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Augenheilkunde 29. August 2006

Vom geschliffenen Lesestein zum Augenglas (Narrenturm 65)

Zwischen zahlreichen ophthalmologischen Instrumenten und Apparaten versteckt sich in einem der unzähligen Schaukästen im Pathologisch-anatomischen Bundesmuseum auch eine kleine Brillensammlung. Sie enthält „alte“ Gläser für weitsichtige und „junge“ für kurzsichtige Augen.

Die historischen Brillen in der Sammlung im Narrenturm stammen vorwiegend aus dem 19. Jahrhundert, als sich die Augenärzte zunehmend für Augenoptik zu interessieren begannen und Patienten, die eine Sehhilfe benötig­ten, nicht sofort zum „ersten besten Optiker“ schickten.

Brillenbedürftige zuerst zum Arzt, dann erst zum Optiker
Der Wiener Augenarzt Ferdi­nand von Arlt (1812–1887) forderte Mitte des 19. Jahrhunderts als Erster von seinen Schülern, sich „Kenntnisse über Augengläser und deren Gebrauch anzueignen“ und „die Brillenbedürftigen mit der zugehörigen Anweisung an den Optiker, wie einen Kranken mit dem Recepte an den Apotheker zu ­adressieren“.
Die nachlassende Sehkraft traf den Menschen schon immer stark. Die Möglichkeit, sich im Alter von Sklaven vorlesen zu lassen, hatten ja nur wenige. Die Erfindung der Brille gehört somit sicher zu den wichtigsten und nützlichsten Erfindungen der Menschheit.
Wer diese Erfindung gemacht hat, ist jedoch nicht bekannt. Die Archäologen fanden zwar Jahrtausende alte, linsenförmig geschliffene Gläser und Steine, aber in der Literatur des klassischen Altertums findet sich absolut kein Hinweis, dass diese Linsen aus Bergkristall, Beryll oder Quarz als Brillen oder Vergrößerungsgläser benutzt wurden. Vermutlich waren es nur Schmucksteine. Denn weder Ägypter, noch Griechen oder Römer und auch nicht die alten Chinesen kannten die Brechungsgesetze.
Erst im 11. Jahrhundert erwog der arabische Gelehrte Ibn Al Hazen (um 965–1038) die Möglichkeit, durch eine entsprechend geschliffene Linse das Sehvermögen zu verbessern. Der englische Mönch, Alchemist und Naturwissenschafter Roger Bacon (um 1219–1292) – der Al Hazens Schriften über die Optik kannte – beschrieb in seinem 1273 in London erschienen „Opus Majus“ eine Art Lupe, mit der man, „wenn man die konvexe Seite dem Auge zukehrt, Buchstaben und kleine Gegenstände größer sieht. Deshalb gibt dies ein vorzügliches Instrument für alte Leute und solche die schwache Augen haben.“
Großen Einfluss auf die Naturwissenschaft seiner Zeit hatte diese Schrift aber nicht. Der römische Klerus betrachtete sie gar als „Teufelswerk“, nahm das Buch unter Verschluss und warf den Autor wegen Zauberei und Ketzerei in den Kerker.
In den mittelalterlichen Klöstern – mit dem Lesen beschäftigten sich damals ja fast nur Geistliche – kamen aber trotzdem so genannte Lesesteine, halbkugelige Linsen aus klarem Bergkristall oder Beryll, in Gebrauch, die Mönche legten sie als vergrößernde Lesehilfen auf den Text ihrer Handschriften. Vom verwendeten Halbedelstein Beryll leitet sich vermutlich auch der Name Brille ab. Glas kam als Sehhilfe erst sehr viel später in Verwendung.

Ein Brillenträger verursacht einen Volksauflauf in Wien
Die Geburtsstunde der Brille schlug ziemlich sicher um das Jahr 1285, vermutlich in Venedig. Nur die Oberitaliener konnten damals weißes, klares Glas in der erforderlichen Qualität herstellen. Im Jahr 1306 schrieb ein Mönch in Pisa: „Es sind keine zwanzig Jahre her, dass die Kunst, Brillen herzustellen, erfunden wurde. Ich habe selbst denjenigen gesehen, der sie erfunden und zuerst fertigte, und mich mit ihm unterhalten.“ Den Namen des Erfinders nannte Bruder Giordano allerdings nicht. So bleibt der, der als Erster auf die Idee kam, sein Vergrößerungsglas nicht auf den Text, sondern vor sein Auge zu halten und auch sein anderes Auge mit so einem Glas zu bewaffnen, leider für immer unbekannt.
Am Beginn des 14. Jahrhunderts war die Brille jedenfalls noch so neu, dass der Bürgermeister von Padua, der 1319 mit einer Brille auf der Nase am königlichen Hof in Wien erschien, gewaltiges Aufsehen erregte und mit seinen Augengläsern angeblich sogar Volksaufläufe verursachte.

Problem der Befestigung
Beide Linsen in Ringe zu fassen und zusammenzunieten war der nahe liegende nächste Schritt in der Entwicklung der Augengläser – die Nietbrille war erfunden. Die Brillen hatten zunächst nur konvex geschliffene Linsen für Weitsichtige. Konkavlinsen für Kurzsichtige kamen erst im 16. Jahrhundert in Gebrauch.
Das Problem der Befestigung der Augengläser wurde erst Ende des 18. Jahrhunderts mit der Ohrenbrille, damals nannte man sie Schläfenbrille, zufriedenstellend gelöst. Ihren perfekten anatomischen Sitz erhielt die Brille erst in den 1920er Jahren.
Da es für die Ärzteschaft bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts ganz und gar unter ihrer Würde war, sich mit der Verordnung von Augengläsern zu befassen, überließ man das Anpassen von Brillen zumeist ungeschulten wandernden Straßenhändlern. Zur Unterscheidung bezeichnete man Sammellinsen als „alte“ Gläser, während man konkave Linsen – für junge Kurzsichtige – „junge“ Gläser nannte.

Wolfgang Regal/Michael Nanut, Ärzte Woche 35/2006

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