nachweislich sicherer

Die Mortalität eines geplanten Aneurysma-Eingriffes mit der herkömmlichen offenen Operation betrug 4,6 bis 5,3 Prozent, konnte aber bei Patienten mit höherem Risikoprofil (ASA IV) auch 19,2 Prozent betragen. Die Mortalität eines EVAR-Eingriffes hingegen beträgt 1,2 bis 2,1 Prozent und übersteigt auch bei Hochrisiko-Patienten die Fünf-Prozent-Marke nicht.

In zwei großen randomisierten Studien (EVAR I, DREAM) konnte ebenfalls nachgewiesen werden, dass die EVAR ein signifikant niedrigeres Operationsrisiko hat als die offene Operation.

Auch bei Dissektion der herznahen Hauptschlagader

Das thorakale-Aneurysma-Team um Lammer, Grimm, Funovics und Czerny hatte in Weiterentwicklung der Methode weltweit erstmals bei einer „Typ-A-Dissektion“, die die herznahe Schlagader betrifft, ebenfalls perkutan unter Röntgendurchleuchtung eine Aortenprothese implantiert.

Die Dissektion der herznahen Hauptschlagader ist eine besonders bedrohliche Erkrankung mit hoher Mortalität, an der beispielsweise auch die frühere Bundesministerin und Olympische Silbermedaillen-Gewinnerin Lise Prokop Ende 2006 verstorben ist.

Internationaler Erfolg

Das interdisziplinäre Team der Medizinischen Universität Wien hat international wissenschaftlich mit diesen Pionierleistungen reüssiert. So wurden 75 Publikationen in internationalen Journalen veröffentlicht. Die Therapie wurde auch erstmals im New England Journal of Medicine vorgestellt, weitere Publikationen erfolgten zum Beispiel in Circulation, Journal of Vascular Surgery oder Radiology.

Außerdem hat die große Erfahrung des Teams viele prominente und auch ausländische Patienten nach Wien geführt. Zudem wird ein internationaler Kongress, an dem Experten aus der ganzen Welt teilnehmen, seit über 10 Jahren in Wien zu diesem Thema abgehalten (Vienna International Symposium on Aortic Repair – VISAR).

MedUni Wien/PH, Ärzte Woche 20 /2010

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