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Augenheilkunde 12. Dezember 2007

Sehtraining bei Lese-Störungen?

Die Irlen-Therapie, das Visualtraining und das Training der Blicksteuerung sind eine Auswahl häufig angebotener Behandlungsmethoden, die vorwiegend auf Störungen wie Legasthenie, rasches Ermüden beim Lesen oder allgemeine Konzentrationsstörungen zielen. Keine der Methoden hat einen nachweislich spezifischen Einfluss auf das Beschwerdebild von Patienten. Aufgrund der vielfach publizierten „Erfolge“ ist es notwendig, die Patienten über einen möglichen Placeboeffekt aufzuklären.

Irlen-Therapie: Die amerikanische Psychologin Helen Irlen beobachtete einen positiven Effekt farbiger Gläser auf das Lesen und begann, solche Gläser bei der Lese-Rechtschreib-Störung (LRS) einzusetzen. Den theoretischen Ansatz für den positiven Effekt beschrieb sie im „Scotopic Sensitivity Syndrome“, einer von ihr als erblich angesehenen Überempfindlichkeit der Netzhaut für bestimmte Wellenlängen, welche sich in Verschwommen- und Verzerrtsehen äußert. Aufgrund der Annahme individueller Unterschiede der Überempfindlichkeit wird die Brillenglasfarbe mittels eines Kolorimeters aus einem Kollektiv von 240 Farbtönen angepasst. Die Ergebnisse der Therapiestudien sind widersprüchlich; bei den positiven Ergebnissen kann ein Placeboeffekt nicht ausgeschlossen werden.
Visualtraining: Das von den Vertretern der Funktionaloptometrie angebotene Visualtraining behandelt „Funktionsstörungen, die bei gesunden Augen aufgrund eines gestörten Sehverhaltens oder einer fehlerhaften Entwicklung auftreten und zu Problemen der visuellen Wahrnehmung führen“. Die Diagnostik beruht auf der Untersuchung verschiedener Funktionen des Sehsystems wie Sakkaden, Akkommodation und Vergenzen. Bisher existieren keine kontrollierten Studien bezüglich der Auswirkung auf eine LRS.
Training der Blicksteuerung: Dabei werden Funktionen der Okulomotorik trainiert. Beim Lesen werden neben reflektorischen Vorwärtssakkaden auch Sakkaden in die Gegenrichtung gemacht. Je schwieriger ein Text ist, desto höher ist die Anzahl der Sakkaden in die Gegenrichtung. Bei Personen mit LRS findet man viele kleine Sakkaden in Richtung des Textes und gehäuft Sakkaden in die Gegenrichtung.
Im „Blicklabor“ wird an abstrakten Fixierobjekten die Sakkadenqualität bezüglich Geschwindigkeit, Latenz und Zielsicherheit und außerdem die monokulare und binokulare Stabilität der Fixation geprüft und bei Auffälligkeit trainiert. Zwar finden sich bei Personen mit LRS Auffälligkeiten der Blicksteuerung. Es ist aber fraglich, ob diese Ursache der LRS sind oder deren Folge. Bisher konnte lediglich nachgewiesen werden, dass sich beim Training der Blicksteuerung die Leistungen in den an abstrakten Fixierobjekten geübten Aufgaben verbessern. Die einzige kontrollierte Studie mit der Fragestellung nach der Leseleistung zeigte mit Ausnahme von wortunähnlichen Wörtern keine signifikante Verbesserung.
Bei der LRS spielen neben der zentralen visuellen Wahrnehmung Lernmechanismen, die auditive Wahrnehmung und das auditive Gedächtnis eine Rolle. Ähnlich können Konzentrationsstörungen, rasches Ermüden beim Lesen oder eine Asthenopie Ausdruck komplexer Störungen sein, welche nicht durch Übungen des Sehsystems zu beheben sind.

Der Originalbeitrag von Dr. Ch. Pieh und Prof. Dr. W. Lagreze,
Universitäts-Augenklinik Freiburg, erschien in: Ophthalmologe 2007
DOI 10.1007/s00347-007-1647-1
© Springer Medizin Verlag

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