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Wie der Turmbau zu Babel (von Peter Bruegel d. Ä.) erscheint die interdisziplinäre Behandlung des Diabetikers.
© Wolfgang Fuchs

Prof. Dr. Matthias Bolz
Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie, MedUni Wien

 
Augenheilkunde 3. Juli 2012

Augenarzt oder Diabetologe

Wer behandelt Diabetiker besser?

Die interdisziplinäre Zusammenarbeit in der Therapie von Patienten mit Diabetes mellitus erinnert nicht selten an die biblische Geschichte vom Turmbau zu Babel. Götter in Weiß, ob Endokrinologen, Nephrologen, Chirurgen, Augenärzte oder andere, werken gemeinsam an diesem Großprojekt, jeder an seiner einzelnen hoch spezialisierten Baustelle. In der Geschichte machte die sprichwörtliche babylonische Sprachverwirrung jedoch jegliche Kommunikation zwischen den Baustellen unmöglich, und das gesamte Projekt kam dadurch zum Erliegen.

 

Wie gut kennt man diese Situation aus der klinischen Routine. Hoch spezialisierte Fachbereiche haben in der Diabetestherapie unheimliche Fortschritte gemacht, der Trend zur Spezialisierung auf immer kleinere Teilbereiche ist unaufhaltbar. Wie sich jedoch all die neuen Erkenntnisse und Therapieansätze in das Gesamtbild der individuellen Diabetestherapie einfügen, das ist momentan nicht wirklich klar. Und darunter leidet vor allem eines: die Kommunikation zwischen den Abteilungen.

Große Fortschritte

In der Augenheilkunde ist in den letzten zehn Jahren gerade in der Diagnostik und Therapie von diabetischer Netzhauterkrankung kein Stein auf dem anderen geblieben. Die optische Kohärenztomographie (OCT) erlaubt es, die Netzhaut in Bruchteilen von Sekunden abzutasten und diabetesbedingte morphologische Veränderungen schon sehr frühzeitig zu erkennen. Die intravitreale Medikamentenapplikation von Anti-VEGF-(Vascular Endothelial Growth Fachtor) Präparaten ist eine etablierte Therapie, die das diabetische Makulaödem innerhalb weniger Tage effizient reduziert und somit zu einer signifikanten Sehverbesserung führt.

Augenärzten steht somit inzwischen ein ganzes Arsenal an diagnostischen Möglichkeiten und Therapien zur Verfügung. Das ist einerseits natürlich gut, andererseits weist es sie auf ihren nur sehr eingeschränkten Handlungsspielraum hin. Denn das Grundproblem, die systemische Erkrankung Diabetes mellitus, können sie natürlich nicht lösen.

Schwierige Interdisziplinarität

Historisch gewachsene Strukturen schränken die fächerübergreifende, individualisierte Therapie von diabetischen Folgeerkrankungen weitgehend ein. Dabei würde gerade diese Erkrankung, die für jedes Gesundheitssystem in naher Zukunft aufgrund der Inzidenz eine der größten Herausforderungen darstellen wird, spezialisierte Kliniken erfordern, die mit allen Facetten der systemischen Erkrankung interdisziplinär umgehen können. Eine enge Zusammenarbeit zwischen Abteilungen eines Hauses ist bis zu einer gewissen Größe in manchen Gesundheitseinrichtungen Österreichs realisierbar bzw. bereits vorbildlich realisiert worden. Zumeist reicht eine „Zusammenarbeit“ jedoch nicht aus, vielmehr bedarf es eines eng kooperierenden Netzwerks von Expertinnen und Experten mehrerer Abteilungen.

Vienna Diabetes Network

Im Wiener Allgemeinen Krankenhaus startet ab Herbst ein Netzwerk dieser Art, das „Vienna Diabetes Network“, kurz Vidinet. Dieses Pilotprojekt der Abteilung für Endokrinologie unter der Leitung von Prof. Dr. Anton Luger und der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie unter der Leitung von Prof. Dr. Ursula Schmidt-Erfurth wird Diabetespatienten einen Zugang zu einem eng kooperierenden Netzwerk von Diabetes-Expertinnen und -Experten mehrerer Fachrichtungen bieten und somit eine individualisierte Therapie der systemischen Erkrankung, sowie der unterschiedlichen Organmanifestationen ermöglichen.

Wer Diabetiker besser behandelt? Im Sinne der ursächlichen Therapie mit Sicherheit der Diabetologe. Jedoch kann er von der Compliance, die Patienten aufgrund des Leidensdrucks Augenärzten entgegen bringen, in vielen Fällen nur träumen. Es ist an uns, diese Compliance im positiven Sinn zu nutzen und Diabetikern neue Therapieansätze anzubieten, die weit über ein Fachgebiet hinausgehen.

Von M. Bolz , Ärzte Woche 27/28/2012

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