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Fotos (2): Second Sight
Die Patienten müssen lernen, die Lichtmuster zu interpretieren.

Die Bilder einer Miniaturkamera werden in elektrische Impulse konvertiert und drahtlos an Elektroden auf der Oberfläche der Netzhaut übermittelt, wo sie verbliebene Nervenzellen stimulieren.

 
Augenheilkunde 13. Juni 2012

Künstliche Netzhaut

Ein epiretinaler Sehchip verhilft blinden Patienten mit Retinitis pigmentosa zu neuen Seherlebnissen.

Ein winziger Chip, Argus II, verspricht für viele blinde Menschen die Hoffnung, zumindest einen Teil ihrer Sehkraft wiederzuerlangen. Am Uniklinikum Aachen wird er seit Kurzem in das menschliche Auge implantiert. Argus II ersetzt dabei einen Teil der Netzhaut und kommt bei Retinitis pigmentosa zum Einsatz.

 

An dieser erblich bedingten Netzhautdegeneration leiden weltweit etwa drei Millionen Menschen. Die Krankheit zerstört die Photorezeptoren in der Netzhaut – die Patienten erblinden schließlich vollständig.

Argus II, ein Produkt der Firma Second Sight, funktioniert, indem es Videobilder, die durch eine Miniaturkamera in der Brille des Patienten erfasst werden, in elektrische Impulse konvertiert. Diese werden drahtlos in das Auge übermittelt. An der Oberfläche der Netzhaut (epiretinal) befinden sich Elektroden, mit denen verbliebene Nervenzellen der Netzhaut stimuliert werden.

Lichtmuster statt Dunkelheit

Das Resultat: Der Patient erkennt nach meist jahrelanger absoluter Dunkelheit wieder Lichtmuster und lernt mit Hilfe eines Experten, diese zu interpretieren.

Bei Günter P. führte die Erkrankung zu einer fortschreitenden Erblindung. Erst benötigte er eine Brille, dann entwickelte er Nachtblindheit, dann einen „Tunnel-Blick“, bis er vor fünf Jahren vollständig das Sehvermögen verlor. Seit Dezember 2011 lebt er mit einer Netzhautprothese und schildert, was seitdem passiert ist: „Mein Gehirn reagiert wieder auf Licht.“

Zurzeit arbeitet Günter P. mit einem Rehabilitationsexperten. Zu seinen Zielen gehört es beispielsweise, Orientierung und Mobilität im Freien zu verbessern. „Meine große Hoffnung ist, in naher Zukunft unabhängiger zu leben – und dass ich alles, was ich sehen möchte, sehen kann.“

Noch kein vollwertiger Ersatz

Auch wenn Argus total erblindeten Menschen das Augenlicht wiedergibt, bleibt zu bedenken: Einen vollwertigen Ersatz stellt es nicht dar. Prof. Dr. Peter Walter, Leiter der Aachener Augenklinik, erläutert: „Das Sehfeld, in dem mit dem Chip Licht wahrgenommen wird, umfasst im Zentrum etwa zehn Grad. Deshalb ist es sicherlich weiter nötig, einen Blindenstock zu nutzen.“ Der Punkt sei aber: „Menschen, deren Lichtwahrnehmung erloschen war, können sich Hoffnung machen, nach erfolgreicher Operation und mehrmonatiger Reha- und Lern-Phase große Buchstaben und Objekte erkennen zu können.“

Next Generation

Für Patienten, die unter Umständen noch einen Rest Sehkraft besitzen, stellt sich die Frage, ob es sich lohnt, auf die nächste Generation künstlicher Netzhäute zu warten, die möglicherweise ein schärferes Bild und ein größeres Sehfeld ermöglichen. Aktuelle Forschungen zielen allerdings weniger darauf ab, die Anzahl der Elektroden auf der Netzhaut zu steigern. Vielmehr werde der Fortschritt künftig in der Modulation der elektrischen Reize der Kamera liegen, sagt Walter. „Das Ziel ist, dass die künstlichen Impulse die natürlichen Impulse, die die Netzhaut von den eigentlichen Photorezeptoren im Auge gewöhnt ist, noch besser nachahmen.“

Positiv für den Patienten: Der Entwicklungs-Fortschritt bei der Impulsmodulation steht im Rahmen eines Software-Updates allen Argus-Versionen zur Verfügung. Es wird also nicht nötig sein, die Implantate auszutauschen, um am Entwicklungsfortschritt teilzuhaben.

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