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Dr. Helga Azem, Präsidentin der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft
 
Augenheilkunde 15. November 2011

„Gut sehen ist nicht gleich gesund“

Nicht die Bildschirmarbeit macht die Augen krank, sondern kleine Sehfehler machen sich dabei erst bemerkbar. Ein Problem: Betriebe schauen zu wenig auf die Augengesundheit ihrer Mitarbeiter.

Eine Umfrage unter Österreichs Großunternehmen zum Thema „Schlecht Sehen am Arbeitsplatz“, die von Essilor Austria und den Augen auf!-Optikern initiiert wurde, zeigt Informationsmängel auf. Die Ärzte Woche sprach mit Dr. Helga Azem, Präsidentin der Österreichischen Ophthalmologischen Gesellschaft, darüber, welche Maßnahmen nötig wären, um Sehkraft und Augengesundheit von Arbeitnehmern sicherzustellen.


Frau Dr. Azem, sind Sie zufrieden mit dem, was heimische Unternehmen über Augengesundheit wissen?

Azem: Was die Unternehmen über Augengesundheit wissen, deckt sich mit dem, was die Bevölkerung unter Augengesundheit versteht. Sie wird im Allgemeinen darauf reduziert „Sehe ich gut oder sehe ich nicht gut? Wenn ich gut sehe, bin ich gesund!“. Das ist die Krux in den Unternehmen: Solange ein Arbeitnehmer nicht über einen Schreibtisch stolpert und grobe Probleme hat, ist es damit abgetan. Meistens auch für den Arbeitnehmer.

Merkt er selber, ob er schlecht sieht?

Azem: Wenn man es merkt, dann sieht man meist schon wirklich schlecht. Kleine Sehverschlechterungen werden oft gar nicht wahrgenommen, vor allem nicht, wenn sie nur eine Auge betreffen. Oft ist es so, dass das Auge eine geringe Fehlsichtigkeit kompensieren kann und es nur als unkomfortables oder beschwerliches Sehen empfunden wird. Oder man hat Beschwerden, die man gar nicht auf das Auge schiebt, wie Kopfschmerzen, Druckgefühl, Müdigkeit, Brennen, Tränen und Rötung der Augen. Wenn man Beschwerden hat, ist es höchste Zeit zu versuchen, jedes einzelne Mosaiksteinchen der möglichen Ursachen für sich alleine zu evaluieren und zu verbessern. Licht verbessern, Bildschirmposition optimieren und auch untersuchen lassen, ob ich einen Sehfehler oder eine Augenkrankheit habe. Meist ist es nicht eine Ursache allein. Was Fehlsichtigkeit anbelangt, sind die häufigsten Ursachen eine Weitsichtigkeit, die nicht bemerkt wird im täglichen Leben, und eine kleine Hornhautverkrümmung. Denn nicht die Bildschirmarbeit macht das Auge kaputt, sondern kleine Sehfehler, die der Mensch schon sein Leben lang hatte, verursachen bei der Bildschirmarbeit Beschwerden.

Ist in jedem Fall eine Fehlsichtigkeit schuld an solchen Symptomen?

Azem: Es muss sich nicht immer um eine nicht oder falsch korrigierte Fehlsichtigkeit handeln, sondern es können auch Augenerkrankungen oder andere Krankheiten dahinter stecken. Daher muss man, wie wir das mit unserer Awarenesskampagne seitens der ÖOG starten, die Aufmerksamkeit der Bevölkerung, der Unternehmen und der Arbeitsmediziner ansprechen.

Sind die Unternehmen nicht verpflichtet, sich um die Augengesundheit ihrer Mitarbeiter, die täglich Stunden am Bildschirm arbeiten, zu kümmern?

Azem: Das ist im Arbeitnehmerschutzgesetz geregelt. Als es vor Jahren implementiert wurde, hat man gedacht, dass die Unternehmen ihre Bildschirmarbeiter zu augenärztlichen Untersuchungen schicken werden. Dass sie also Augenärzte ihres Vertrauens suchen und die Bildschirmarbeiter dann in die Ordinationen schicken und ophthalmologische arbeitsmedizinische Augenuntersuchungen machen lassen, auf Kosten des Betriebes. Das hat auch in den Anfangsjahren des Arbeitnehmerschutzgesetzes recht gut funktioniert. Einige große Unternehmen haben das gemacht. Nach einiger Zeit haben sie gemerkt, dass seitens des Gesetzgebers kein Druck kam, sondern nur eine Art Empfehlung. Somit ist das bei wenigen Betrieben geblieben, die anderen haben das wieder eingestellt. Derzeit passiert nichts.

Es gibt das Recht auf eine Bildschirmbrille zulasten des Arbeitgebers.

Azem: Es gibt eine gewisse Unsicherheit im Gesetz, wer die Bildschirmarbeitsbrille bezahlen soll. Nun haben sich die Unternehmen aber mehr oder weniger darauf verständigt, dass sie das zahlen. Wenn vom Augenarzt der Hinweis „Bildschirmarbeitsglas“ vermerkt wird, beteiligen sich die Firmen zumindest anteilig mit einem Pauschalbetrag. Die Firmen zahlen aber nicht die ophthalmologische Untersuchung. Eigentlich müssten sie das, weil es eine arbeitsmedizinische Untersuchung ist. In den meisten Fällen wird das über die Krankenkasse abgewickelt. Das goutieren natürlich die Firmen. Umgekehrt müssen die Betriebe aber wissen, dass viele Mitarbeiter nicht von selbst zum Arzt gehen und Beschwerden haben. Diese können dann aufgrund ihrer Beschwerden nicht so effizient arbeiten. Dadurch entstehen den Unternehmen Kosten.

Wie entstehen diese Kosten?

Azem: Die Kosten entstehen durch Fehlzeiten, Arztbesuche, langsames ineffizientes Arbeiten, Fehleranfälligkeit. Wenn ich verschwommen sehe, die Zeilen verliere oder nicht ordentlich oder so schnell lese und nicht so schnell erfassen kann. Oder ich habe gewisse Probleme wie ein trockenes Auge, durch eine schlechte Korrektur oder was auch immer. Dann arbeite ich nicht so effizient, sondern mache mehr Pausen oder mehr Fehler. Das sind alles Faktoren, die letztendlich Kosten für den Betrieb erzeugen.

Was sollten Firmen für die Augengesundheit ihrer Mitarbeiter tun?

Azem: Es sollte so sein, wie es das Gesetz vorgesehen hat, das würde völlig ausreichen. Dieses sieht vor, dass jeder Arbeitnehmer, der Bildschirmarbeit leistet, das Recht auf eine augenärztliche arbeitsmedizinische, also ergophthalmologische Untersuchung und gegebenenfalls auf eine speziellen Arbeitsbehelf hat.

Sollte der Betriebsarzt die Mitarbeiter darauf hinweisen?

Azem: Wir Augenärzte haben das versucht, es geht mehr oder weniger gut, wir haben aber viele Betriebsärzte, die wir nicht erreichen oder die vom Betrieb das „No“ bekommen.

Wie sollte es idealerweise ablaufen?

Azem: Unser Wunsch wäre, dass sich ein Betrieb einen Augenarzt nimmt und sagt, einmal im Jahr kommt ein Augenarzt ins Haus. Wir stellen Equipment zur Verfügung, das ist für 2.000 bis 3.000 Euro anmietbar, und ich hole eine Woche lang einen Augenarzt oder mehrere Augenärzte ins Haus. Diese machen eine Reihenuntersuchung für Bildschirmarbeitnehmer. Wesentlich ist auch die Tätigkeit des Betriebsarztes. Er hat seine Aufgabe zu erfüllen, es geht nicht nur darum, ob jemand einen hohen Blutdruck oder einen Diabetes hat, sondern auch darum, nach Augenproblemen zu fragen und bei Auffälligkeiten ihn zum Augenarzt zu schicken mit einer betriebsärztlichen Überweisung. Und nicht zu sagen: „Gehen Sie bitte zum Augenarzt und nehmen Sie den Krankenschein mit. Aber bringen Sie mir einen Befund, weil den brauche ich.“ Das kann es nicht sein. Das wollen die Augenärzte nicht und auch die Kasse nicht.

Wie kann mehr Bewusstsein erzielt werden?

Azem: Die Angriffspunkt sind sicher der Betriebsarzt und dann die Betriebe und Vorgesetzten, und auch der Arbeitnehmer muss sich seiner Rechte bewusst sein und diese in Anspruch nehmen.

Arbeitnehmerschutzgesetz: http://www.arbeitsinspektion.gv.at/NR/rdonlyres/6B70F952-D5AE-4DBB-AE36-A0183E1B172A/0/ASchG.pdf

„Schlecht Sehen am Arbeitsplatz“
Der Informations- und Kommunikationsbedarf zum Thema Sehkraft ist sehr hoch.

In größeren Unternehmen gehört es zu den Aufgaben des Betriebsarztes, sich darum zu kümmern, dass Mitarbeiter – insbesondere, wenn es sich um Bildschirmarbeiter handelt – gut sehen können. Eine OGM-Umfrage zeigt, dass es den befragten Firmen kaum bewusst ist, dass Fehlsichtigkeit zu erhöhten Kosten führen kann.
Im Mai und Juni des Jahres stellte die Österreichische Gesellschaft für Marketing, OGM, im Auftrag von Essilor Austria und den „augen auf!“-Optikern Großunternehmen mit 100 Mitarbeitern und mehr aus allen Branchen Fragen zum Thema „Schlecht Sehen am Arbeitsplatz“. Die Auswahl der Quote erfolgte hinsichtlich Bundesland und Branche, 308 Interviews wurden per Telefon geführt.
Dabei stellte sich heraus, dass sich rund die Hälfte der großen Unternehmen mit dem Thema bereits auseinandergesetzt hat. Im Umkehrschluss bedeutet das jedoch auch, dass für jedes zweite Großunternehmen die Sehfähigkeit von Mitarbeitern noch gar kein Thema war. So sind „Ursachen aufgrund von Fehlsichtigkeit den befragten Unternehmen kaum bewusst, obwohl diese zu höheren Kosten führen und in den Unternehmen nun krisenbedingt das Kostenbewusstsein sehr hoch ist“, schreibt OGM in der Zusammenfassung der Umfrageergebnisse. Weil das aber so ist, würden die Fehlsichtigkeitsfolgen in den Unternehmen auch nicht gemessen. Zwei Drittel der Großunternehmen erfassen in diesem Zusammenhang gar nichts.
Dennoch gibt es Maßnahmen zur Korrektur der Fehlsichtigkeit. Die Verantwortung dafür liegt meist in den Händen des Betriebsarztes oder der Betriebsärztin. Diese(r) kommt den Befragten auch am ehesten in den Sinn, wenn sie an die Sehkraft der Mitarbeiter denken, da das Vertrauen in die Mediziner hoch ist. Augenärzte werden immerhin noch zu 18 Prozent, Optiker zu sechs Prozent als mögliche Informationsquelle genannt (Mehrfachnennungen waren erlaubt). Die OGM schließt daraus, dass die Gruppe der Betriebsärzte daher am ehesten für das Thema Sehkraft von Betriebsangehörigen zu sensibilisieren wäre und „ins Boot geholt“ werden könnte, da sie als Multiplikator in den Unternehmen zu diesem Thema wirken könne.
Als Maßnahmen, um die Korrektur von Fehlsichtigkeit zu erhöhen, werden von den Unternehmen vor allem Arbeitsbegehungen und Arbeitsplatzgestaltung (34 %) genannt, konkret werden die Arbeitsmediziner der AUVA gemeint.
Der Informationsbedarf für die Unternehmen ist hoch: Rund ein Viertel fühlt sich eher ungenügend über das Thema „schlecht sehen am Arbeitsplatz“ informiert. Andererseits wissen 84 Prozent, dass sie die Kosten einer Bildschirmbrille übernehmen müssen.
IS

Das Gespräch führte Inge Smolek

, Ärzte Woche 46 /2011

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