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Augenheilkunde 28. Mai 2009

Sehfunktions-Screening

Eine Seitendifferenz bedeutet immer, dass eine Überweisung zum Augenarzt nötig ist.

Das Sehen ist ein komplexer Vorgang, die Entwicklung ist zum Zeitpunkt der Geburt noch nicht abgeschlossen. Ein Strabismus kann bewirken, dass ein Kind nur mehr mit einem Auge schaut. Die Folge ist, dass das andere, nicht benutzte Auge die Sehfähigkeit rasch verliert. Deshalb ist es besonders wichtig, dass eine Störung des Sehvermögens bzw. der Sehentwicklung möglichst frühzeitig erkannt und einer geeigneten Behandlung zugeführt wird.

Prof. Dr. Andrea Langmann, Vizerektorin für Personal und Gleichstellung und Ophthalmologin an der Augenklinik der MedUni Graz betonte bei einer Fortbildung für Kinderärzte die Wichtigkeit eines Amblyopiescreening. Die Ärzte Woche bat die Strabologie-Expertin zum Interview.

Seit 1974 gibt es in Österreich den Mutter-Kind-Pass. Neun Mal ist ein Augenscreening bis zum sechsten Lebensjahr vorgesehen und mit zwei Jahren ein Besuch beim Augenarzt. Was ist das Ziel?

Langmann: Die vordringlichen Ziele des Screenings sind die Früherkennung von visuellen Entwicklungsstörungen und/oder von Organanomalien sowie die Vermeidung von Schwachsichtigkeit durch Refraktionsfehler, insbesondere durch Seitendifferenzen in der Refraktion. Diese lassen sich durch die Skiaskopie im zweiten Lebensjahr beim Facharzt herausfiltern. Idealerweise sollte in den ersten sechs Lebensjahren jährlich beim Kinderarzt oder Allgemeinmediziner eine monokulare Sehprobe zum Beispiel mit dem Lea-Hyvärinen-Test gemacht werden und bei Auffälligkeiten frühzeitig eine Überweisung zum Augenfacharzt erfolgen.

Wann besteht bei Kindern hundertprozentiges Sehvermögen?

Langmann: Spät. Erst ab einem Alter zwischen sechs und zehn Jahren.

Im ersten Lebensjahr beträgt die Häufigkeit von Amblyopie ein bis eineinhalb Prozent. Fünf Jahre später sind es bis zu sechs Prozent – wie kommt es zu diesem Anstieg?

Langmann: Bei Geburt ist die Amblyopie durch Organanomalien, Deprivation durch Ptosis oder kongenitalen Katarakt sowie kongenitales Schielen verursacht. In späteren Jahren verlagert sich die Ursache zu Refraktionsstörungen, Ametropien und vor allem zu Anisometropien, also seitendifferenter Refraktion, oder zu erworbenen Schielformen. Dadurch steigt der Anteil der schwachsichtigen Kinder auf sechs Prozent.

Warum ist es oft zu spät für eine Korrektur der unbehandelten Amblyopie? Warum hilft dann eine Behandlung nicht oder kaum mehr?

Langmann: Nun, wo liegt der Defekt? 1959 zeigten Tierexperimente von Hubel und Wiesel, dass es bei Verschluss eines Auges im Corpus geniculatum laterale zu einer Schrumpfung der zuständigen Zellen kommt. Im visuellen Kortex fand man eine fehlende Erregbarkeit der zuständigen Zellen und einen Anstieg der Zellen, die vom offenen Auge erregbar sind, und keine binokular erregbaren Zellen mehr. All dies ist nur in der sensiblen Phase der Entwicklung des visuellen Systems reversibel, in den ersten Lebensjahren des Kindes.

Was sind simple Untersuchungen, die jeder Allgemeinmediziner oder Pädiater durchführen kann?

Langmann: Die Prüfung beginnt damit, den Blickkontakt mit dem Kind zu suchen. Ist dies möglich? Kann das Kind fixieren? Kann das Kind vertikal und horizontal einem Gegenstand nachfolgen?

Welche Fehler kommen dabei vor?

Langmann: Das Abdecken eines Auges zu vergessen und durch einfachen Vergleich im Reaktionsverhalten der Kinder, die einseitige Amblyopie zu übersehen. Oder beim Stereotest nach Lang das alleinige Zeigen der Formen als Beweis für volles beidäugiges Sehen falsch zu interpretieren. Die Figuren, die erkannt werden, müssen von den Kindern auch benannt werden.

Wie kann man sich das Sehen eines amblyopen Auges vorstellen?

Langmann: Es kommt zur Verzerrung des Gesehenen. Bilder schwirren wie über heißem Boden. Charakteristisch sind Störungen von Kontureninteraktion, Ortssinn und der Empfindlichkeit gegenüber Lichtunterschieden. So verschwinden und tanzen die Buchstaben und die Lesefähigkeit ist beeinträchtigt.

In welcher Reihenfolge erfolgt die Schielbehandlung?

Langmann: Brille vor Okklusion vor Schieloperation – je jünger das Kind, umso effizienter ist die Therapie, und der Erfolg stellt sich rascher ein.

Was ist Akkomodatives Schielen?

Langmann: Das Akkomodative Schielen kommt vor allem bei Hypermetropie vor und wird durch einen Refraktionsausgleich, also eine Brille, vollständig behoben.

Warum führt kongenitales Schielen seltener zur Amblyopie?

Langmann: Bei kongenitalem Schielen finden wir häufig eine Kreuxfixation durch alternierendes Schielen, wodurch beide Augen am Sehen teilnehmen und dadurch die Schwachsichtigkeit verhindert wird.

Was ist ein Duane Syndrom?

Langmann: Das Duane Syndrom ist eine angeborene Fehlinnervation der Augenmuskeln, die ein Lähmungsschielen – z. B. Abduzensparese – vortäuschen kann. Doppelbilder werden von Kindern durch eine Kopfzwangshaltung ausgeglichen. Wird das rechtzeitig durch eine Motilitätsprüfung erkannt, erspart das dem Patienten später viele Untersuchungen.

Sollte der Brücknertest zum Repertoire jedes Kinderarztes gehören?

Langmann: Ich halte den Brücknertest für eine sehr wichtige Früherkennungsuntersuchung in der pädiatrischen Praxis. Es gehört aber etwas Übung dazu. Wir bieten Kurse für Nichtaugenärzte an. Jedes ungleiche Fundusrot ist pathologisch.

Was ist die wichtigste Botschaft, die Sie vermitteln möchten?

Langmann: Eine Seitendifferenz muss zum Augenfacharzt überwiesen werden. Und zwar sofort.

Das Gespräch führte Karin Reischl

Von Karin Reischl, Ärzte Woche 22 /2009

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