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Augenheilkunde 23. Mai 2006

Leseratten und Computerfreaks ruinieren ihre Augen

Warum manche Menschen in die Ferne schlecht sehen und andere Argusaugen haben, das hat vielerlei Ursachen, die bis heute noch nicht restlos erforscht sind. Von Brillen über Kontaktlinsen bis hin zu chirurgischen Eingriffen gibt es verschiedene Möglichkeiten der Myopie-Korrektur. Die Progression der Kurzsichtigkeit kann jedoch noch nicht gestoppt werden.

Myopie ist die weltweit häufigste Augenveränderung. Von bis zu 50 Prozent Betroffenen gehen Schätzungen für Europa aus, in Asien sind sogar 60 bis 80 Prozent der jungen Erwachsenen kurzsichtig. Die Häufigkeit der Myopie ist von Altersgruppe zu Altersgruppe verschieden. Bei der Geburt sind beinahe alle Kinder weitsichtig. Während des Wachstums kommt es auch im Auge zu Veränderungen: Die axiale Länge des Auges nimmt zu, die Linsendicke nimmt ab, die Hornhaut flacht ab.

Häufigkeit altersabhängig

Bis zum Alter von acht bis zehn Jahren ist die ursprüngliche Weitsichtigkeit normalerweise ausgeglichen. Dann allerdings steigt mit zunehmendem Alter die Zahl der von Myopie-Betroffenen, erreicht bei den 40-Jährigen einen Gipfel, sinkt dann ab und nimmt bei den über 60-Jährigen wieder zu. „Hohe Kurzsichtigkeit bewirkt oft eine dauerhafte Herabsetzung des Sehvermögens, weil die strukturellen Veränderungen, die dadurch auftreten, zumeist irreversibel sind.“ Das erläuterte Prof. Dr. Susanne Binder, Leiterin der Augenabteilung an der Wiener Rudolfstiftung und Präsidentin der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft, bei der Pressekonferenz zur diesjährigen Tagung der Augenärzte.

Eingeschränkte Lebensqualität

Aus medizinischer Sicht sei nicht nur die durch die Fehlsichtigkeit begründete zuweilen starke Einschränkung der Lebensqualität von Bedeutung. Vielmehr sei die Tatsache problematisch, dass kurzsichtige Menschen öfter an Augenerkrankungen wie etwa dem Glaukom leiden oder an Netzhautveränderungen, die häufig zu Erblindung führen. Das betrifft vor allem jene Menschen mit einer Kurzsichtigkeit von mehr als minus sechs Dioptrien, die auf eine krankhafte Verlängerung des Augapfels zurückzuführen ist. Die Ursache für Kurzsichtigkeit bei über 60-Jährigen ist meist ein nuklearer Katarakt. Zwar stehen wissenschaftliche Beweise dafür noch aus, aber was die Entstehung der Kurzsichtigkeit anlangt, so nehmen Augenärzte heute unter anderem auch Lesen und Naharbeit als Mitverursacher an. Grund dafür ist die Tatsache, dass Myopie in Asien und in den Industrieländern sowie in jenen Gebieten mit besseren sozialen Verhältnissen und einem ausgebauten Schulwesen weiter verbreitet ist als etwa in Regionen Afrikas mit weniger entwickelten Bildungsstrukturen, in denen dementsprechend weniger gelesen wird. Ob nicht auch unterschiedliche Untersuchungsmethoden und ein Mangel an verlässlichen epidemiologischen Daten zu den unterschiedlichen Häufigkeitszahlen beitragen, kann freilich nicht gesagt werden. Allerdings gibt es laut Prof. Dr. Oliver Findl von der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der Medizinischen Universität Wien Studien, die darauf hinweisen, dass gerade Naharbeiten unter Stress – Lernen vor Schularbeiten – die Myopiezahlen in die Höhe treiben. Möglicherweise, so Findl, sei das der eigentliche Grund, warum in der Altersgruppe der 14- bis 18-Jährigen die starke Kurzsichtigkeit zunimmt, was bisher eher auf die in diesem Alter normalen Wachstumsschübe gemünzt wurde. Dass Bildschirmarbeit bzw. Computerspiele sich noch negativer auswirkt als die Beschäftigung mit gedruckten Buchstaben, könne laut Findl bis dato weder bestätigt noch ausgeschlossen werden. Zwar gibt es von der Brille über weiche und formstabile Kontaktlinsen bis hin zu chirurgischen Eingriffen heute etliche Möglichkeiten der Korrektur der Kurzsichtigkeit. Eine Methode, der Myopie vorzubeugen oder wenigstens ihre Progression hintanzuhalten, ist bis jetzt jedoch noch nicht gefunden worden.

Keine Evidenzen

So hat Findl in mehreren internationalen Studien keinerlei Evidenz dazu gefunden, dass das Tragen harter Kontaktlinsen das Fortschreiten der Kurzsichtigkeit stoppt. Ebensowenig dafür geeignet sind Brillen, die unterkorrigieren. Gleitsichtbrillen für Kinder und Jugendliche, die die Ungenauigkeit der Akkomodation beseitigen und damit das Auge quasi vor Überanstrengung schützen sollen, haben einen Effekt nur in ganz bestimmten Risiko-Subgruppen. Augentropfen bzw. -gels mit ­Atropin oder Pirenzepin können die Kurzsichtigkeit zwar bremsen, sind aber mit Nebenwirkungen verbunden. Was spezielle Augengymnastik angeht, so kennt Findl nur anekdotische Fälle, in denen sie geholfen hat. Günstig sei laut dem Augenspezialisten aber jedenfalls, „intensive Naharbeit alle 15 bis 20 Minuten für eine Minute zu unterbrechen und die Augen nicht zu schließen, sondern konzentriert in die Ferne zu schauen“.

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