zur Navigation zum Inhalt
 
Augenheilkunde 20. Juni 2007

„Tu‘ das Richtige zur richtigen Zeit“

Evidenzbasierte klinische Leitlinien sollen nach dem Willen des Europäischen Parlaments harmonisiert werden. Das Ziel ist eine vergleichbare Behandlungsqualität in allen europäischen Mitgliedsländern. Nun geht es darum, das Rad nicht immer wieder neu zu erfinden, sondern eine kluge Auswahl vorhandener Praxisleitlinien vorzunehmen und dafür zu sorgen, dass sie auch sinnvoll genutzt werden.

 Auge
Die Europäische Union will vergleichbare Behandlungsqualität in allen Mitgliedsländern.

Foto: Photodisc

39.000 Augenärzte versorgen 456.000 EU-Bürger, also im Schnitt ist jeder Ophthalmologe für die Gesundheit der Augen von 12.000 Menschen zuständig. Innerhalb Europas gibt es aber große Unterschiede in der Qualität der ärztlichen Ausbildung: Im Baltikum dauert es drei Jahre bis zum Facharzt, in vielen anderen Ländern vier Jahre und im Vereinig­ten Königreich sogar sechs Jahre, berichtete Dr. Michele Beaconsfield, aus London stammende Präsidentin der Sektion Ophthalmologie der Europäischen Vereinigung der Fachärzte (U.E.M.S.).

Vielfältiges Europa

Diese Disparität ist aber nur eine der vielen Hürden auf dem Weg zur Harmonisierung der Behandlungsstandards, wie sie das Europäische Parlament im zweiten Aktionsprogramm der Gemeinschaft im Bereich öffentliche Gesundheit fordert. Ungleichheiten sollen nun mit harmonisierten europäischen Praxisleitlinien verringert und allen EU-Bürgern effiziente Behandlungen gleichermaßen zugänglich werden.
Praxisleitlinien sind für niedergelassene Augenärzte und Kliniker ein einfaches Instrument, auf dem Stand der Wissenschaft zu bleiben, wenn die Zeit fehlt, laufend die Literatur zu verfolgen. Die darin vorgestellten Behandlungsoptionen sind eine Empfehlung für die generelle Praxis, aber nicht zwingend auf den einzelnen Fall anzuwenden. Auf einen einfachen Nenner gebracht lautet das Motto: „Tu’ das Richtige zur richtigen Zeit und mach’ es gut!“
Nun sollen vorrangig evidenzbasierte Leitlinien für die häufigsten Augenkrankheiten entwickelt werden, die zur Verringerung der Sehfähigkeit führen können. Die vorliegenden Studien werden gesichtet, auf ihre Relevanz und Qualität überprüft und die Stufe der Evidenz ermittelt. Zwingende Evidenz (Stufe I) ist die beste Entscheidungsgrundlage für Leitlinien, Expertenkonsens die am wenigsten wertvolle.
In vielen Ländern bestehen bereits Leitlinien und können online abgerufen werden. Aber was in einem Teil der Welt richtig ist, muss für einen anderen Teil der Welt nicht unbedingt passen. Deshalb ist es wichtig, sie auf die lokalen Verhältnisse anzupassen und zu adaptieren. Zudem müssen sie auch in der Landessprache verfasst sein.

Adaptierung der Leitlinien auf lokale Verhältnisse

Denn Leitlinien haben keinen Nutzen, wenn Augenärzte sie nicht in der täglichen Praxis anwenden. Prof. Richard L. Abbott, in der Amerikanischen Gesellschaft für Ophthalmologie für Fragen der Behandlungsqualität und Entwicklung einer Wissensdatenbank zuständig: „Ich glaube, die größte Hürde leitliniengerechter Vorgangsweise ist, dass die Ärzte meist überzeugt sind, ohnedies bereits eine exzellente Behandlung für ihre Patienten zu liefern, und es deshalb gar nicht als nötig ansehen, ihre Vorgehensweisen zu verändern. Manche Ärzte sind dann überrascht, wie viel von dem, was in den Leitlinien steht, sie gar nicht anwenden.“
Deshalb sind Incentives nötig, so der amerikanische Augenarzt, also ein Bonussystem. In den USA gibt es das System „pay for performance“: Ärzte, die den Leitlinien folgen, bekommen mehr Geld ausbezahlt. Spezielle Ausbildungsprogramme, wie sie das International Council of Opthalmology (IOC) anbietet, ermöglichen es den Augen­ärzten, die Leitlinien fachgerecht anzuwenden.

Viel Überzeugungsarbeit nötig

Dass Fortbildung und Überzeugungsarbeit wichtig sind, bestätigte der Vortrag des Präsidenten der slowenischen augenärztlichen Gesellschaft Prof. Dr. Marko Hawlina. Er berichtete von einer Umfrage, in der untersucht wurde, ob im Rahmen der Lehrpläne an den europäischen Medizinuniversitäten den angehenden Ärzten empfohlen wird, Krankheiten leitliniengerecht zu behandeln. Das Ergebnis: Nur zwei Universitäten konnten diese Frage eindeutig bejahen, fünf verneinten und die Mehrheit von 14 verlautete etwas unentschlossen, dass es eventuell eine Möglichkeit wäre. Prof. Dr. Andreas Wedrich, Leiter der Universitätsaugenklinik in Graz und Vorstandsmitglied der Österreichischen Opthalmologischen Gesellschaft (ÖOG), bekräftigt die Notwendigkeit einer neuen Bewusstseinsbildung: „Man müsste das in die Ausbildung integrieren, damit die Orientierung an Leitlinien und deren Integration in den Praxisalltag zum Automatismus wird.“

Inge Smolek, Ärzte Woche 25/2007

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben