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Auch bei Menschen sind Spuren der Zeit und der Erlebnisse sichtbar.
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Prim. Doz. Dr. Rupert Koller Abteilung für Plastische, Ästhetische und Rekonstruktive Chirurgie, Wiener Wilhelminenspital

 
Chirurgie 16. März 2010

Schöne Narben

Wenn für ein medizinisches Problem mehrere Lösungen vorliegen, ist dies ein Indiz, dass es kein Allheilmittel gibt. Hier müssen die Evidenzen beachtet werden.

Der Wunsch nach einer Operation ohne sichtbare Narben oder die völlige Beseitigung einer störenden Narbe nach Verletzung oder Operation wird häufig an uns Plastische Chirurgen herangetragen, muss jedoch generell als Illusion bezeichnet werden. Genährt wird dieses Begehren von einschlägigen Fernsehserien, in denen Kollegen wie selbstverständlich diese Wunder vollbringen können.

 

 

 

Für den Chirurgen muss das Problem Narbe unter zwei Aspekten gesehen werden: Zum einen gilt es, Narben durch entsprechende Positionierung der Hautinzision an wenig sichtbaren Körperstellen möglichst unauffällig zu gestalten. Beispiele sind die Schnittführung knapp vor dem Ohr oder im behaarten Bereich beim Facelift, in der Unterbrustfalte bei der Brustverkleinerung, im Nasenvorhof bei der Nasenkorrektur oder hinter dem Ohr bei der Ohranlegeplastik. Zum anderen gilt es, durch spezielle chirurgische Methoden die Narbe selbst möglichst unauffällig werden zu lassen. Eine sorgfältige mehrschichtige spannungsfreie Nahttechnik kann, muss aber nicht zu einer schöneren Narbe führen. Der Boom der endoskopischen Chirurgie, der auch vor der Plastischen Chirurgie nicht Halt gemacht hat, entsteht aus dem Wunsch, an der Körperoberfläche möglichst wenige Stigmata der Operation zu hinterlassen.

Die Heilung einer Wunde ist eines der größten Wunder der Natur, wird doch von selbst ein Reparaturprozess in Gang gesetzt, der genau zum richtigen Zeitpunkt, getriggert durch Mediatorstoffe, zum Stillstand kommt. Ist dieser Ablauf gestört, kann es entweder zur Ausbildung einer chronischen Wunde oder im gegenteiligen Fall zur überschießenden Narbenbildung kommen. Die Narbe kann entweder hypertrophisch oder im Extremfall zum Keloid werden. Ein Keloid ist dadurch definiert, dass es weit über die Grenzen der ursprünglichen Wunde hinausgeht.

Ätiologie ist entscheidend

Auch die Ätiologie der Narbe spielt eine wesentliche Rolle. So weiß man, dass beispielsweise Verbrennungsnarben besonders zur Hypertrophie neigen, während die andere thermische Läsion, die Erfrierung, eher geringe Narben verursacht. Manche Menschen neigen eher zur Ausbildung von Narben, weiters spielen ethnische Faktoren eine Rolle. So sind Menschen mit dunkler Hautfarbe mehr gefährdet, ein Keloid zu bekommen als Weiße.

Wie immer, wenn für ein medizinisches Problem mehrere Lösungen vorliegen, ist dies ein Indiz, dass es noch kein Allheilmittel gibt. Regelmäßige intensive Massage, Narbensalben, Silikonöle sind nicht evidenzbasierte Methoden, es sind aber in Einzelfallberichten gute Ergebnisse beschrieben worden – in jedem Fall ist es zu keiner Verschlechterung der Narbe selbst gekommen.

Sogenannte „rein pflanzliche“ Stoffe werden gerne verwendet, in vielen Fällen kommt es aber zur Ausbildung von Kontaktekzemen, die die Lokalsituation eher verschlechtern als verbessern (Ringelblumensalbe, Johanniskrautöl etc.), sodass der Effekt differenziert gesehen werden muss. Silikonpflaster führen in der Regel zu einer Abflachung der Narbe, müssen jedoch rund um die Uhr getragen werden, was für manche Menschen ein Problem darstellt. Ähnliches gilt für Kompressionshemden, die vor allem nach Verbrennungen zumindest für ein Jahr getragen werden müssen.

Ein Jahr für die Prophylaxe

Generell ist es so, dass alle Prophylaxemaßnahmen in etwa ein Jahr nach der Entstehung der Narbe angewendet werden sollen, im Einzelfall auch so lange, bis die Abblassung eine Ausreifung der Narbe anzeigt.

Die Infiltration mit Steroiden hat sich besonders bei erhabenen, geröteten oder nicht ausgereiften Narben bewährt. Sie kann bei gutem Erfolg ein bis zwei Mal wiederholt werden.

Sowohl Farbstofflaser als auch Softlaser haben in kontrollierten Studien zu einer Verbesserung hypertrophischer Narben geführt, ein völliges Verschwinden kann jedoch nicht erwartet werden. Auch als Prophylaxe wird ein Handlaser – intraoperativ angewendet – empfohlen, die Ergebnisse sind jedoch zu dünn, um eindeutige Empfehlungen abgeben zu können.

Als ultima ratio bleibt immer noch die chirurgische Narbenkorrektur, wobei die Ergebnisse durch unmittelbar postoperativ durchgeführte, oberflächliche, weiche Bestrahlungstherapie noch gesteigert werden können.

Experimentelle Therapien setzen an der als kausal angenommenen Mediatorkaskade an. Eine jüngst publizierte kontrollierte Studie zeigt beispielhaft, dass in die Narbe applizierter TGF-beta-Antagonist die Ausbildung hypertrophischer Narben reduziert.

Für viele Patienten ist es allerdings nur ein schwacher Trost, dass die Narbenbildung eines der wenigen Dinge in der Physiologie darstellt, welches mit zunehmendem Alter eindeutig besser wird. Besonders die faltige Haut schlanker älterer Menschen bildet in der Regel nur sehr gering sichtbare Narben aus.

Literatur:

Ferguson MW, Duncan J, Bond J, Bush J, Durani P, So K, Taylor L, Chantrey J, Mason T, James G, Laverty H, Occleston NL, Sattar A, Ludlow A, O'Kane S.: Prophylactic administration of avotermin for improvement of skin scarring: three double-blind, placebo-controlled, phase I/II studies. Lancet. 2009 Apr 11;373(9671):1264-74.

Gaida K, Koller R, Isler C, Aytekin O, Al-Awami M, Meissl G, Frey M: Low Level Laser Therapy--a conservative approach to the burn scar? Burns. 2004 Jun;30(4):362-7.

Parrett BM, Donelan MB: Pulsed dye laser in burn scars: Current concepts and future directions. Burns. 2009 Dec

Bouzari N, Davis SC, Nouri K.: Laser treatment of keloids and hypertrophic scars. Int J Dermatol. 2007 Jan;46(1):80-8.

Von Prim. Doz. Dr. Rupert Koller, Ärzte Woche 11 /2010

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