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Allgemeinmedizin 28. Juni 2006

Die Dunkelheit kommt mitunter auf leisen Sohlen

Das Glaukom, landauf auch als „Grüner Star“ gefürchtet, ist eine der häufigsten Erblindungsursachen. Die besondere Tücke dieser Augenerkrankung ist seine schleichende Entwicklung. Dabei stehen die Chancen einer Therapie gut, solange die Krankheit rechtzeitig behandelt wird.

Selbst in Ländern mit guter medizinischer Versorgung bleibt fast die Hälfte der Glaukome über lange Zeit unentdeckt. Auch in Österreich, wo über 80.000 Menschen betroffen und an die 3.500 erblindet sind. Diese Zahlen sind ein guter Grund für „Der Österreichische Patient“, die gemeinsame Initiative der Gesellschaft für Allgemein- und Familienmedizin (ÖGAM) und dem Verein „Altern mit Zukunft“ (AmZ), das Glaukom zum Monatsthema im Juni zu machen.

Irrglaube kostet Augenlicht

Bemühungen, den lebensrettenden Sinn von Vorsorgeuntersuchungen im Bewusstsein der Bevölkerung zu verankern, zeigen in steigendem Maße Erfolg. Freilich eignen sich fatale Krankheiten wie Krebs- und Herzleiden besser für plakative Aktionen. Bemühungen um die prophylaktische Diagnose von Augenerkrankungen haben es schwerer, denn diese, so die weit verbreitete Meinung, offenbaren sich ohnehin früher oder später durch einen verschwommenen Blick auf die Welt. Auf jeden Fall rechtzeitig genug, um sich beim Augenarzt die neue Lesebrille anzupassen. Ein Irrglaube, der vielen Menschen das Augenlicht kostet, denn das Glaukom äußert sich erst spät durch unklares Sehen. Vielmehr entwickelt sich die Krankheit schleichend, fast ohne Schmerzen über Jahre und diverse Stadien hinweg. Zu spät nehmen die Betroffenen aufgrund von Einschränkungen im Gesichtsfeld die latente Gefahr für ihr Augenlicht wahr. Doch die stattgefundenen Schädigungen der Netzhaut sind zu diesem Zeitpunkt bereits irreversibel – eine restitutio ad integrum nicht mehr möglich. Unterschieden werden in der Regel das primäre Glaukom mit den Unterformen Engwinkel- und Offenwinkelglaukom (POWG), das sekundäre sowie das kongenitale Glaukom (Buphthalmus). Das klassische primäre POWG wird durch ein unausgewogenes Verhältnis von Bildung und Abfluss des Kammerwassers verursacht. Durch den zunehmenden Druck degenerieren die Nervenfasern der Netzhaut. Aber selbst bei normalem Augeninnendruck (Normaldruckglaukom) kann es zu einer Mangelversorgung der Netzhaut und einer schleichenden Zerstörung des Sehnervs mit demselben Resultat kommen. Der Augeninnendruck ist daher, wenn auch ein wichtiger, nur einer von vielen Risikofaktoren. Somit ist seine alleinige Messung, wie sie oft außerhalb von augenärztlichen Praxen angeboten wird, kein Grund zur endgültigen Entwarnung. Das Risiko, am Grünen Star zu erkranken, steigt des Weiteren bei Erkrankungen mit Durchblutungsstörungen (Diabetes mellitus), bei familiärer Häufung sowie hoher Kurzsichtigkeit (über fünf Dioptrien).

Beidäugiges Sehen verschleiert den Prozess

Zumeist sind beide Augen betroffen, wenngleich das Zustandsbild variabel sein kann, was mit einem zeitlich unterschiedlichen Auftreten erklärbar ist. In einer Aussendung der Initiative „Der Österreichische Patient“ erklärte Doz. Dr. Andrea Mistlberger, Oberärztin an der Landesklinik Salzburg, die kaum merklichen Einschränkungen im Gesichtsfeld: „Die Ausfälle liegen zunächst im Randbereich, sodass sie dem Betroffenen, vor allem beim beidäugigen Schauen, nicht auffallen. Erst wenn sich die Defekte ausdehnen und ins Gesichtsfeldzentrum wandern, werden sie bemerkt. Dann ist aber schon ein großer Anteil der Fasern zerstört, ein Gesichtsfelddefekt tritt erst auf, wenn bereits 40 bis 50 Prozent der Nervenfasern zerstört sind.“

„Rettungsmaßnahmen kommen viel zu spät!“

Vor allem Menschen ab dem 40. Lebensjahr sollten daran denken, sich regelmäßig vom Augenarzt überprüfen zu lassen. Die Sozialmedizinerin und AmZ-Präsidentin Prof. Dr. Anita Rieder geht sogar noch einen Schritt weiter: „Es ist wichtig, bereits ab dem 19. Lebensjahr alle drei Jahre nach einem erhöhten Risiko zu fahnden.“ Eine ÖGAM-Befragung im Zuge einer Vorsorgeuntersuchung ergab, dass 16,4 Prozent der Österreicher schlecht in die Ferne sehen konnten, während 24,5 Prozent bei Nahsicht Probleme hatten. Rieder zu dem Ergebnis: „Sehschwäche ist gerade bei älteren Menschen ein weit verbreitetes und ernstes Problem. Fast jeder Dritte im Alter über 65 Jahren leidet an einer Sehbeeinträchtigung. Als Folge bestehen verringerte Lebensqualität sowie erhöhte Sturz- und Unfallgefahr.“

Glaukomvorsorge forcieren

Dass die Prophylaxe die beste Medizin sei, betonte Dr. Erwin Rebhandl, Präsident der ÖGAM und kritisierte die späte Überprüfung der Sehleistung ab dem 65. Lebensjahr im Rahmen der Vorsorgeuntersuchung: „Es wäre wünschenswert, wenn die Glaukomprophylaxe bereits viel früher stattfinden würde. Da das Risiko für ein Glaukom bereits ab dem 40. Lebensjahr steigt, wäre eine augenfachärztliche Untersuchung schon mit der Verordnung der ersten Lesebrille zu empfehlen.“ Dabei käme dem Allgemeinmediziner als erste Anlaufstelle für den Patienten eine besondere Rolle zu, unterstrich Rebhandl. Natürlich könne die endgültige Diagnose nur der Augenarzt stellen, jedoch als Koordinator und Impulsgeber für eine Vorsorgeuntersuchung sei der Allgemeinmediziner ungemein wertvoll. Die Diagnostik selbst umfasst neben der Messung des Augeninnendrucks auch eine Beurteilung von Sehnervenkopf, Nervenfasern, Hornhautdicke und Gesichtsfeld. Die Therapie ist von der Art des Glaukoms abhängig, konzentriert sich in den meisten Fällen aber auf eine lebenslange, medikamentöse Senkung des Augendruckes.

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