zur Navigation zum Inhalt
 
Augenheilkunde 4. Juli 2005

Kein harmloser Silberblick

Etwa 80 Prozent der Bevölkerung haben eine latente Schielstellung, meist ohne nennenswerte Beschwerden. Schielen beim Kind sollte dennoch nicht bagatellisiert, sondern sorgfältig abgeklärt werden.

Eine angeborene oder in der Kindheit auftretende manifeste Schielstellung, eine so genannte Tropie, kann das erste Symptom einer starken einseitigen Sehminderung durch eine organische Augenveränderung sein, wie zum Beispiel einseitige Katarakt, Makulanarben bis hin zum einseitigen Retinoblastom. „Jede konstante und früh auftretende Schielstellung muss daher gründlich diesbezüglich abgeklärt werden“, forderte Prof. K.-P. Borgen, Augenklinik des Klinikums der Universität München, am 38. Internationalen Oster-Seminar-Kongress für pädiatrische Fortbildung der Deutschen Akademie für Entwicklungs-Rehabilitation e.V., im März 2005 in Brixen. Die Früherkennung eines Retinoblastoms ist besonders wichtig, weil dadurch eine bulbuserhaltende Therapie möglich wird. Auch bei gutartigen organischen Veränderungen lassen sich durch die Frühbehandlung der begleitenden Amblyopie erstaunliche funktionelle Ergebnisse erzielen. Jede manifeste Schielstellung beim Kind muss bezüglich organischer Ursachen abgeklärt werden. Lähmungsschielen erfordert immer eine neurologische Untersuchung.

Schielen als Krankheit

Das so genannte frühkindliche Schielen ist eine Krankheit sui generis mit schwerwiegenden funktionellen Folgen: fehlendes Binokularsehen und häufig Amblyopie. Bei manchen Schielformen im Kindesalter kommen noch andere funktionelle Probleme dazu, wie zum Beispiel Kopfzwangshaltungen, die häufig nicht auf die zugrunde liegende Schielform zurückgeführt und damit inadäquat behandelt werden (zum Beispiel orthopädische Maßnahmen beim Strabismus sursoadductorius). Die funktionellen Folgen des frühkindlichen Schielens können nur bei frühem Therapiebeginn erfolgreich behandelt werden. Dies gilt insbesondere für die Amblyopie, bei der eine Frühbehandlung in der Regel zur Vollheilung führt. Voraussetzung dafür ist die Früherkennung, bei der der Kinderarzt eine wichtige Rolle spielt. Durch Erfassung von Risikokindern und gezielte Untersuchungen auch auf kleinwinkeliges Schielen zum Beispiel mit dem Brückner-Test kann der Pädiater einen wichtigen Beitrag zur Früherkennung des Schielens und seiner funktionellen Folgen leisten. Neben dem manifesten Schielen haben auch manche latente Schielstellungen Krankheitswert.

Therapie nur bei Pathophorien

Etwa 80 Prozent der Bevölkerung haben eine latente Schielstellung (Heterophobie), von denen aber nur zirka zehn bis 15 Prozent Beschwerden zum Beispiel im Sinne von belastungsabhängigen Kopfschmerzen haben. Nur bei diesen Pathophorien ist eine Therapie (Prismenbrille oder unter Umständen Schieloperation) nützlich und sinnvoll. Gerade bei Kindern ist daher vor der Therapie eine gründliche Diagnostik wichtig zum Nachweis, dass eine vorliegende Phorie tatsächlich für die beklagten Beschwerden verantwortlich ist.

Dr. Karin Reischl, Ärzte Woche 15/2005

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben