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Augenheilkunde 10. Jänner 2006

Lesestoff deckt Augenerkrankung auf

Genormte Sätze und Schriftgrößen geben allein durch Vorlesen der Radner- Lesetafeln Hinweise auf Augenerkrankungen. Mit dieser Wiener Neuentwicklung können Lesevisus (kleinste lesbare Textgröße) und Lesegeschwindigkeit als diagnostisches Hilfsmittel eingesetzt werden.

Standardisierte und genauere Messverfahren werden in der ophthalmologischen Diagnostik wegen sich rasant verbessernder therapeutischer Möglichkeiten immer wichtiger. Daher sind die Eichung und Standardisierung von großer Bedeutung, damit Lesetests sowohl für den niedergelassenen Augenarzt als auch den Kliniker vergleichbare Aussagen liefern.

Besser als herkömmliche Tests

Die neu entwickelten Lesetafeln nach Radner „entsprechen nun erstmals hohen Ansprüchen auch für Leseproben und gewährleisten so eine deutlich bessere Aussage über das Nahsehvermögen“, hebt auch die Österreichische Ophthalmologische Gesellschaft hervor. Für die tägliche Routine ergeben sich aus der Eichung nach modernsten Normen und durch die völlig gleichwertigen, standardisierten Testsätze eine besonders einfache Anwendung und eine deutlich höhere Genauigkeit mit nicht zu unterschätzenden Vor-teilen gegenüber herkömmlichen Seh- und Lesetests. Entstanden sind diese Tafeln in interdisziplinärer Zusammenarbeit zwischen Augenärzten, Psycho-ogen, Linguisten und Technikern. Mit diesen Lesetafeln, so deren „Erfinder“, der Wiener Augenarzt Prof. Dr. Wolfgang Radner, „besteht die Möglichkeit, zusätzliche Informationen über das Lesevermögen zu erhalten, wodurch sich das diagnostisch-therapeutische Spektrum ohne zusätzlichen Aufwand erweitern lässt“. Eine englische Fassung dieser österreichischen Entwicklung gibt es schon, eine holländische Fassung wird derzeit erarbeitet. Die Sätze der neuen Lesetafeln (von Radner „Satzoptotypen“ genannt) bestehen aus ganzen Relativsätzen und einfachen, leicht zu verstehenden Wörtern. Alle Sätze sind nach denselben Regeln auf-gebaut und gleichen sich hinsichtlich Anzahl, Länge und Position der Wörter sowie im Schwierigkeitsgrad (siehe Abbildung). Natürlich sind, vergleichbar mit den herkömmlichen Sehtafeln, auch die Buchstabengrößen genormt, die in logarithmischen Schritten abnehmen. Aus dem Leseverhalten des Pa-tienten lässt sich auf die Art des Sehfehlers schließen. „Ich kann eine erste Diagnose schon aus der Art, wie mir der Patient die angebotenen Sätze vorliest, stellen“, sagt Radner. So bringen Normalsichtige beispielsweise bis zu 250 Wörter in einer Minute unter.

Lesefluss liefert Information

Allein durch die hörbare Leseflüssigkeit bekommt der Augenarzt eine Menge brauchbarer Informationen, zum Beispiel wird selbst ein geringer Unterschied in der Makulafunktion beider Augen gut erkennbar aufgedeckt. Daraus ergeben sich dann Hinweise auf subklinische Veränderungen schon vor der Funduskopie, die der Arzt dann gezielt suchen kann. Ein weiterer Vorteil: Der Einfluss einer Makulopathie bei Patienten mit Katarakten kann auch bei schlechtem Lesevisus sehr genau erhoben werden. Radner: „Man lässt solche Patienten lediglich deutlich größere Schriftgrößen als den erreichten Lesevisus lesen. Wird das Lesen ‚flüssig’, ist der Einfluss der Makulopathie gering. Entspricht das Lesen jedoch dem bekannten Leseverhalten bei Makulopathie, kann davon ausgegangen werden, dass sich das Leseverhalten nach der Operation nicht maßgeblich verbessern wird.“ Zusammen mit einer Funduskopie und dem Lesevisus könne die Frage: „Was kann ein Patient von einer Katarakt-Operation erwarten“, viel genauer beantwortet werden. Vielen Patienten konnte Radner damit eine bessere Grundlage für die schwierige Entscheidung zur Operation geben. Mit dem neuen Lese-Test können Patienten mit Katarakt, zentralem und peripherem Sehverlust rasch unterschieden werden. Das Vorlesen bringt auch an den Tag, inwieweit eine Sehstörung behandlungsbedürftig und wie weit sie fortgeschritten ist. „Das ist daran zu erkennen“, so Radner, „wie zögernd, stotternd gelesen wird, aber auch daran, ob die Randbuchstaben klar erkannt, rasch und fehlerfrei ohne zögern gelesen werden können.“

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