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Augenheilkunde 6. Juli 2007

Von der Freude, eine Netzhaut zu sehen (Narrenturm 106)

„Die größte Dummheit meines Lebens war, dass ich den Augenspiegel nicht erfunden habe.“ ­Diese Bemerkung machte der Physiologe Ernst Wilhelm Brücke (1819–1893). Durch ihn erlangte in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Physiologie in Wien Weltgeltung.

 Anwendung des Augenspiegels
Als Hermann von Helmholtz seinen Augenspiegel vorstellte, gab es freilich auch Kritik. Es sei zu gefährlich, Licht in ein krankes Auge fallen zu lassen, hieß es.

 Augenspiegel
Augenspiegel

Fotos: Regal/Nanut

Tatsächlich war Brücke, wie der Erfinder des Augenspiegels, der Physiker, Mathematiker, Mediziner und Philosoph Hermann von Helmholtz (1821–1894) – übrigens ein Freund Brückes aus seiner Berliner Zeit – bestätigte, nur um „eines Haares Breite“ von dieser für die Augenheilkunde bahnbrechenden Erfindung entfernt. Brücke hatte das sogenannte Augenleuchten – das Aufleuchten der Pupille, das bei vielen Tieren seit der Antike bekannt war – untersucht und 1847 eine richtige wissenschaftliche Theorie darüber veröffentlicht. Er entdeckte auch, dass Licht aus bestimmter Richtung bei richtiger Stellung des Beobachters auch das menschliche Auge zum Leuchten brachte. Der unglaublich vielseitige, aber auch rastlose Forscher Brücke hatte aber anscheinend nicht die Geduld, das Phänomen bis ins Detail durchzudenken und zu bearbeiten. So musste er die Erfindung des Augenspiegels Helmholtz überlassen – was er aber neidlos anerkannte. Aber gewurmt scheint es ihn doch zu haben, wie die oben erwähnte Bemerkung beweist.

Problemerkennung und -lösung innerhalb einer einzigen Woche

Der Naturwissenschaftler Helmholtz enträtselte als Erster die physikalische Grundlage für das Aufleuchten des Auges, erkannte theoretisch und auch praktisch das Problem und löste es, wie er selbst schrieb, durch Experimentieren mit einfachsten Hilfsmitteln innerhalb nur einer Woche.
Nach Erkennen der physikalischen Ursache des Augenleuchtens und der Tatsache, dass aus dem Auge reflektiertes Licht wieder exakt in Richtung der Lichtquelle zielt, ergab sich die Schwierigkeit, wie das Auge des Beobachters in den Strahlengang gebracht werden konnte, ohne das einfallende Licht zu verdecken. Helmholtz löste die Aufgabe durch einen schräg gestellten halbdurchlässigen Spiegel – als optimal erwies sich eine Schrägstellung von 60° – über den das Licht in das Auge des Patienten geleitet werden konnte, während der Untersucher durch den Spiegel die Netzhaut des Patienten begutachtete. Helmholtz publizierte seine Erfindung Ende des Jahres 1850. Jahre später berichtete er: „Nach acht Tagen hatte ich die große Freude, der Erste zu sein, der eine lebende menschliche Netzhaut sah.“
Seinem Vater schrieb er: „Außerdem habe ich eine Erfindung gemacht, welche möglicherweise für die Augenheilkunde von allerbedeutendsten Nutzen sein kann. Sie lag eigentlich auf der Hand, erforderte weiter keine Kenntnisse, als was ich auf dem Gymnasium von Optik gelernt hatte, dass es mir jetzt lächerlich vorkommt, wie andere Leute und ich selbst so vernagelt sein konnten, sie nicht zu finden. Es ist nämlich eine Combination von Gläsern, wodurch es möglich wird, den dunklen Hintergrund des Auges durch die Pupille hindurch zu beleuchten, und zwar ohne ein blendendes Licht anzuwenden, und gleichzeitig alle Einzelheiten der Netzhaut genau zu sehen... Man sieht die Blutgefäße auf das zierlichste, Arterien und Venen verzweigt, den Eintritt des Sehnerven in das Auge usw. ... Durch meine Erfindung wird die spezielle Untersuchung der inneren Gebilde des Auges möglich.“
Tatsächlich war es für Ärzte bis zu dieser genialen Erfindung nicht möglich, ins Innere des lebenden menschlichen Auges zu blicken. Aber wie alle großen Erfindungen wurde auch diese nicht sogleich anerkannt und verwendet.
Es gab natürlich Kollegen, die den Augenspiegel heftig ablehnten. „Ein hochberühmter chirurgischer Kollege sagte mir“, erwähnte Helmholtz später in einer Rede, „es sei zu gefährlich, das grelle Licht in kranke Augen fallen zu lassen“, und lehnte deshalb das Instrument apodiktisch ab. Ein anderer erklärte, „der Augenspiegel möge für Ärzte mit schlechten Augen nützlich sein, er selbst habe sehr gute Augen und bedürfe seiner nicht“.

Erst als der berühmte Berliner Augenarzt

Albrecht von Graefe (1828–1870) sich als Fachmann – Helmholtz war ja kein Augenarzt – zwei Spiegel zur Erprobung erbat, sie mit Erfolg in seiner Praxis verwendete und durch die Beobachtung und Erforschung des Augenhintergrundes neue Operationsmethoden für bis dahin unheilbare Augenleiden entwickelte, wurde der Augenspiegel rasch populär. Andere Prinzipien zur Beleuchtung der Netzhaut, wie etwa durchbohrte konkave Hohlspiegel, Kombinationen mit korrigierenden Linsensystemen und modernere Lichtquellen verbesserten das Instrument ständig. Trotz einer Vielzahl von technischen Modifikationen ist der Augenspiegel bis heute ein relativ einfaches Untersuchungsgerät geblieben.

Bis heute unentbehrlich

Einen original erhaltenen Helmholtz Augenspiegel – heute eine extrem seltene Rarität – besitzt leider auch das pathologisch-anatomische Bundesmuseum nicht. Aber auch ohne diese Rarität dokumentiert die Sammlung von Augenspiegeln – vom einfachen Konkavspiegel bis zu moderneren komplizierteren Geräten – die technische Entwicklung dieses genial einfachen, bis heute unentbehrlichen Untersuchungsinstruments.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 27/2007

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